"Es ist eine Tragödie". Darin sind sich alle am Prozess Beteiligten in Schweinfurt einig. Vor Gericht steht ein 24-Jähriger wegen Totschlags. Er ist dafür verantwortlich, dass ein 21-Jähriger ums Leben gekommen ist. Die Tragödie: Der zu Tode gekommene wollte eigentlich das Leben des Angeklagten retten. Am Donnerstag verurteilte das Landgericht Schweinfurt den 24-Jährigen wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu dreieinhalb Jahren Haft.

Die Tragödie ereignete sich in der Nacht auf den 15. August 2021. Der Angeklagte, der 21-Jährige, der später starb, sowie eine junge Frau und ein weiterer junger Mann trafen sich in einer Shisha-Bar in Bad Brückenau. Nach Mitternacht fuhr das Quartett zusammen nach Zeitlofs, wo übernachtet werden sollte. Am Steuer saß der 21-Jährige.

Versucht, Fahrt zu verhindern

Schon während ihres Aufenthalts in der Bar äußerte der 24-Jährige Suizidgedanken. In Zeitlofs angekommen, setzte er sich in alkoholisiertem Zustand in sein Auto und kündigte an, auf die Autobahn zu fahren, um sich umzubringen. Daraufhin stellte sich der 21-Jährige dem anfahrenden Auto in den Weg, legte die Hände auf die Motorhaube und versuchte, die Fahrt zu verhindern.

Doch der 24-Jährige fuhr weiter. Der 21-Jährige geriet auf die Motorhaube, fiel von dort nach knapp 30 Metern herunter und landete mit dem Kopf so unglücklich auf Straße und Bordstein, dass er kurz darauf starb. Der 24-Jährige fuhrt zunächst vom Unfallort weg, kehrte aber Minuten später wieder zurück.

Acht Jahre und drei Monate Haft gefordert

Dass der 24-Jährige sich bei dieser Todesfahrt in einer psychischen Krise befunden habe, räumte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer ein. Dass der Angeklagte aber nicht damit gerechnet habe, dass sich jemand beim Sturz von einer Motorhaube so schwer verletzen könne, sei "glatt gelogen": "Der Angeklagte hatte den Willen, die Fahrt um jeden Preis fortzusetzen", sagte der Staatsanwalt. Der 24-Jährige habe in Kauf genommen, dass bei diesem Fahrmanöver jemand zu Tode kommt. Der Staatsanwalt forderte eine Haftstrafe von acht Jahren und drei Monaten.

Diesem Strafmaß schloss sich der Anwalt der Nebenkläger, den Eltern und des Bruders des Getöteten, an. Der Angeklagte sei sich der Gefährlichkeit seiner Fahrt bewusst gewesen, so der Anwalt, denn er hätte zurücksetzen und am 21-Jährigen vorbeifahren können. Der Vater des Getöteten beschrieb seinen Sohn als jungen Mann mit großer Bereitschaft zu helfen und für andere da zu sein. Und genau dies sei ihm zum Verhängnis geworden.

Anwalt: Körperverletzung mit Todesfolge

Der Anwalt des Angeklagten plädierte dafür, die Tat nicht als Totschlag, sondern als Körperverletzung mit Todesfolge zu werten. Dafür sprächen Betroffenheit und Reue, sowie das Verhalten seines nicht vorbestraften Mandanten, nachdem dieser zum Tatort zurückgekehrt sei. Für ihn sei es "ein tragisches Geschehen mit Zügen eines Unglücksfalls", denn sein Mandant habe den Tod des 21-Jährigen nicht in Betracht gezogen. Seine Forderung: drei Jahre und sechs Monate wegen Körperverletzung mit Todesfolge.

Gericht mit gleicher Einschätzung

Zu dieser Einschätzung kam auch das Landgericht Schweinfurt. Es verurteilte den 24-Jährigen zu dreieinhalb Jahren Haft. Es könne nicht als erwiesen angenommen werden, dass dieser Situation, in der der Beschuldigte in emotional aufgewühlter Stimmung losfuhr, eine Tötungsabsicht zugrunde lag, so die Begründung. Das Geschehen sei innerhalb kurzer Zeit eskaliert. Den bedingten Vorsatz der Körperverletzung sieht das Gericht als erwiesen an. Spätestens als der Geschädigte auf der Motorhaube lag, hätte der Beschuldigte die Gefährlichkeit seines Tuns erkennen müssen.

Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

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Helmut Glauch