Peter Stanzels Schultag beginnt um 7.30 Uhr. Rechner hochfahren, Dateien und Arbeitsblätter vorbereiten. Der 33-jährige Klassenlehrer der Mittelschule Bad Neustadt sitzt in Euerdorf in seinem Büro, seinem persönlichen Lehrerzimmer gleichermaßen. Wo genau seine Schüler der 8. Klasse im 30 Kilometer entfernten Bad Neustadt sind, kann er nur erahnen.

Seit Ende der Weihnachtsferien ist Distanzunterricht angesagt. In Zeiten von Homeschooling ist er digital vernetzt mit ihnen. "Ich sehe, wer von meinen 23 Schülern eingeloggt ist in unserem digitalen Klassenraum. Ob sie aber am Schreibtisch sitzen oder im Bett liegen, das sehe ich nicht!"

Wenn sich die virtuelle Hand meldet

Um 7.45 Uhr geht Stanzel online - für die Morgenrunde mit seinen Schülern. Die sind mit ihm über MS Teams verbunden. Das ist eine von Microsoft entwickelte Plattform, die Chats, Besprechungen, Notizen und Anhänge kombiniert. Um 8 Uhr startet der Unterricht. Stanzels Schüler sind über die Anwenderliste auf seinem Bildschirm per Namen präsent. Wenn einer etwas sagen will, dann meldet er sich. Ein Hand-Symbol zeigt das an. "Wir haben vereinbart, dass die Video-Funktion ausgeschaltet bleibt, sonst ist die Verbindung nicht immer stabil", erzählt der junge Lehrer.

Technisch funktioniere die Software gut. Schwierigkeiten sehe er nur, wenn es um die Endgeräte der Schüler geht. "Vielfach haben die Mädchen und Jungen nur Handy oder Tablet mit kleinem Bildschirm und keinen Drucker. Das ist für das Arbeiten mit Arbeitsblättern nicht optimal." Stanzel, der für das Gymnasiallehramt die Fächer Deutsch und Sport studiert hatte, hat für die Arbeit an der Mittelschule eine Zusatz-Qualifikation absolviert. Jetzt gibt er Deutsch, Mathe, GPG (Geschichte/Politik /Geographie), NT (Natur und Technik) und Sport. "Ich muss eben meine Aufgaben so stellen, dass nicht so viel zu schreiben ist", erklärt er.

Klare Tages-Struktur von 8 bis 13 Uhr

Ihm ist es im Homeschooling aber sehr wichtig, dass die Schüler eine klare Tages-Struktur haben. Die Kernzeit ist festgelegt von 8 bis 13 Uhr. Deshalb Punkt 8 Uhr, Morgen-Konferenz mit allen Schülern. Sollten einige fehlen, sieht er es an der Anwenderliste in der Software. "Die Fehlenden melde ich an das Sekretariat. Wir haben schließlich Schulpflicht!" Die Morgenkonferenz beginnt er gewöhnlich mit einer Runde zu technischen und schulischen Fragen. "Da können die Schüler aber auch erzählen, was sie sonst so beschäftigt!" Danach werde in dieser Digital-Konferenz der Unterrichtsstoff vertieft und neuer Stoff besprochen. Sollten Fragen auftauchen, sieht er es am virtuellen Hand-Heben. "Die rufe ich dann auf!" Ein Unterrichtsgespräch wie im analogen Klassenzimmer ersetze das nicht. Allerdings: "Ich verschicke die Dateien und meine Powerpoint-Präsentation an alle Schüler, so dass sie selbst bei ihren Hausaufgaben nacharbeiten können. Das hilft dem ein oder der anderen sogar, den Stoff besser zu verstehen."

Diese Konferenz dauert etwa zwei Stunden. In den ersten Tagen nach den Ferien sei sie super geordnet gelaufen. Nach dem digitalen Input - so gegen zehn Uhr - sind die Schüler dran, sie machen Hefteinträge und ihre Aufgaben. "Ich lasse mir Fotos schicken, um mich einerseits rückversichern zu können, dass sie ihre Aufgaben auch gemacht haben. Andererseits kann ich da schon erste Feedbacks geben, bei Mathe beispielsweise", erzählt Stanzel.

Größtenteils sind seine Schüler zuverlässig. "Zu 95 Prozent schicken sie ihre Aufgaben mir zu. Da blinkt es alle paar Minuten auf meinem PC, wenn die Fotos ankommen", lacht er. Und die, die nicht zurückschicken, seien meist die, die auch im normalen Unterricht immer angestoßen werden müssten. "Und die, die in Präsenz fleißig sind, sind es auch im Distanzunterricht", weiß er. Schon einige Male hat er abwägen müssen, ob er fehlende Hausaufgaben noch mal bei den Schülern selbst anmahnt oder schon die Eltern anruft.

Einige Leihgeräte für Schüler

Es könne auch durchaus sein, dass einige Schüler ihre Aufgaben erst später schicken, weit nach der vereinbarten Kernzeit. "Das kann allerdings auch damit zusammenhängen, dass beispielsweise das eine Tablet oder der PC der Familie von Geschwisterkindern belegt ist", hat Stanzel erfahren. Teilweise haben die Kinder auch Laptops als Leihgeräte von der Schule bekommen. Aber: "Ab 17 Uhr ist für mich wirklich Schluss. Sonst kommt man aus dem Hamsterrad nicht raus." Und Stanzel hat ein Lob für seine Schüler parat: "Die halten sich daran!"

Es läuft besser als im ersten Lockdown

Anders als noch im ersten Lockdown im Frühjahr 2020. Da hat er schon mal nachts um 12 Uhr Mathe-Aufgaben zurückbekommen und sie verbessert. "Das läuft jetzt wirklich viel besser. Auch mit den Kollegen. In MS Teams ist das ganze Kollegium versammelt. Da hilft man sich ganz viel untereinander!", sagt Stanzel. Allerdings gibt er unumwunden zu, dass seine Gefühle als Klassenleiter manches Mal Achterbahn fahren. "Einmal fühle ich mich ganz cool, wenn alles klappt. Eine halbe Stunde später aber gibt's den Tiefschlag - und ich frage mich, wie wir das alles schaffen sollen bis zur Quali-Prüfung." Das aber könnte so im normalen Präsenz-Unterricht auch passieren. Michael Nöth