Fronleichnam 2020 wird Christoph Leurer in schlechter Erinnerung behalten. Am dem langen Wochenende suchten Diebe den Holzlagerplatz seines Brennholzservices bei Untereschenbach heim. Sie transportierten dort eine vorübergehend abgestellte Wippholzsäge samt Förderband ab. Bei gut 2,50 Meter Höhe und 350 Kilogramm Gewicht stellte das gute Stück keine leichte Beute dar. "Da war bestimmt Verladetechnik im Spiel", ist der Eigentümer bis heute überzeugt.

Weil die Aktion bei Dunkelheit besonders aufgefallen sein müsste, vermutet er, dass die Kriminellen möglicherweise am helllichten Brückentag unterwegs waren. Von einem anderen Verdacht ist er durch die aktuelle Entwicklung abgerückt: Weil sich die Tat an den ersten Tagen der Grenzöffnungen nach dem Corona-Lockdown ereignete, sah er die Maschine längst im Ausland. Zumal weder die Anzeige bei der Polizei noch eigene Fahndungsaufrufe im Internet samt 500 Euro Belohnung eine Spur zu seiner Säge ergaben.

Schweren Herzens hatte sich Leurer folglich schon fast mit dem Verlust abgefunden. Neu hatte die Säge immerhin 3000 Euro gekostet. Wegen ihres Wertes ließ er das gute Stück nur ausnahmsweise in der Landschaft stehen. Bei Umbauarbeiten auf dem heimischen Hof stand sie dort nämlich im Weg.

Eine überraschende Wende nahm der Fall Ende Januar 2021. Leurer hatte sich gerade zum Sonntagsessen niedergelassen, als ihm eine Versteigerungsplattform über seine gewählten Voreinstellungen im Nutzfahrzeugmarkt eine besondere Offerte antrug.

Laut Anbieter handelte es sich um genau so eine Säge wie jene, die ihm abhanden gekommen war. "Eigentlich hatte ich sie sogar schon vergessen", sagt er schmunzelnd. Zumal er sich zur Erfüllung der Kundenwünsche das gleiche Modell wieder gekauft hatte.

Erst nach genauerem Studium der Verkaufsanzeige war er elektrisiert: Denn beim Betrachten der Bilder keimte nach und nach in ihm die Gewissheit auf, dass es seine eigene Säge war, die ein Betrieb rund 120 Kilometer vom Tatort zum Verkauf ausschrieb.

Auf diese Erkenntnis deuteten unter anderem Spuren auf dem orangen Lack des Arbeitsgerätes hin. Abdrücke von inzwischen entfernten Aufklebern prangten genau an jenen Stellen, wo Leurer welche hingeklebt hatte. An einer Stelle zeichneten sich sogar noch Spuren der Handynummer des Bestohlenen ab.

Nach seinen Rückschlüssen alarmierte Leurer die Polizei in Hammelburg. Die nahm noch am gleichen Sonntag Kontakt zu den zuständigen Kollegen in Thüringen auf. In deren Absprache mit der Staatsanwaltschaft rückte Leurer noch am Abend unter Polizeibegleitung zur Sicherstellung der Säge an. Die Ermittlungen zu den Hintergründen der Tat dauern noch an.

"Ein bisschen mulmig war mir schon", beschreibt der Brennholz-Fachmann seine Gefühlslage bei dem ungewöhnlichen Ausflug. An Ort und Stelle wichen bei genauerer Inspektion letzte Zweifel. So war das Typenschild der Säge herausgeschliffen, aber ein Aufkleber mit der Seriennummer noch vorhanden. Von ihm selbst nachlackierte Stellen und gebohrte Löcher am Rahmen der Säge erkannte Leurer wieder. Außerdem fehlte eine Abdeckkappe, die im Juni am Tatort bei Untereschenbach zurückgeblieben war.

Die Lage war eindeutig, sagt Leurer. Folglich konnte der rechtmäßige Eigentümer seine Säge noch am Tag der Wiederentdeckung mit nach Hause nehmen. Zumal ein freundlicher Landwirt beim Aufladen auf den Kleintransporter für die Heimfahrt half.

Apropos Dank: Leurer dankt den beteiligten Polizeidienststellen und all jenen, die seinen eigenen Fahndungsaufruf nach der Säge insgesamt 500 Mal im Internet geteilt hatten. Erwähnenswert ist ihm auch die Geduld seiner Kunden, die rund zwei Monate warteten, weil er mangels Arbeitsgerät nicht zum Sägen auf deren Höfen in der Region vorbeikommen konnte. Die Wartezeit verkürzte der Sägenhändler mit der Bereitstellung eines Vorführmodells.

Fassungslos ist Leurer immer noch über die Dreistigkeit der Diebe: Nicht nur, dass sie die sieben Jahre alte Säge fast zum Neupreis anboten. Sie hatten den Rahmen der Säge kurzerhand auseinandergeflext, womöglich, um sie in Einzelteilen zu verkaufen und dann unfachmännisch wieder zusammengeschweißt. Nun bestehen erhebliche Zweifel, ob sie noch sicher am Schlepper transportiert werden kann.

Ein Gutachter ermittelt jetzt, welcher Schaden Leurer durch die Umstände entstanden ist. "Jetzt habe ich zwei Sägen", sagt der Eigentümer achselzuckend. Ein Gutes kann er dem Vorfall immerhin abgewinnen. Seine Ersatzbeschaffung vom gleichen Typ hat zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen, die ihn bei der Arbeit noch besser vor Verletzungen schützen.Wolfgang Dünnebier