Wahrscheinlich wären sie als Königshöfer aufgewachsen und hätten das Leben in der Stadt mitgestaltet, hätte es die NS-Zeit nicht gegeben. Die vier Besucher, Audrey und Michael Goodman mit ihren Kindern Amanda und Brett, die stellvertretender Bürgermeister Philipp Sebald empfing, waren beeindruckt von der Stadt, in der Audreys Vorfahren gelebt haben, bis sie vor den zunehmenden Repressalien gegen jüdische Bürger flohen.
Amanda Goodman war schon einmal
in Bad Königshofen, als sie in Prag studierte. Damals hatte sie sich den ehemaligen Wohnort ihrer Großmutter, Frances Katzenstein, angesehen, die als Fränzi Malzer 1915 in Königshofen geboren worden war. Die Eltern, Max und Bianka Malzer, führten eine Getreidehandlung am Marktplatz (später Firma Zehner) und Albert, der Bruder von Max, betrieb ein Schuhgeschäft im Haus der heutigen Bäckerei Mauer.
Die beiden Brüder, die in Sulzdorf geboren wurden, hatten die Häuser von ihren Eltern geerbt. Amandas Großmutter hatte ihrer Enkelin und ihrer Tochter Audrey von ihren Kindheitserinnerungen erzählt, wie sie ihrem Vater half, Getreide abzuwiegen. Später hatte Fränzi Malzer die Handelsschule in Schweinfurt besucht.


1937 nach England

Sie emigrierte im Mai 1937 nach England und von dort aus 1939 in die USA, wo sie heiratete und den Namen Frances Katzenstein annahm. Auch den Eltern Max und Bianka sowie dem Bruder Hans gelang die Flucht über England in die USA. Onkel Albert starb 1936 in Königshofen und wurde auf dem dortigen jüdischen Friedhof begraben, das Gleiche gilt für seine Frau Regina, die ebenfalls vor den Deportationen in einem Würzburger Altenheim verstarb.
Anlass der Reise der Familie Goodman aus New Jersey nach Deutschland war die Rückgabe von neun Büchern mit religiösem Inhalt, die aufgrund der darin vermerkten Namen Audrey Goodman als Erbin der Familie Malzer zugeordnet wurden. Nach einem Aufenthalt in Berlin war die Familie nach Rostock gefahren, wo Robert Zepf, Direktor der Universitätsbibliothek, die feierliche Übergabe der Bücher vornahm. Sie gehörten zu den 4000 Büchern der Bibliothek, die im Verdacht standen, von den Nationalsozialisten unrechtmäßig beschlagnahmt worden zu sein. Die Bände, darunter fünf Bücher der Thora, waren seit 1942 in den Bestand der Bibliothek eingetragen. Der Rostocker Oberbürgermeister hatte sie dort abgegeben. Indizien sprechen dafür, dass die Bücher von der sogenannten Reichstauschstelle verteilt worden waren. Erbin Audrey Goodman nahm sie am 18. Mai sichtlich gerührt entgegen.
Auch in Bad Königshofen gab es emotionale Momente, vor allem, als mit Erlaubnis der Bewohner die Wohnung über dem Café Heintz am Marktplatz besucht wurde, wo Audreys Mutter 22 Jahre lang, bis 1937, gewohnt hatte. Auch in der Bäckerei Mauer war die Familie auf den Spuren der Vorfahren. Begleitet wurde sie von Elisabeth Börer, die sich mit der jüdischen Geschichte auskennt.


Abstecher nach Sulzdorf

Ein Besuch auf dem Friedhof schloss sich an, auf dem vier Familienmitglieder begraben sind. Ein Abstecher nach Sulzdorf, dem Wohnort des Urgroßvaters, zeigte, dass dort das ehemalige Wohnhaus noch erhalten ist.Von der Synagoge gibt es dagegen keine Spuren mehr. Mit der Geschichte der Stadt hatte zweiter Bürgermeister Sebald die Familie bekannt gemacht, wobei der Gymnasiallehrer Rainer Seelmann als Übersetzer fungierte. Er hat gemeinsam mit Schülern den Verbleib der jüdischen Familien erforscht, die vor der Nazizeit in Königshofen und Umgebung zu Hause waren.
Die Familie Goodman interessierte sich unter anderem für die Partnerschaft mit Arlington, denn Brett mag Baseball und kennt die dortige Mannschaft. "Wiedergutmachung ist angesichts des Unrechts und Leids, das Menschen erleiden mussten, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, kaum möglich", hatte Uni-Rektor Professor Wolfgang Schareck bei der Bücher-Übergabe gesagt. Das gilt auch für den Verlust der Heimat - die eigenen Wurzeln sind nicht ersetzbar.