Mit dem 2015 erschienenen Album Achtung belegte die Gruppe Pur direkt den ersten Platz in den deutschen Charts. Beim Schlosspark-Open-Air im Staatsbad Bad Brückenau ist die Formation mit dabei. Bandleader Hartmut Engler (54) im Interview vor seinem ersten Besuch im Sinntal überhaupt.

Werden Sie am Rande des Auftrittes im Staatsbad etwas von Land und Leuten mitbekommen?
Hartmut Engler: Es ist immer schade, wenn man die Frage mit Nein beantworten muss. Wir haben ziemlich viel Termine. Die Band interessiert bei einem Open Air vor allem, ob das Ambiente passt, die Anreise und die Übernachtung. Für Sightseeing bleibt wenig Zeit.

Das klingt nach Stress. Wie viele Konzerte spielen Sie in diesem Jahr?
Es handelte sich im Frühjahr um die zweite Hälfte unserer Achtung-Tournee mit 23 Hallenauftritten, und nun folgen 20 Open-Air-Termine.

Welcher Auftritt ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Für uns als Band sind es besonders die Stadion-Auftritte Pur & Friends in der Arena auf Schalke, die wir alle drei Jahre spielen. Sie sind uns sehr ans Herz gewachsen, weil diese Auftritte ganz anders funktionieren als andere Konzerte.

Was ist da besonders?
Das letzte Mal waren Chris de Burgh, Otto Waalkes, Chris Thompson und Glasperlenspiel dabei. Mit den musikalischen Gästen performen wir dann sowohl Pur-Songs als auch Titel der Gäste. Viele Konzertbesucher waren schon mehrfach dabei.

Spielen Sie lieber in der Halle oder unter freiem Himmel?
Die Mischung macht es. In der Halle haben wir die Möglichkeit, neue Songs vorzustellen und mehr theatralische Effekte zu erzielen. Open Airs sind Familienparties. Mit guter Laune, hoffentlich gutem Wetter, wobei das mit der Laune auch klappt, wenn das Wetter nicht so gut ist.

Über 30 Jahre auf der Bühne. Wie anders fühlt sich das nach dieser Zeit an?
Das Wichtigste ist, dass es immer noch Spaß macht. Ich kann es heute deutlich mehr genießen als früher. Vor einiger Zeit war das immer mit dem Gefühl verbunden, es muss heute ganz toll werden, es muss gigantisch werden, die Leute müssen unbedingt wieder kommen, und vor allem müssen wir allen erklären, was wir für tolle Musik machen. Das Sendungsbewusstsein war in jüngeren Jahren etwas dynamischer. Heute ist es einfach so, dass man Lust hat, einen schönen Abend mit den Leuten zu verbringen und das Ganze eine Nummer entspannter angeht.

Welche Veränderung spüren Sie bei den Fans?
Es gibt die, die mit uns alt geworden sind. Die von Anfang an unseren Weg verfolgen. Und dann gibt es, und das ist unser großes Glück, im Laufe der Jahre schon die dritte Generation von Pur-Fans, die zuhause angesteckt werden von den Eltern, weil sie unsere Musik hören. Oder unser Pur-Partymix gefällt den Jüngeren extrem gut, so dass wir ein bunt gemischtes Publikum durch alle Altersgruppen haben. Uns freut, dass der Andrang von jungen Menschen sehr groß ist.

Dabei treten Sie nie auf der Stelle...
Das Tauschkonzert Sing my Song beim Fernsehsender Vox hat vergangenes Jahr einen gewaltigen Betrag dazu geleistet, dass Menschen unsere Musik noch einmal ganz anders entdeckt haben und jetzt scharenweise zu den Konzerten kommen. Ja, es macht Spaß, nach so vielen Jahren noch angesagt zu sein.

Es wird ja wieder mehr Deutsch gesungen. Was halten Sie davon?
Ich nehme es zur Kenntnis. Offensichtlich haben jetzt mehr entdeckt, dass man sich da sehr, sehr gut ausdrücken kann. Es gab ja Zeiten, da gab es nicht sehr viele deutschsprachige Künstler. Da waren wir schon dabei. Ich finde, das befeuert den Umgang mit der Sprache. Vor allem, was in der Rap-Szene los ist, ist mitunter sehr kreativ. Ich habe zwei Söhne im Alter von 17 und 19 Jahren, die bringen mir das immer näher. Ich finde toll, wie da zum Teil mit Sprache umgegangen wird. Hut ab!

Ihr aktuelles Album heißt Achtung. Der Titel lässt aufhorchen. Machen Sie sich Sorgen?
Ja, ich mache mir schon ein bisschen Sorgen, dass Werte wie Achtung und Respekt in der schnellen und hektischen Spaßgesellschaft etwas zu kurz kommen. Ich kriege über meine Kinder mit, wie im Internet der Umgang und die Sprache verrohen. Der Umgang im Netz wird durch die Anonymität unsensibel. Mit dem Lied Achtung möchten wir darauf hinweisen und die Diskussion anregen.
Welches ist ihr Lieblingslied auf dem Album?
Das wäre jetzt unfair den anderen Liedern gegenüber. Aber ich denke "Wer hält die Welt" mit Xavier Naidoo ist ein besonderes Stück, weil es für uns ungewöhnlich von der Herangehensweise ist. Von der Entstehungsgeschichte her, weil Xavier einen Teil des Textes aufgenommen hat und wir das Ganze auch als Duett singen. Normalerweise bin ich für die Texte alleine zuständig. Es war für mich eine tolle Zusammenarbeit, die mich kreativ extrem weitergebracht hat.

"Wer hält die Welt?" ist eine der grundsätzlichsten Fragen überhaupt. Sind sie ein religiöser Mensch?
Ich bin ein spiritueller Mensch. Mir liegt die buddhistische Philosophie sehr nahe und alles, was in Richtung Meditation geht. Alles, was mich zu einem etwas geerdeteren und ruhigeren Menschen macht. Ich lese viel in diese Richtung.

Schweben Ihnen neue Projekte vor?
Im Moment fokussiert sich erst mal alles auf die Tournee. Das bedeutet viel reisen, eine Menge Auftritte, sich fit halten, gesund bleiben. Wenn das durch ist, hat man erst mal wieder den Kopf frei für ein neues Projekt.

Ein Open Air, bei dem im Tagesabstand auch Joan Baez auftritt, was bewegt Sie da?
Joan Baez und Bob Dylan sind zwei, die auch meinen Musikgeschmack geprägt haben. Als 1961 Geborener bin ich eigentlich etwas hinter dieser Musik, aber mein Bruder ist zwölf Jahre älter als ich, und mit ihm habe ich seine Platten durchgehört. So bin ich eben auch mit den Beatles aufgewachsen. Und gegebenenfalls mit Joan Baez.

Sie ist ja in diesem Jahr 75 Jahre alt geworden. Wäre es ein Ziel für Sie, ebenso lange auf der Bühne zu stehen?
Wenn ich gesund bin und es mir Spaß macht, dann sollte das Alter jetzt nicht unbedingt so eine Rolle spielen. So um dem 50. Geburtstag haben wir uns die Hand darauf gegeben, dass wir so bis um die 60 versuchen, durchzuhalten und fit zu bleiben. Sollte das hinhauen, werden die Karten neu gemischt. 60 ist ja heute in der Musikbranche kein Alter mehr, aber es muss Spaß machen. Es bringt nichts, abends mit kaputten Knien von der Bühne runterzusteigen. Da wir das sehr intensiv betreiben, kann ich mir nicht vorstellen, das bis 75 zu machen. Jetzt freuen wir uns erst mal auf Bad Brückenau.
Das Gespräch führte Wolfgang Dünnebier.