Den "Kesse Paul" kannte früher jeder. Nicht nur, weil man ihn stets bei anstehenden Arbeiten um Rat und Hilfe bitten konnte, sondern weil er sich auch nahezu ein Leben lang im Dorfleben engagiert hat, sei es als Feldgeschworener, Floriansjünger, Gemeinderat oder Musiker. Am 24. Juni, wird der gebürtige Rannunger 90.

Als Paul Keß 1930 zur Welt kam, brach sich die Weltwirtschaftskrise gerade ihren Weg von den USA nach Deutschland. Da war es gewissermaßen sogar ein Glück, wenn man, wie Pauls Eltern Julia und Karl Keß, seine eigenen Äcker zu bestellen und Vieh im Stall stehen hatte. Kein Wunder also, dass Paul Keß schon mit fünf Jahren fleißig in der Landwirtschaft mithalf. Zur Schule ging er, bis er sieben war. Dann kam der Zweite Weltkrieg. Paul Keß war damals zwölf, kannte sich aber technisch schon so gut aus, dass er als Maschinist der Flachsernte-Maschine fungierte. Als der Krieg vorbei war, gab es weiter viel zu tun, sagt Keß. Denn auch in Rannungen waren gut 80 Häuser von Brandmunition und Phosphorbomben getroffen und beschädigt worden.

Obwohl seine Jugendzeit sicher kein Zuckerschlecken war, hat Paul Keß aber auch gelernt, allem etwas Gutes abzugewinnen. Er beherrscht offenbar die Kunst des Alterns, zu der ständige Kompromisse und die Anpassung an das Unvermeidliche zählen.

1956 geheiratet

Und dann kam Paula in sein Leben. 1956 heiratete er die gebürtige Rannungerin. Die beiden bekamen vier Kinder und versuchten, das Beste aus der noch nicht rosigen Nachkriegszeit zu machen. Da half es schon mal, dass Paul Keß die elterliche Landwirtschaft weiterführen konnte. 1964 entschloss Keß sich dann, in der Schweinfurter Großindustrie einen Job als Dreher anzunehmen - und blieb dort 26 Jahre. Die Landwirtschaft betrieb er weiter im Nebenerwerb.

Ja, und dann ist da noch die große Liebe zur Musik. Paul Keß spielte Tenorhorn, Posaune und schlug auch schon mal die Trommel. Alle möglichen Instrumente habe er ausprobiert, sagt er. Die Musik liegt ihm offensichtlich im Blut, denn schließlich hatten der Großvater schon die "Kesse-Kapelle" ins Leben gerufen, die zu bestimmten Festlichkeiten im damaligen Gasthaus Weidinger zum Tanz aufspielte.

Und natürlich mischte auch Paul Keß nach dem Krieg gelegentlich dort mit. 1975 war er zudem an der Gründung der Rannunger Musikkapelle mitbeteiligt, in der er bis zum 81. Lebensjahr aktiv mitwirkte.Isolde Krapf