Oft kamen ihm die Tränen, wenn er an seine Geburtsstadt gedacht hat. Aus Liebe zu Hammelburg kehrte Arnold Samuels in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach zurück, pflegte etliche Freundschaften, unter anderem im Arbeitskreis Letzte Spuren bewahren. 2013 trug er sich bei einem städtischen Empfang noch einmal ins Goldene Buch der Stadt ein.

Denn bei aller Trauer und Wut über die erlebten Schrecken in seiner Heimat bedeutete es ihm viel, sich und andere hier mit dieser Vergangenheit zu konfrontieren. Vor allem wollte er die Nachwelt warnen, das Land noch einmal so ins Unglück zu stürzen.

Glückliche Kindheit

Seine wechselvollen Lebenserfahrungen teilte er auch bei Vorträgen an Hammelburger Schulen mit. Dabei schwärmte er rückblickend von einer glücklichen Kindheit in seiner Heimatstadt, als Juden und Christen noch hilfsbereit zusammenlebten. Doch 1933 begann das Unheil. "Über Nacht waren wir isoliert und durften nicht mehr mit unseren Freunden spielen", pflegte er zu erzählen. Auf offener Straße musste er sich mit vielen anderen Juden plötzlich beschimpfen lassen. Seine Lehrer am Progymnasium versetzten ihn in die letzte Reihe.

Die Anfeindungen wurden schließlich so unerträglich, dass ihn seine Eltern 1935 in eine jüdische Schule nach Burgpreppach schickten. Mit elf Jahren hieß es Abschied nehmen. Doch auch die Eltern sahen in Hammelburg keine Zukunft mehr. Sie verkauften ihre Getreidehandlung unter dem Eindruck des feindlichen Klimas in der Stadt. Willi und Blanka Samuel zogen mit ihren beiden Söhnen 1936 nach Hamburg. Nach dem Pogrom emigrierten sie nach New York.

Erst dort nahm Arnold Samuels seinen neuen Namen an, vorher hatte er Kurt Samuel geheißen. Um seine Verwandten und Glaubensgenossen zu befreien, ging er mit 19 Jahren zur US-Armee. Dort waren Immigranten mit guten Ortskenntnissen in Deutschland. Als Soldat landete er im Oktober 1944 an der Atlantikküste in Frankreich.

Der Auftrag seiner Einheit war es, im Auftrag des militärischen US-Geheimdienstes Verantwortliche des Regimes und SS-Soldaten aufzuspüren und gefangen zu nehmen. Mit falschen deutschen Pässen operierten sie zum Teil hinter den feindlichen Linien. Zu seiner Einheit gehörte auch der spätere US-Außenminister Henry Kissinger.

Besonders bewegend war es für ihn, als im Frühjahr 1945 seine Infanteriedivision über Bad Nauheim und Bad Orb nach Bad Brückenau vorstieß. Als Hammelburg in der Nacht auf den 7. April 1945 kapitulierte, nutze er dies für einen Abstecher. Zufällig konnte er dabei Freunde aus Kindheitstagen wieder in die Arme schließen. Auch sah er sein Elternhaus wieder und die jetzt zerstörte Synagoge. Verwandte gab es keine mehr, viele waren in den Konzentrationslagern ermordet worden. Andere Freunde aus Kindheitstagen waren im Krieg gefallen.

Schreckliche Eindrücke

Für Erinnerungen blieb wenig Zeit. Seine 45. US-Infanteriedivision rückte weiter in Richtung Süden vor, um das KZ Dachau zu befreien. Arnold Samuels war einer der ersten Aufklärungssoldaten, die auf das Gelände vordrangen. Der Anblick hunderter hungernder und tausender toter Häftlinge war ein prägendes Erlebnis, das Arnold Samuels sein Leben lang begleitete.

1947 kehrte Arnold Samuels in die USA zurück. Er arbeitete für die amerikanische Regierung als Radiotechniker beim Rundfunksender "Voice of America" der US-Armee. 1980 ging Arnold Samuels in den Ruhestand und zog mit seiner Frau Phyllis nach Ocean Shores an die Westküste der USA. Sie starb im Jahr 2000. Zuletzt lebte er dort in einem Altenheim.

Geehrt fühlte sich Samuels, als die Stadt Hammelburg 1995 eine Delegation einlud, um den Beitrag jüdischer Mitbürger für die Entwicklung der Stadt zu würdigen und gleichzeitig an die Opfer des Holocaust zu erinnern. Für Samuel Sichel, den Großvater von Arnold Samuels, wurde ein Gedenkstein am gleichnamigen Platz aufgestellt. Hier hatte die Familie einen Getreidehandel betrieben.

Samuels mahnte bei dem Anlass, sich stets daran zu erinnern, dass Hammelburg einmal eine blühende jüdische Gemeinde war und Kultur hatte, die in die christliche Gemeinde integriert war. Der jüdische Friedhof in Pfaffenhausen, wo auch Vorfahren Samuels bestattet sind, ist nun eines der letzten Zeugnisse jüdischen Glaubens in Hammelburg. Die junge Generation in Deutschland, die ganze Welt, müsse lernen, was Religionshass und Intoleranz hervorbringen. Bei einem Besuch 2013 am Frobenius-Gymnasium äußerte er vor den Schülern Freude über die Entwicklung in Deutschland. Aber eines schrieb er den Schülern besonders ins Gewissen: "Passt nur auf, dass dies nicht wieder passiert." Wolfgang Dünnebier