Die älteste Scheurebe der Welt wächst im nördlichsten Weinbaugebiet Frankens, in Machtilshausen. Das jedenfalls sagt Josef Engelhart, Weinbautechniker der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim.


Viel Erfahrung nötig

Engelhart ist einer von deutschlandweit fünf Ampelographen. Ein Ampelograph ist ein Rebsortenkundiger, der Rebsorten erkennen und beschreiben kann. Ein Wissen, das man nirgends studieren, sondern sich nur mit viel Erfahrung aneignen kann. "Und eigentlich nur sechs Wochen im Jahr ausüben", sagt Engelhart. Um bei einem Rebstock die Sorte feststellen zu können, muss dieser reife Trauben und typische Blätter haben. Was eben nur wenige Wochen im Jahr, mit Beginn der Weinlese der Fall ist.
Edgar Wallrapp, Weingutsbesitzer aus Theilheim Bei der LWG ist Engelhart zuständig für das Sachgebiet Weinbau und Qualitätsmanagement und in erster Linie damit beschäftigt, die Silvanerrebe zu verbessern. In seiner Tätigkeit, aber auch privat, reist der fränkische Winzersohn viel in Weinbaugebieten, nicht nur in Bayern, umher. Vor drei Jahren entdeckte er dabei besagte Scheurebe in dem kleinen Weinberg in Machtilshausen. Der Wengert gehört seit 20 Jahren Edgar Wallrapp vom Bioweingut Wallrapp in Theilheim (Lkr. Würzburg).
Wer die Rebstöcke in dem Steilgelände angelegt hat, weiß keiner mehr ganz genau, zu häufig wechselte der Wengert die Besitzer. Klarer ist der Zeitpunkt: Alles weist darauf hin, dass es im Jahr 1932 der Fall war. "Damals wurde die Scheurebe, die damals noch Dr.-Richard-Wagner-Rebe hieß, bei uns schon verbreitet", erläutert Engelhart.
In Machtilshausen steht der betreffende Wengert mittlerweile ziemlich alleine und ist zudem deutlich reduziert. Die steilen Hänge, mit dem geringen Ertrag will sich heutzutage keiner mehr antun. Ein Weinberg nach dem anderen wurde aufgelassen. Heute wuchern dort rundum Kräuterwiesen und Hecken. "Eine Umgebung, die man auch in dem Wein schmeckt", sagt Engelhart.


Nur mit Handarbeit

Nur der obere Teil des Hangs wird nach wie vor bewirtschaftet, mehr aus Liebhaberei als wegen des Profits. Natürlich so, wie es der Philosophie der Winzerfamilie entspricht: biologisch. Und weil das Gelände und die früher übliche Enge zwischen den Rebzeilen anderes gar nicht zulässt, ausschließlich mit der Hand.
"Ich habe den Weinberg damals gekauft, weil es mich gereizt hat, mal etwas anderes zu probieren", erinnert sich Wallrapp. In dem kühleren Mittelgebirgsklima und auf den kargen Muschelkalkböden schmecken die Trauben und demzufolge der Wein ganz anders als auf den schwereren Böden des oberen Muschelkalks in Theilheim. Den letzten Ausschlag, den Wengert weit weg von zu Hause zu erwerben, gab das kleine Häuschen am oberen Ende des Wengerts.
Das gefiel vor allem Wallrapps Frau, und so kam es, dass die begeisterten Rhönwanderer seitdem jedes Jahr etwa 300 Flaschen Machtilshausener Scheurebe ausbauen - und manchen freien Tag mit dem Blick auf die Vorrhön beendeten.
"Meine Theilheimer Scheurebe eignet sich als Aperitif oder zum Dessert. Die aus Machtilshausen eher nicht." Die passe besser zu asiatischen Gerichten - oder eben zu einem gemütlichen Dämmerschoppen.


Alte Rebe ist eigenwillig

So wie sie steht, erklärt Engelhart, dürfe man die Machtilshausener Scheurebe heute gar nicht mehr pflanzen. Die Rebe ist wurzelecht, also noch nicht auf die amerikanischen Wurzeln aufgepfropft, wie heute zum Schutz gegen die gefürchtete Reblaus gefordert. Zudem zeigt sich die alte Rebe eigenwillig. "Spaliererziehung und Drahterziehung, wie wir sie heute haben, funktioniert nicht wirklich", berichtet Wallrapp. Am besten gedeihen die Stöcke, wenn der schuhkartongroße Kopf in der Erde steckt und die frischen Triebe von dort in die Höhe wachsen. Der Wein also eher buschartig wächst.
Die Scheurebe selbst, erläutert der Rebenfachmann, ist übrigens ein echtes Kuckuckskind. Eigentlich wollte Georg Scheu vor genau 100 Jahren Silvaner und Riesling kreuzen. Irgendwie muss sich unter die Vatersamen des Silvaners aber die Buketttraube gemischt und den Riesling befruchtet haben. Das jedenfalls fand man nun, beinahe 100 Jahre später, mittels genetischem Fußabdruck (DNA-Analyse) heraus.
Die Buketttraube wiederum, die sich also mit dem Riesling zur eigenwilligen Scheurebe verbunden hat, wurde im 19. Jahrhundert in Randersacker (Lkr. Würzburg) von Sebastian Englerth gezüchtet. Er hatte dafür Silvaner-Traubenkerne ausgesät, die zufällig von der Rebsorte Trollinger befruchtet waren.