Im Bad Kissinger Impfzentrum ging es lange Zeit nur schleppend voran. Dem Landkreis stand schlicht nicht ausreichend Impfstoff zur Verfügung, was Landrat Thomas Bold auch deutlich monierte. Das hat sich geändert, doch die Impfbereitschaft in der Bevölkerung scheint sich inzwischen stark in Grenzen zu halten.

Zumindest sucht das Landratsamt laut einer Mitte der Woche veröffentlichten Pressemitteilung händeringend nach Impfwilligen und hat sogar eine Sonder-Impfaktion mangels Interesse absagen müssen. Der Ärztliche Leiter des Impfzentrums, Ralph Brath, schildert im Gespräch mit dieser Redaktion seine Sicht der Dinge.

Frage: Lange Zeit hat es im Landkreis an Impfstoff gefehlt. Jetzt ist genügend vorhanden, aber die Abnehmer fehlen. Sind Sie überrascht, dass sich so wenige Impfwillige finden?

Ralph Brath: Ja natürlich. Vor allem, weil auf unseren Meldelisten noch sehr viele Menschen stehen. Offenbar sind das aber größtenteils Leute, die ihre Impfung schon anderweitig bekamen, sich aber nicht ausgetragen haben. Wir forschen dann immer wieder nach und es hat sich eben ergeben, dass meistens schon beim Haus- oder Betriebsarzt geimpft wurde.

Werden diese anderweitig Geimpften nicht erfasst?

Vor allem die Betriebsärzte sind die reinste Blackbox. Es gibt keine Unterlagen, wie viele Menschen hier wirklich geimpft werden. Wir wissen nicht, ob es Tausende oder Hunderte sind. Entsprechend haben wir da ohne die Mithilfe der Geimpften keine Übersicht.

Für das Impfzentrum zieht das sicherlich großen Aufwand nach sich?

Es werden reihenweise Leute eingeladen, die überhaupt keinen Termin mehr brauchen. Die reagieren dann nicht. Und die, die eingeladen werden müssten, werden lange nicht eingeladen. Wenn die Leute sich nicht austragen, haben wir keine Chance, hier zu differenzieren.

Und so begründet sich, dass viele Menschen bisher umsonst auf Ihren Termin warten?

Genau. Man muss so fair sein und sich nach der Impfung austragen. Ich habe leider den Eindruck, dass das nicht sehr oft passiert. Vielen Menschen scheint der Rest egal zu sein, nachdem sie irgendwo ihre Impfung bekommen haben. Es würde uns ja schon helfen, wenn bereits Geimpfte, denen ein Termin angeboten wird, Bescheid geben, dass sie ihn nicht brauchen. Aber viele kommen einfach nicht und das bedeutet für uns einen riesigen Aufwand. Inzwischen haben aber alle Registrierten mindestens eine Aufforderung bekommen, sich einen Termin zu buchen. Es dürfte also niemand mehr warten.

Manche Menschen scheinen ja gewisse Vakzine anderen vorzuziehen. Welche Impfstoffe sind in Bad Kissingen vorhanden?

Es ist alles da: Biontech, Moderna, Johnson & Johnson, Astrazeneca.

Werden die Dosen weggeworfen werden müssen, wenn sich nicht genügend Impfwillige finden?

Die Verfallsdaten sind unterschiedlich. Aber natürlich können wir das Serum nicht ewig lagern.

Beobachten Sie jetzt, wo die Inzidenzwerte sehr niedrig sind, auch eine gewisse Impfmüdigkeit?

Das ist reine Spekulation. Man muss es aber auch so betrachten: Hauptsächlich werden ja nur Menschen geimpft, die älter als 16 Jahre sind. Davon haben wir im Landkreis rund 90 000. Und von denen haben schätzungsweise zwei Drittel zumindest die Erstimpfung bekommen. Zufrieden bin ich damit zwar nicht, aber viel mehr werden wir wohl gar nicht erreichen können, weil ein Großteil der Übrigen nicht geimpft werden möchte. Diese Menschen haben dann leider ein höheres Risiko.

Bereitet Ihnen das Sorgen, gerade vor dem Hintergrund der auch in Deutschland immer häufiger auftretenden Delta-Mutation und vollen Fußballstadien in ganz Europa?

Vorweg: Die EM ist epidemiologischer Unsinn. Ich bin zwar ein großer Fußballfan, aber so eine Europameisterschaft mit vollen Stadien und dem permanenten Herumreisen ist für mich nur schwer verständlich. Natürlich hilft uns das Wetter momentan. Aber das wird sich im Herbst ändern und dann sehe ich schon die große Gefahr, gerade wegen der Delta-Mutation.

Wird da die steigende Impfquote nicht helfen?

Doch. Ich denke schon, dass es deshalb nicht ganz so schlimm wie letztes Jahr kommen sollte mit den Neuinfektionen. Andererseits ist diese Mutation eben sehr viel infektiöser und entsprechend gefährlicher.

Das Gespräch führte

Simon Snaschel.