Mitten in der Nacht, am 23. März 2019, hebelt ein unbekannter Täter ein verschlossenes Seitenfenster auf und gelangt so in die Geschäftsräume einer Autowerkstatt im Landkreis Bad Kissingen. Dort entwendet er unbemerkt 657 Packungen Zigaretten im Wert von knapp 4536 Euro sowie etwas Bargeld.

Wenig später trifft er sich mit einem Mann auf einem abgelegenen Feldweg, um ihm die Zigaretten zum halben Preis zu verkaufen. Doch als der Käufer mit seinem Auto davonfährt, wird dieser von der Polizei geschnappt. Vom unbekannten Täter, der die Ware besorgt haben soll, fehlt jede Spur.

Wegen Hehlerei verurteilt

Der Käufer jedoch, ein 41-jähriger Familienvater, musste sich nun vor der kleinen Strafkammer am Schweinfurter Landgericht verantworten. Bereits in zweiter Instanz. Denn schon im Dezember 2019 wurde der Mann wegen jener Hehlerei zu einem Jahr und sechs Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Doch damit war er nicht einverstanden. Sein Verteidiger erklärte nun, er wolle mit der Berufung bezwecken, dass er nicht ins Gefängnis muss und die Freiheitsstrafe auf Bewährung ausgesetzt werde. Als Berufstätiger habe er für die Familie zu sorgen. Außerdem gebe er zu, dass sein Zigarettenankauf "illegal" gewesen ist.

Ebenfalls Berufung legte die Staatsanwaltschaft ein. Allerdings ging es ihr, im Gegensatz zum Verurteilten, um eine härtere Strafe als die bislang verhängte. Der Vorsitzende Richter machte schnell deutlich, dass die Chancen auf eine Strafmilderung gering seien. Viel zu häufig habe sich der bereits vorbestrafte Mann falsch verhalten. Zudem erschienen ihm die Aussagen des 41-Jährigen zu unglaubwürdig.

Nur "flüchtig" gekannt

"Ich wollte eigentlich nur zehn Stangen kaufen", sagte er. Warum der unbekannte Täter ihm jedoch die ganze Beute in seinen Kofferraum legte und ohne seine Bezahlung wieder verschwand, könne er sich auch nicht erklären. Er habe den Verkäufer "nur flüchtig gekannt". Weitere Angaben zu ihm konnte der Verurteilte nicht machen, da dies "zu gefährlich für meine Familie" sei.

Den Verdacht, wonach er selbst auch den Diebstahl begangen haben könnte und es einen unbekannten Täter gar nicht gibt, wies er von sich.

Zweifel an der Glaubwürdigkeit

An seiner Version hegte der Richter allerdings Zweifel. Im Innern des Plastikbeutels, in den der unbekannte Täter die Zigaretten gepackt hatte, konnten DNA-Spuren des 41-Jährigen festgestellt werden.

"Wie kommen die denn da rein, wenn Sie das nicht waren?", fragte der Richter. Der Verurteilte erklärte, dass er den Sack, nachdem er in seinen Kofferraum gelegt wurde, geöffnet habe, um sich die Ware anzusehen. "Aber der Beutel war doch durchsichtig", entgegnete der Richter.

Zudem wurden in der Nähe Fußspuren im Matsch gefunden, die laut Richter zum 41-Jährigen passen könnten. Außerdem lägen dem Mann Einbrüche an gleicher Stelle wenige Monate zuvor zur Last. "Ich sehe da ehrlich gesagt wenig Spielraum", betonte der Richter und machte deutlich, dass die Strafe unter Umständen auch deutlich höher ausfallen könnte.

Berufung wird zurückgezogen

Nachdem sich der Verteidiger mit seinem Mandanten einige Minuten zur Beratung zurückgezogen und sich auch mit der Staatsanwaltschaft ausgetauscht hatte, verkündete er, man werde die Berufung zurückziehen. Dem folgte sodann auch der Staatsanwalt. Das Urteil lautet also weiterhin: ein Jahr und sechs Monate Freiheitsstrafe wegen Hehlerei.Nicolas Bettinger