Die Kinder-, Jugend- und Familienhilfe gehört zu den Pflichtaufgaben des Landkreises. Daher gibt es bei den Haushaltsberatungen zu diesem Thema meist nicht viel zu diskutieren. Die Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen, die soziale Gruppenarbeit (zum Beispiel für Kinder psychisch kranker Eltern), die Unterbringung von Pflegekindern oder die Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder - um nur ein paar Bereiche zu nennen - gehören nun mal zu den Aufgaben des Jugendamts.

Am Montag im Kreis-Jugendhilfeausschuss wurde aber doch länger über diesen Haushaltsabschnitt gesprochen, denn hier sind die Kosten stark gestiegen, unter anderem weil die Fallzahlen in der Jugendhilfe in die Höhe gingen und die Plätze in den entsprechenden Einrichtungen immer teurer werden.

Enorme Steigerung des Mittelbedarfs

Weil das Haushaltsjahr 2022 noch nicht abgeschlossen ist, stützt man sich im Jugendamt bei der Planung für 2023 auf den Vergleich der Ansätze für beide Jahre: Vergleicht man die Erträge der Haushaltsjahre 2022 und 2023, so werden diese zwar von rund 1,97 Millionen auf rund 2,78 Millionen steigen (rund 41 Prozent).

Doch auch die Aufwendungen gehen von rund 9,16 Millionen nach oben auf rund 11,03 Millionen Euro. Eine Steigerung von 20,5 Prozent bedeutet konkret eine Erhöhung um 1,87 Millionen Euro. Das prognostizierte Ergebnis (Aufwendungen minus Erträge) lässt aufhorchen: Von 2022 auf 2023 ergibt sich nämlich eine Steigerung des Mittelbedarfs um rund 1,06 Millionen Euro (von rund 7,18 Millionen auf rund 8,25 Millionen Euro).

Landrat Thomas Bold bezeichnete dieses Ergebnis am Montag als "erschreckend".

Im Klartext bedeutet dies nämlich, dass der Kreis 2023 über eine Million Euro mehr an Aufwendungen in der Jugendhilfe zu leisten hat. "Das entspricht einem Punkt Kreisumlage", stellte Bold ernüchtert fest. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

Fachpersonal fehlt zunehmend

Dass die Aufwendungen so stark ansteigen, hat mehrere Gründe, wie Jugendamtsleiter Manfred Kutz in der Sitzung erläuterte. So haben sich zum Beispiel die Kosten für die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in stationären Einrichtungen inzwischen massiv erhöht. Dort fehlt, laut Kutz, auch zunehmend Fachpersonal, so dass die Einrichtungen bestimmte Gruppen schließen mussten oder auch ganze Häuser bereits zu sind (zum Beispiel das Antonia-Werr-Zentrum in Schweinfurt).

Immer öfter seien in der näheren Umgebung dann keine freien Plätze mehr für die Kinder und Jugendlichen zu finden, die Hilfe brauchen, sagte Kutz. Dann müsse man vonseiten des Jugendamts telefonisch in ganz Deutschland auf die Suche nach freien Heimplätzen gehen.

Das gilt auch für Kinder und Jugendliche, die - meist unerwartet und nicht selten an Wochenenden - aus den Familien heraus und in Obhut genommen werden müssen, so Kutz nach der Sitzung im Gespräch mit dieser Redaktion.

Wenn in diesen Fällen nicht sofort Heimplätze zur Verfügung stehen, müsse das Jugendamt andere Lösungen suchen. So werden diese Kinder und Jugendlichen, nach Kutz' Angaben, mittlerweile auch vorübergehend in Bereitschaftspflegefamilien untergebracht.

Inobhutnahmen steigen stark

Generell ist die Zahl der Inobhutnahmen stark gestiegen, was ebenfalls zur Kostensteigerung beiträgt. Für den Haushaltsansatz 2022 hatte man einst 19 Fälle angenommen. Bis jetzt wurden aber bereits 28 Fälle registriert - und es könnten bis Jahresende noch mehr werden, sagte Kutz. Der Mittelbedarf in diesem Produktbereich wird für den Etat 2023 nahezu dreimal so hoch angesetzt (von 102.500 auf 297.500 Euro).

Hinzu kommt, dass Jugendliche, die in stationären Einrichtungen untergebracht werden, künftig nicht mehr zu einem eigenen Kostenbeitrag herangezogen werden sollen. Laut Kutz mussten sie früher 75 Prozent ihres Verdienstes zur Finanzierung des Heimaufenthalts beitragen.

Später wurden daraus 25 Prozent. Jetzt soll der Kostenbeitrag, nach Angaben des Jugendamtsleiters, ganz gestrichen werden.

Fälle immer komplexer

Im Jugendhilfe-Etat lässt sich schwerlich sparen, sagte Landrat Bold am Montag. Die Fälle würden immer komplexer. Dies habe mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun. "Die Familien- und Sozialstrukturen haben sich stark verändert." Es gebe zwar wieder mehr Kinder, aber eben auch mehr Kinder und Jugendliche, die in problematischen Familien leben. Bold: "Wir sehen das mit Sorge."

Auch was die Zuteilung von unbegleiteten minderjährigen Ausländern (UMA) vom Freistaat, über den sogenannten Königsteiner Schlüssel, an den Landkreis Bad Kissingen angeht, sei die künftige Situation nicht absehbar. In den vergangenen Monaten hätten sich die Zahlen wieder erhöht, sagte Bold. Auch für diese Kinder und Jugendlichen seien nicht immer sofort Unterbringungsmöglichkeiten zu finden. Dann müssten die Minderjährigen vonseiten des Jugendamts dennoch personell begleitet werden - auf Kosten des Kreises.

Kostenerstattungen verzögern sich

Die Kosten für die Unterbringung dieser jungen Flüchtlinge an sich werden zwar vom Freistaat übernommen und über den Bezirk Unterfranken ausgezahlt, müssen aber zunächst vom Landkreis vorgestreckt werden. Nach Angaben von Jugendamtsleiter Kutz dauert es aber sechs Monate, bis das Geld kommt. So dass man für 2023 lediglich die Kostenerstattungen des ersten und zweiten Quartals mit in Ansatz bringen kann. Die Kostenerstattungen für die Unterbringung im dritten und vierten Quartal 2023 würden dann erst 2024 fließen.

Fast wehmütig blickte Landrat Bold in der Sitzung am Montag zurück auf eine Zeit, in der noch vieles in Ordnung schien: 1997 habe der Landkreis mit der Familienhilfe begonnen, sagte er. Damals gab es zunächst lediglich eine halbe Stelle für ambulante Hilfen. Heute bestehe hier ein umfangreiches Angebot von Hilfen, die stark nachgefragt würden. Nach Bolds Ansicht wird das Jugendamt immer mehr zu einer sozialen "Reparaturwerkstatt".Isolde Krapf