Auf der Radtour von der Schweinfurter Eselshöhe durch die Felder oberhalb von Dittelbrunn, Hambach und Holzhausen nach Hain zeigte sich am Dienstagmorgen das giftige Mutterkorn auf gleich drei Weizenfeldern und einem Acker mit Gerste. Der Pilz wuchs jedoch nicht an Gerste und Weizen, sondern ausschließlich an dem durch seinen hohen Wuchs herausragenden Roggen, der mit dem Saatgut zufällig oder schon in früheren Jahren auf die Flur gekommen war. Auf einem großen Roggenfeld am Wegrand war kein Mutterkorn zu sehen.
Die Alkaloide des länglichen, kornähnlichen Secale cornutum sind giftig. Fünf bis zehn Gramm frisches Mutterkorn können bei einem Erwachsenen zu Atemlähmungen und Kreislaufversagen führen und tödlich sein. Weil die Inhaltsstoffe die Wehen anregen, wurde das Mutterkorn lange für Schwangerschaftsabbrüche eingesetzt.
Gebhard Fleck hatte sich am Montag nach einem Spaziergang von Hambach nach Pfändhausen in der Redaktion gemeldet. Der Jäger hatte auf einem großen Getreidefeld zwischen Radweg und Kreisstraße in kurzer Zeit gleich sieben befallene Roggenhalme entdeckt, abgeschnitten und anschließend die Ähren der Redaktion gegeben, die sich über das Mutterkorn und die Gefährdung für den Menschen bei Herbert Lang vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten informierte.


Reguläre Ernte: keine Gefahr

"Selten, aber immer wieder" sei das Mutterkorn in den Getreidefeldern zu sehen, sagt Lang. "Bei regulärer Ernte besteht keine Gefahr für den Menschen." Denn beim Dreschen wird das weit größere Mutterkorn ausgesiebt, versichert der Behördenleiter. Zwar könne Mutterkorn durch die Mechanik auch zerschlagen werden, doch dann greife ein Grenzwert, der durch Proben ermittelt werde.
Bei Winterweizen und Wintergerste sei der Befall sehr gering, so Herbert Lang. Der Pilz bevorzuge den Roggen. Heuer sei es bei der Roggenblüte (Mai) recht regnerisch gewesen, weshalb der Fremdbefruchter nicht genügend Pollen abbekommen habe und sich die Sporen des Mutterkorns in den offenen Roggenblüten hätten einnisten können. Auf das Feld seien die Sporen mit dem Saatgut oder durch den Ackerfuchsschwanz (drei- bis zwölf Zentimeter lange walzenförmige Ähre) sowie Wiesen-Fuchsschwanz (Obergras mit hohem Futterwert - ebenfalls aus der Gattung der Süßgräser, auch Eselsgras, Hundegras, Rattenschwanz, Fuchswedel, Haarzieher oder Roggengras genannt) gekommen, vermutet der Behördenleiter.
Zwar gilt der Roggen als besonders häufig vom Mutterkorn aufgesuchtes Nahrungsgetreide, aber auch der als Viehfutter genutzte Triticale sowie Weizen, Gerste, Hafer und Dinkel werden von dem Pilz befallen - über 400 Gräser werden vom Mutterkorn heimgesucht, selbst das an der Nordseeküste vorkommende Salz-Schlickgras.
Zu den toxischen Effekten von Mutterkornalkaloiden zählen Darmkrämpfe, Halluzinationen sowie das Absterben von Fingern und Zehen aufgrund von Durchblutungsstörungen, die das Krankheitsbild Ergotismus (auch Antoniusfeuer oder Mutterkornbrand) prägen.
Insbesondere das Ergometrin regt die Wehen bei Frauen an. Aus diesem Grund wurde der Pilz auch für Schwangerschaftsabbrüche verwendet und sogar gezielt im großen Stil angebaut.
Die Alkaloide können auch medizinisch eingesetzt werden, beispielsweise zum Blutstillen nach der Geburt oder gegen niedrigen Blutdruck und Schwindel nach dem Aufstehen und bei Migräne. Aus dem Pilz kann Lysergsäure gewonnen werden, aus der die Droge LSD hergestellt werden kann.
Schon 2000 Jahre vor Christus sollen mit den natürlich vorhandenen wasserlöslichen psychoaktiven Lysergsäurealkaloiden berauschende Getränke gebraut worden sein. Für die Gefährdung der Menschen werden in verschiedenen Richtlinien mehrere Grenzwerte aufgeführt. Danach sind pro Kilogramm Mehl ein bis 30 Milligramm Gesamtalkaloid unbedenklich. Gerd Landgraf