Wolfi Reichmann sprach von Segelfliegerohren durch das Maskentragen, Ines Procter sah sich verunsichert im Umgang mit den Mitmenschen ("Hamm die des scho ghobt - oder nuch net?"), die Kaufmannsware besang Putin ("In Moskau sitz a Männle") und Fredi Breunig befasste sich am 1. April mit News und Fake News: Die Mundart-Rallye in Wargolshausen, Mittelstreu, Mühlbach und Reichenbach war aktueller denn je.

Ausgelassene Stimmung

Sie fand zwei Tage vor den Pandemie-Gesetzesänderungen noch mit Corona-Beschränkungen statt, die Säle waren vorgabenbedingt nicht ganz ausgelastet, die Stimmung in allen vier Sälen aber ausgelassen. Schließlich war diese beliebte Veranstaltung schon zwei Jahre zuvor angesetzt und zwischenzeitlich zweimal verschoben worden.

Wie sehr die Besucher sich auf einen Hauch von Normalisierung freuten, bewies an allen vier Orten die gute Stimmung. Richtig "ausgehungert" waren die Fans dieser Rallye, die vor einigen Jahren von Fredi Breunig in den Landkreis geholt worden war und die in der Zwischenzeit zahlreiche Nachahmer gefunden hat.

Und so durfte der Tausendsassa in Sachen Mundart aus dem Grabfeld auch diesmal nicht fehlen. Es sind die Dinge des Alltags, die der Träger des Frankenwürfels so herrlich glossiert. Passend zum 1. April hatte er sich des Themas "wahr oder unwahr" angenommen. Zwei Frauen und zwei Männer aus dem Publikum ließ er jeweils eine erdachte und eine wahre Geschichte erzählen. Der in Großeibstadt geborene und in Münnerstadt arbeitende Kabarettist kommentierte sie auf seine unverwechselbare Weise. Und versuchte, der wahren Geschichte auf den Kern zu kommen. Bei der Weinprinzessin von Gollmuthhausen und dem Reichenbacher Schützen, der eine Wildsau mit einem Leopard-Panzer erlegt hatte, lag Breunig jeweils falsch. Diese Geschichten stimmten - überraschenderweise.

Das Quartett "Kaufmannsware" aus der Rhön schlug wieder gekonnt den Bogen vom Grabfeld in die hohe Rhön. Intelligent und pointiert bereicherten die vier "Wilden Schlehen" die Rallye musikalisch, witzig und mit frecher Ironie. Die Sorge, dass es nach zwei Jahren Zwangspause Anfangsprobleme geben könnte, bestätigte sich nicht. Ganz im Gegenteil.

Edith Hüttner, Angelika Enders, Theresa Seiffert und Ilona Zirkelbach hatten den Corona-Stillstand für kreative Neukompositionen genutzt. Und präsentierten gleich mehrere neue Stücke mit perfektem mehrstimmigen Gesang; natürlich nahmen sie im Kanon auch wieder ihr Publikum mit. Bei "Herzmarie, geh net hoi, du hoast so dicke Boi" sangen Frauen und Männer getrennt aus voller Brust mit. Nur mit der "Ode auf den Frühling" lag das Quartett an diesem Tag leicht daneben.

Denn vor der Tür sorgte der verspätete Wintereinbruch für schneebedeckte Straßen und ließ gerade bei den eingesetzten Rallye-Fahrern alles andere als Frühlingsgefühle aufkommen.

Zum ersten Mal in der Rhön war Ines Procter. Die als "Putzfraa" von Fastnacht in Franken bekannte Erlabrunnerin vertrat den "meefränggischen Dialekt" bestens. Wenngleich sie Neutralität versprach, sich von den Helicopter-Müttern heutzutage stark distanzierte und bisher ohne Logo- und Ergotherapeuten in ihrer Erziehung auskam, ließ sie bei der Geschlechterfrage die Männer durchaus etwas schlechter aussehen. Was aber der Begeisterung in den Sälen keinen Abbruch tat.

Sie zog ihr Publikum so sehr in den Bann, dass man vor ihren Pointen eine Stecknadel hätte fallen hören können. Ihre Fans - und davon gibt es sehr viele in der Rhön - quittierten ihren grandiosen Auftritt mit tosendem Applaus.

Früher Stadionsprecher jetzt auf den Rhöner Bühnen

Genauso auch den des Schnellsprechers Wolfi Reichmann. Als ob der Bamberger nach dem kulturellen Corona-Vakuum alles auf einmal herauslassen wollte, so sprühte der Vierte im Rallye-Bunde vor Witz und Klamauk. Der Ex-Pädagoge, Ex-Stadionsprecher des 1. FC Nürnberg und Ex-Sportkommentator des Bayerischen Rundfunks reihte nicht nur Witz und Klamauk aneinander. Er kommentierte auch gleich die WM-Auslosung der Gegner der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, führte die Gender-Manie ad absurdum und klärte auf, wie ein Franke rechnet: "Was kosten die zwei Salatköpf da? Zwei Euro. Und der eine davo? 1,50 Euro. Gut, dann nehm ich den annern!"

Am Ende des Mundart-Marathons zeigten die positiven Rückmeldungen der Besucher, dass die Veranstalter mit der Auswahl der Akteure nicht nur die richtige Wahl getroffen hatten, sondern dass die regionalen Besonderheiten der Sprache es wert sind, ssie gegeneinander "antreten" zu lassen. Dass Mundart auch in der Zukunft erhaltenswert ist, das haben diese Botschafter des Dialekts wieder einmal unter Beweis gestellt. Und Ines Procter antwortete auf die hauptsächlich von ihrem Mann gestellte Frage, Wann kommste widder?, zur Mundart-Rallye: "Wenn Ihr mich wieder wollt, dann bin ich wieder dabei!" Der frenetische Applaus hallt sicherlich noch heute bei ihr nach.

Ansgar Büttner und Michael Nöth