Michaela Rüth aus Obersfeld ist Heilpraktikerin. Ihrem Berufsstand wird nachgesagt, die Corona-Maßnahmen nicht gerade mit offenen Armen zu begrüßen. Die 50-Jährige aber ist eine kaum zu bremsende Verfechterin von Masken, Hygieneregeln und Corona-Impfung. Bei Heilpraktikerkollegen und -kolleginnen komme die Impfpflicht im Gesundheitswesen ab Mitte März, die auch für Heilpraktiker gilt, "natürlich schlecht an", räumt sie ein. Das liegt aus ihrer Sicht auch daran, dass viele nicht den fachlichen Hintergrund haben, also nicht aus medizinischen Berufen kommen.

Sie selbst arbeitet seit drei Jahrzehnten als medizinisch-technische Assistentin und sagt: "Ich bin für die Impfung, weil man in dieser Situation der Lage nur Herr wird, wenn alle an einem Strang ziehen." Sie als Heilpraktikerin müsse sich, ihre Familie und ihre Patienten schützen. Demonstranten, die gegen die Corona-Regeln auf die Straße gehen, seien ihr "ein Gräuel".

Ihre Heilpraktiker-Praxis hat die 50-Jährige vergangenes Jahr eröffnet, außerdem eine eigene Teststrecke für Tests aus dem Auto heraus. Hauptberuflich ist sie in einem Labor bei Bad Bocklet angestellt, das vor allem mikrobiologische Untersuchungen macht. "Wir arbeiten mit potenziell infektiösem Material." Schutzkleidung und strenge Hygieneregeln sei sie deshalb gewohnt. Sie kann nicht verstehen, dass gerade Menschen mit einer Lungenvorerkrankung, etwa Kinder nach einer überstandenen Lungenentzündung, sich Bescheinigungen ausstellen ließen, dass sie keine Maske tragen können. Gerade die seien doch durch das Coronavirus gefährdet.

Führen Masken zu Sauerstoffmangel?

"Es ist ein absoluter Nonsens, dass Masken zu einem Sauerstoffmangel führen" - gerade bei Kindern sei das Quatsch, sagt Rüth. "Je länger ich die Maske aufhabe, desto eher gewöhnt sich der Körper dran." Deswegen habe sie auch kein Verständnis für Eltern, die auf die Straße gehen und dagegen demonstrieren, dass ihre Kinder in der Schule Masken tragen sollen. Dann dürften solche Eltern mit ihren Kindern auch nicht in die Berge fahren, weil dort oben auch weniger Sauerstoff in der Luft sei, so Rüth. Außerdem könnten infizierte Kinder, selbst wenn sie selbst kaum oder keine Symptome haben, ältere Menschen anstecken, weil ihre Viruslast so hoch sei wie bei Erwachsenen. Und wenn für eine Herdenimmunität aus ihrer Sicht eben nur die Impfung helfe, dann müssten halt alle mitmachen.

Bei ihrer Ausbildung zur MTA oder bei Reisen in andere Länder brauche man auch bestimmte Impfungen. Sie ist Impfungen gegenüber ohnehin positiv eingestellt, weil sie von ihrer Tante, die Hebamme war, viele Geschichten von Kindern kenne, die früher früh gestorben oder durch eine Infektion behindert waren. Nur sehe man in Deutschland heute nicht mehr viele alte Menschen mit Behinderung, weil die im Dritten Reich umgebracht wurden. Man müsse doch nur auf die heute kaum mehr vorkommenden oder ausgerotteten Kinderkrankheiten oder die Pocken schauen, um den Nutzen von Impfungen zu erkennen.

Die Heilpraktikerin ist von Mikrobiologie fasziniert, ihr absolutes Spezialgebiet seien Parasiten. Durch ihre Arbeit im Labor wisse sie, dass Bakterien und Viren "richtig fies" sein können. Corona-Partys, um sich gegenseitig anzustecken, finde sie richtig daneben. Sie sieht die reelle Gefahr, dass das Gesundheitssystem durch zu viele Ansteckungen überlastet wird und am Ende womöglich eine Triage angewendet werden müsste. Sie habe an ihrer Teststrecke schon einige Fälle von Corona-Kranken gehabt, die sich zum Teil bei ihr "ausgeweint" hätten, wie schlecht es ihnen gehe.

Man müsse auch die weltweite Lage im Auge haben, so hätten sich Heilpraktiker in Indien für die Impfung ausgesprochen, weil die Lage dort so schlimm sei. Und sie gibt zu bedenken, dass sich, wenn sich zu wenige impfen lassen, auch solche Leute impfen lassen müssen, für die aufgrund bestimmter Vorerkrankungen normalerweise von einer Impfung abgeraten würde, weil die Gesellschaft sie nicht schützen könne. Aus ihrer Sicht müssten die Menschen besser von der Regierung aufgeklärt werden, wie sinnvoll Impfungen sind.

Homöopathischer Impfstoff

Und sie könne nicht ganz verstehen, dass wohl doch ein beträchtlicher Teil der Menschen auf einen Totimpfstoff wartet, wo sich doch mRNA-Impfstoffe schon eineinhalb Jahre als sehr wirksam erwiesen hätten und sich schnell an Virusmutationen anpassen ließen. Womöglich gebe es bald Totimpfstoffe, die aber gegen neue Virusvarianten gar nicht wirkten. Sie selbst befasse sich viel mit Impfungen, schaue sich etwa Studien an. Und sie berichtet, dass sie in einer Forschungsgruppe dabei sei, die einen homöopathischen Impfstoff entwickeln möchte. Erste Tests hätten schon gezeigt, dass sich damit Antikörper bildeten.

Seit fünf Semestern studiert sie nebenher an der Diploma-Hochschule in Fulda Naturheilkunde und komplementäre Heilmethoden, um "dem Heilpraktiker einen wissenschaftlichen Titel hinzuzufügen". Sie sei fasziniert von Wissen. Als Verfechterin von Impfungen sieht sie sich in ihrem Studium in der Minderheit. Aber entgegen der landläufigen Meinung sei es nicht so, dass Heilpraktikerinnen und Heilpraktikern ihr Titel hinterhergeworfen werde.

Viel Wissen aneignen

Sie habe sich in ihrer zweijährigen Ausbildung viel medizinisches Wissen aneignen müssen. Zwar könne man das in der Theorie mit einem Hauptschulabschluss, aber in der praktischen Prüfung fielen 60 Prozent durch und noch einmal so viele der Verbliebenen in der mündlichen. "Wir bilden uns auch weiter." Sie ist dafür, dass Schulmedizin und Naturmedizin Hand in Hand gehen.Björn Kohlhepp