Einen Aktionsplan haben die meisten Bad Kissinger Hausärzte zusammen mit Oberbürgermeister Dirk Vogel ausgearbeitet. Das erste gemeinsame Treffen dazu von sechs Medizinern habe im Juli stattgefunden, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt.

Eingeladen hatte die Allgemeinmedizinerin Susanne Sorgenfrei in ihre Praxisräume. Das Thema drängt, weil im Herbst Versorgungslücken drohen. Altersbedingt möchte Dr. Peter Gleißner seinen Patientenstamm verkleinern. In einem über zweistündigen Austausch seien die aktuellen Herausforderungen aus den unterschiedlichen Blickwinkeln diskutiert worden, heißt es aus dem Rathaus.

Fünf Punkte gegen den Nachwuchsmangel

Der beschlossene Aktionsplan umfasst fünf Punkte. Demnach übernehmen die örtlichen Hausärzte von Anfang Oktober bis Ende März 2022 die befristete Notfallversorgung für Patienten der Praxis von Dr. Gleißner. Verbunden mit dieser Lösung nennt der Plan die "berechtigte Hoffnung", dass bald eine neue Hausarztpraxis in Bad Kissingen öffnet.

Da die Übernahme der Notfallversorgung mit enormem Zusatzaufwand für die einzelnen Arztpraxen verbunden sein wird, bitten die beteiligten Hausarzt-Praxen die Facharztkolleginnen und -kollegen, dass alle fachspezifischen Fragen und Behandlungen ausschließlich dort abgeklärt werden. Nur so kann laut dem Aktionsplan die zusätzliche Anzahl an Patienten pro Hausarztpraxis bewältigt werden.

Ferner wird gemeinsam daran gearbeitet, stille Reserven zu reaktivieren. Gemeint sind Allgemeinärzte, die sich bereits im Ruhestand befinden oder nur noch in Teilzeit angestellt sind. Mediziner aus der Zielgruppe werden gebeten, sich bei der Wirtschaftsförderung im Rathaus zu melden, Tel.: (0971) 807 1080.

Willkommen sind auch neu nach Bad Kissingen gezogene Kolleginnen und Kollegen, die Interesse an einer temporären Tätigkeit nach ihren Bedürfnissen haben. Die Stadt Bad Kissingen wird zusätzlich über ihr Alumninetzwerk "8730" ehemalige Abiturientinnen und Abiturienten ansprechen, die Medizin studiert haben. Ferner fordern die Autoren des Aktionsplanes strukturelle Veränderungen. So werde die Stadt Bad Kissingen mit der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) in Kontakt treten, um die "drohende hausärztliche Unterversorgung" für die Stadt Bad Kissingen festzustellen. Dazu weist die Stadtverwaltung auf die Altersstruktur der Ärzte und der Bevölkerung hin. Eine anerkannte Unterversorgung würde Fördermöglichkeiten für neue Ärzte auslösen und verbesserte Anreize für die Ansiedelung schaffen.

Unter dem Eindruck der aktuellen Lage wollen die Bad Kissinger Ärzte ihre Zusammenarbeit intensivieren. Die Rede ist von Netzwerkbildung und Kooperation im Bezug auf mögliche Förderprojekte, beispielsweise zur Digitalisierung.

Die KVB verweist auf Nachfrage dieser Redaktion auf Gespräche mit potenziellen Nachfolgern für die genannte Praxis. Zwar gebe es von der KVB Programme zur Förderung einer Niederlassung. Diese greifen allerdings nicht in Bad Kissingen, da sich die Versorgung derzeit im Plan befinde, so Pressesprecher Axel Heise.

"Die KVB kann den Status drohende Unterversorgung nicht nach eigenem Ermessen feststellen", stellt er klar. Hierzu greife ein festgelegtes Prozedere: Zwei Mal im Jahr begutachtet der Landesausschuss, bestehend aus Vertretern der Ärzte und der Krankenkassen, die Versorgungslage bei Haus- und Fachärzten sowie Psychotherapeuten in jedem Planungsbereich in Bayern.

Erst wenn dieses Gremium, das völlig unabhängig von der KVB agiert, eine drohende Unterversorgung feststellt, könne die KVB, ebenfalls nachdem der Landesausschuss dies ermöglicht hat, finanzielle Fördermöglichkeiten anbieten. Aktuell hat der Landesausschuss keine Förderung für hausärztliche Niederlassungen im Planungsbereich Bad Kissingen freigegeben.

 Unabhängig von der Versorgungssituation greifen die Fördermaßnahmen des Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege beziehungsweise des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit für verschiedene Arztgruppen und Psychotherapeuten. Hier ist das Kriterium in der Regel nur, dass die Niederlassung in einem Ort erfolgen muss, der weniger als 20 000 Einwohner hat. Laut Bayernportal hat Bad Kissingen (Stand 31. März) rund 22 500 Einwohner.

Mehr Studienplätze

Gleichzeitig verweist die KVB auf den Mangel an ärztlichem Nachwuchs im gesamten. "Daher ist eine Erhöhung der Studienplätze für Humanmedizin in Bayern, wie aktuell an der Uni Augsburg durch eine neue Fakultät, unbedingt notwendig", so Pressesprecher Heise.

Die neue Generation an Medizinern arbeite heute vermehrt angestellt und in Teilzeit. Für das Arbeitsvolumen, das früher ein Arzt geleistet hat, braucht es künftig gegebenenfalls zwei Ärzte in Teilzeit. Hinzu komme: Die Ärzte brauchen vom Gesetzgeber Planungssicherheit und verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen, was den Betrieb ihrer Praxen angeht.

Auch die Landarztquote ist aus Sicht der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns ein Baustein, der dem Arztmangel auf dem Land abhelfen kann. Allerdings wird sich dieses Instrument erst in Zukunft positiv auswirken, wenn diese jungen Kräfte fertig ausgebildet sind.

Filialgründung besprechen

"Die regionale Arztsuche ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bei der die KVB selbstverständlich unterstützt", so Pressesprecher Heise. Kommunen könnten zum Beispiel Kontakt mit umliegenden Vertragsärzten aufnehmen und eine Filialgründung besprechen. Die Politik kann aktiv attraktive Praxisräume anbieten. Auch Arbeitsmöglichkeiten für den Lebenspartner oder die Lebenspartnerin sowie gute Betreuungsmöglichkeiten für etwaig vorhandene Kinder können für einen Arzt oder eine Ärztin gute Argumente sein, sich in Bad Kissingen niederzulassen. Zudem verwies die KVB auf mehrere Förderprogramme für junge Mediziner, wie "FamuLAND", um perspektivisch für eine Niederlassung zu werben. Wolfgang Dünnebier

Versorgungsbereich Bad Kissingen

Anlass für den Aktionsplan örtlicher Hausärzte zur Gewinnung junger Kollegen ist ihre Altersstruktur. Der Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung beziffert den Durchschnitt im Versorgungsbereich Bad Kissingen mit seinen 50 000 Einwohnern auf 61,8 Jahre (in Bayern 55,2). Keine/r der praktizierenden Hausärztinnen und Hausärzte ist demnach (Stand Januar) unter 45 Jahre alt. Von den zehn Hausärztinnen und 26 Hausärzten sind 19 über 60 Jahre alt. Aktualisiert wird der Versorgungsatlas voraussichtlich im September. Quelle: KV