Windheim
Tradition

Seit 1940 an der Orgel

97-jährige Organistin: Ihren ersten Gottesdienst an der Orgel begleitete Adelheid Back im Zweiten Weltkrieg. Seitdem sind rund 20.000 Messen dazugekommen. Das Porträt einer besonderen Frau.
"Es macht mir immer noch Freude!" Adelheid Back ist 97 Jahre alt und spielt inzwischen seit 82 Jahren die Kirchenorgel in Windheim bei Münnerstadt.
"Es macht mir immer noch Freude!" Adelheid Back ist 97 Jahre alt und spielt inzwischen seit 82 Jahren die Kirchenorgel in Windheim bei Münnerstadt. Foto: Foto: Thomas Obermeier
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Der kurze Weg zur Wallfahrtskirche Mariä Geburt ist für Adelheid Back anstrengend geworden. Zu Fuß kann ihn die 97-Jährige bereits länger nicht mehr bewältigen. Einen Führerschein besitzt sie nicht. Doch Freunde helfen gerne, holen sie zu Hause ab: Woche für Woche, Gottesdienst für Gottesdienst spielt die rüstige alte Dame in ihrem Heimatort Windheim (bei Münnerstadt) die Orgel in der Kirche. Noch immer - wie seit mittlerweile unglaublichen 82 Jahren.

Wie oft Adelheid Back das Instrument in der Heiligen Messe schon gespielt hat, das hat sie nie gezählt. Alleine in Windheim, einem Ortsteil von Münnerstadt, dürften es mehr als 20.000 Gottesdienste gewesen sein, die sie über die Jahre musikalisch begleitet hat.

Dazu kommen unzählige weitere Messen in benachbarten Orten, in denen sie immer gerne ausgeholfen hat. Und zu Hause, auf ihrem Keyboard in der Küche, da spielt die 97-Jährige ohnehin fast jeden Abend ihre Kirchenlieder. "Da komme ich nicht aus der Übung", sagt sie.

Es ist ein warmer Julitag. Adelheid Back sitzt an ihrem kleinen Küchentisch, daheim in Windheim, im Hohner Weg, wo sie so lange schon lebt. In dem Haus, das ihr Bruder einst gebaut hat. Verheiratet war sie nie. Sie widmet ihr Leben der Kirche und der Musik. Fotos von Freunden und Verwandten schmücken die Wände. Bilder von früher. Erinnerungen an vergangene Zeiten: Adelheid Back als junge Frau, die auf dem Hof der Familie anpackt. Und natürlich: Adelheid Back an der Orgel.

An ihren ersten Gottesdienst an der Orgel erinnert sie sich genau. Fast auf den Tag 82 Jahre liegt er zurück. "Am 29. Juni 1940", sagt sie. An Peter und Paul, dem Fest der Apostel Petrus und Paulus. 15 Jahre war Adelheid Back damals alt. Das Mädchen hatte sich beim Klavierunterricht gut angestellt und war vom Kaplan gewissermaßen an die Orgel geschoben worden. "Es war Kriegszeit, Nazizeit", erinnert sie sich. Dorflehrer durften an Wochentagen die Orgel nicht spielen, und die Schülerin sollte einspringen.

Eine Handvoll Besucher im Gottesdienst

"Ich habe am Vorabend noch gebetet: Herrgott, schick mir eine Krankheit. Ich hatte wirklich solche Angst, es war ja gleich ein Festgottesdienst. Aber der Papa hat mich beruhigt, und es hat dann doch geklappt. Von da an musste ich eben spielen." Adelheid Back erzählt die Geschichte ihrer Premiere mit leuchtenden Augen, voller Begeisterung, als wäre es gestern gewesen. "Es macht mir immer noch Freude", sagt sie, "ich spiele immer noch sehr gerne."

Einige Tage später: Die Kirche in Windheim ist spärlich besetzt an diesem Donnerstagabend. Eine Handvoll Frauen und Männer betet in den hinteren Reihen den Rosenkranz. Am Altar bereitet Dekan Stephan Hartmann seinen Gottesdienst vor.

Mit kurzen Schrittchen durchquert Adelheid Back das Kirchenschiff, Krücken geben ihr Sicherheit. Der Dekan begrüßt seine Organistin, reicht ihr einige Seiten mit den Liedern für die Messe. Ein kurzer Blick, ein Nicken. Keine Einwände.

Die hat Adelheid Back selten, verrät Stephan Hartmann nach dem Gottesdienst. Auch, wenn im Zweifel immer die Organistin das letzte Wort hätte. "Sie wagt, eigentlich alles zu spielen", sagt der Dekan. "Würdig, korrekt, akkurat bis in die Kleidung hinein", so beschreibt er die ewige Organistin von Windheim. "Sie hat ihre Talente immer mit dem Gedanken gelebt: Ich bin von Gott beschenkt und das muss ich für die Gemeinschaft leben. Das zieht sie bis heute, mit 97 Jahren, konsequent durch."

Dekan Stephan Hartmann hat Vergleichbares in seiner Kirchenlaufbahn noch nicht erlebt. Überhaupt dürfte die 97-Jährige mit hoher Wahrscheinlichkeit eine der ältesten und freilich auch dienstältesten Organistinnen in Deutschland sein.

Im Bistum ist man stolz

Zwar will man sich darauf zumindest im Bistum Würzburg nicht verbindlich festlegen, Diözesanmusikdirektor Gregor Frede sagt aber: "Das Bistum ist stolz auf Menschen wie Adelheid Back. Sie zeichnet eine lebenslange musikalische Erfahrung an der Orgel aus. Sie war immer da, wenn sie gebraucht wurde." Für ihre große Treue zur Kirchenmusik und zur Kirche ist Frede voller Dankbarkeit: "Gottes Segen möge sie begleiten."

Auch wenn nur fünf, sechs Besucher da sind: Adelheid Back begleitet auch diesen Donnerstagsgottesdienst souverän, fokussiert, sicher. Für diese Dreiviertelstunde merkt man der bald Hundertjährigen ihr Alter kaum an. Eine Messe ohne sie, das können die Gläubigen in Windheim sich nicht vorstellen. "Das gab es auch sehr selten", sagt Rosemarie Müller nach dem Gottesdienst.

Immer zur Stelle

Und Helga Hein, die 28 Jahre lang den Pfarrgemeinderat geleitet hat, weiß: "Adelheid ist nicht unterzukriegen. Als ich angefangen habe im Kirchendienst, war sie ja auch schon eine ältere Dame und ich hätte nie geglaubt, dass sie, wenn ich aufhöre, noch immer Orgel spielt. Adelheid ist einfach immer zur Stelle." Zurück im Hohner Weg, am Küchentisch, einige Tage zuvor. Da sagt auch Adelheid Back, dass sie nicht viele Gottesdienste versäumt habe. Auch nach einer schweren Krankheit nicht. "Sobald es gegangen ist, habe ich wieder gespielt." Manchmal sei sie mit Fieber am Instrument gesessen. "Ich bin auch in die Kirche gegangen, wenn es mir richtig mies gegangen ist. Aber ich habe es immer gerne gemacht. Und es ist dann halt auch Pflicht", sagt die 97-Jährige bestimmt.

Nur einmal ans Aufhören gedacht

Ans Aufhören hat Adelheid Back nur einmal gedacht: "Das war noch beim Lernen, als der Bassschlüssel drangekommen ist. Da habe ich gedacht: So ein Blödsinn, warum soll man denn die Noten jetzt anders lesen, als sie dastehen? Das ging nicht in meinen Kopf. Da wollte ich aufhören, ja."

Wieder war es ihr Vater, der sie beruhigte. "Er hat mir gesagt, dass ich so viel geschafft habe und dass ich das jetzt auch schaffen würde. Gott sei Dank." Später sei ihr der Gedanke ans Aufhören nie mehr gekommen.

Geändert haben sich die Umstände. Seit fünf Jahren ist die Empore mit der Orgel für Adelheid Back nicht mehr erreichbar. "Wegen der Hüfte", sagt sie. Eine Lösung gab es rasch: "Ich hatte ja selber eine Orgel, die haben sie mir dann in die Kirche gebracht", erzählt sie. Das elektronische Instrument steht seitdem im Kirchenschiff.

"Dabei ist die schon so lange versprochen", sagt Adelheid Back mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht: ins Nachbardorf Großenbrach, wo sie auch oft schon ausgeholfen hat. "Die haben da so eine Funzel von Orgel, da habe ich immer gesagt, dass sie meine kriegen, wenn ich mal sterbe. Die warten jetzt schon ein paar schöne Jahre."

Ihre Emotionen versteckt Adelheid Back auch mit 97 Jahren nicht. Auch nicht, wenn sie ins Schimpfen gerät. Wie, wenn es um das 2013 und 2014 neu aufgelegte Gotteslob, das Gebet- und Gesangbuch der römisch-katholischen Kirche, geht: "Zehn Jahre haben sie gebraucht, bis es kommt. Und dann war es vermurkst", sagt sie. Warum? "Wir hatten dafür keine Orgelbücher, die Leute aber schon die neuen Gesangbücher. Dann haben wir aus den alten Büchern gespielt, aber die neuen Liednummern angezeigt. Das war wirklich eine Zumutung." Ein junger Mensch komme damit zurecht, sagt sie, ein alter Mensch müsse damit zurechtkommen.

Grundsätzlich ist die Windheimerin offen für neue Entwicklungen. Noch immer übt sie zu Hause neue Stücke ein, will auf dem Stand der Anforderungen bleiben. Mit den Pfarrern, die die Liedauswahl treffen, sei sie immer zurechtgekommen.

Einer habe sie in Anlehnung an die Schutzpatronin der Kirchenmusik einst als die "Heilige Cäcilia von Windheim" vorgestellt. So recht erzählen mag sie das aber gar nicht. Überhaupt verstehe sie die Aufregung um sich selbst und ihr Orgelspiel oft nicht.

Freude bereitet der alten Dame mit ihren langen, weißen Haaren vielmehr, was sie von den Menschen zurückbekommt. Unheimlich viele seien ihr über die Jahre begegnet, natürlich. Und auch viel Idealismus. Alleine 27 Jahre hat sie den Chor im sechs Kilometer entfernten Burglauer geleitet. Stets wurde sie abgeholt und wieder nach Hause gebracht, "zu jeder Probe und zu jedem Auftritt". Zeitweise waren es vier Chöre gleichzeitig. Als sie davon erzählt, wird Adelheid Back nachdenklich. Die Dankbarkeit ist ihr anzumerken.

Aus gesundheitlichen Gründen kann sie selbst nicht mehr singen. Trotzdem leitet sie bis heute das "Chörle" im heimischen Windheim. Und auch dort hat sie ihren persönlichen, verlässlichen Fahrdienst: Freunde, Freundinnen oder Bekannte bringen sie gerne vom Hohner Weg zur Chorprobe oder eben zum Gottesdienst.

Die Wege mögen anstrengend geworden sein. Aber bewältigen wird Adelheid Back sie auch weiterhin.

Weil es ihre Pflicht ist. Aber vor allem, weil sie es immer noch gerne tut. Simon Snaschel