Ist man auf der Poppenrother Straße im gleichnamigen Bad Kissinger Ortsteil unterwegs, sticht es sofort ins Auge: dieses Türmchen, komplett mit Holz verkleidet, mit runden und eckigen Fensterchen und dem silbern glänzenden, auffälligen Außenschornstein, der sich einmal über die komplette Gebäudehöhe streckt. Was ist das denn, mag sich so mancher denken.

Alteingesessene Ortsbewohnerinnen und -bewohner kennen den Turm ganz genau: früher war dort eine Umspannstation, in der elektrische Energie für die allgemeine Versorgung umgewandelt wird. Anfang 2019 hat Torsten Straub das da schon stillgelegte Gebäude gekauft und baut es seitdem um: zu einer Ferienwohnung im Tiny-House-Stil.

"Zielgruppe sind eher junge Leute"

Tiny Houses, zu Deutsch winzige Häuser, sind eben das: kleine Häuser mit wenig Grundfläche, die aber alles Notwendige in sich tragen. Entstanden ist der Trend in den USA. Der Poppenrother Tiny Tower, oder Mini-Turm, fußt auf neun Quadratmetern, ist drei Meter breit und ebenso lang. Auf vier Stockwerken sollen Heizung, Bad, Küche, Esszimmer sowie Wohn- und Schlafbereich Platz finden.

Der Umbau ist fast abgeschlossen, im Sommer sollen erste Übernachtungsgäste einziehen. Gar zu unbeweglich sollten die Besucher dann aber besser nicht sein. Es strengt schon etwas an, die schmalen Treppenstufen in den Zimmerecken hinaufzukraxeln. "Zielgruppe sind eher junge Leute", sagt der Gastgeber, der beim Innenausbau mit vielen Holz-Elementen auf urige Gemütlichkeit setzt.

Besonders heimelig ist das Schlafzimmer direkt unter dem Dach. Der Lattenrost liegt auf dem Holzfußboden schon bereit, das Dachfenster bietet einen Ausblick bis hinüber nach Hammelburg.

"Und im Hochsommer ist es durch die dicke Dämmung angenehmer als draußen", sagt Straub, für den klar ist: "Ich will der Erste sein, der hier übernachtet und freue mich schon sehr darauf."

Viele Mitstreiter

Eher zufällig hatte Straub über einen Bekannten erfahren, dass der Turm zum Verkauf stehe. "Ich habe schon immer die Einstellung: Was zu einem kommt, ist positiv", erzählt er. Der 39-Jährige war seinerzeit eigentlich auf der Suche nach zusätzlicher Lagerfläche. Keine 1000 Euro habe er den Stadtwerken für die alte Umspannstation schließlich gezahlt.

Erst fast ein Jahr später stand aber fest, was Straub tatsächlich mit dem Gebäude anfangen wird. "Ende des Jahres wollte mir den Turm jemand abkaufen und eben zu einem Hotel umbauen. Ich wollte aber lieber selbst etwas Verrücktes daraus machen", erzählt er. Gemeinsam mit zwei befreundeten Architekten habe er schließlich die Pläne für sein Projekt entworfen.

Erzählt Straub davon, beginnen seine Augen zu leuchten und man sieht ihm Freude und Begeisterung an. Auch wenn er zugibt: "Ich hatte mir das Bürokratische etwas einfacher vorgestellt." Fast ein halbes Jahr habe es gedauert, bis alle Anträge genehmigt waren und die Arbeiten im Sommer 2020 wirklich losgehen konnten. Der Enthusiasmus sei dabei allerdings nicht verloren gegangen.

Zimmermann und Bauzeichner

Für die praktische Umsetzung seiner Vorstellungen kam Straub seine berufliche Vita entscheidend zugute. "Ich bin gelernter Zimmermann und habe eine Umschulung zum Bauzeichner gemacht", erzählt er und weiß: "Ohne Freunde und Verwandte hätte das nie funktioniert." Zum Glück hat er im Bekanntenkreis und in der Familie Maler, Verputzer, Zimmerer und eben Architekten. Der finanzielle Rahmen für den Umbau hielt sich deshalb in Grenzen, verrät Straub.

Bei der Frage nach dem zeitlichen Aufwand muss er nachrechnen, bis er auf geschätzte 1000 Arbeitsstunden kommt. "Mindestens. Ich führe nicht Buch, aber es war schon am Limit", sagt der inzwischen in der IT beschäftigte, gebürtige Hassenbacher, der in Poppenroth ein Haus gebaut hat und dort mit seiner Frau und zwei Kindern lebt.

Nachhaltiger Ansatz wichtig

Freilich sei die Familie in den letzten Monaten etwas zu kurz gekommen, sagt Straub. "Deshalb freue ich mich, dass ich das Projekt bald sozusagen von der Backe habe." Dennoch habe er schon wieder neue Ideen. "Es wird wohl ein Bauwagenprojekt geben", meint Straub und grinst verschmitzt.

Bis es damit losgeht, kann er sich aber zuerst einmal am Geleisteten erfreuen: "Manchmal mache ich mir abends ein Bier auf und laufe zehn Mal im Turm hoch und runter. Es gefällt mir einfach richtig gut und ich habe damit ja auch nicht angefangen, um Geld zu verdienen. Für mich ist es einfach ein tolles Projekt, das ich mit anderen Leuten teilen kann. Viele freuen sich mit mir und ich kann den Menschen so auch ein bisschen zeigen, dass man nicht immer gleich alles abreißen und wegwerfen muss."

Mehr zum Projekt hier und auf dem Instagram-Account "umspannstationpoppenroth". Simon Snaschel