Nach einer ersten Stellungnahme durch den Bistumssprecher hat der Würzburger Bischof Franz Jung im Fall des verurteilten Priesters von Bad Bocklet jetzt erneut deutlich Position bezogen. Jung stellt klar: "Als Bischof von Würzburg distanziere ich mich ausdrücklich von den Unterschriftenaktionen für den wegen sexuellen Missbrauchs verurteilten Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft 'Heiliges Kreuz Bad Bocklet'. Die Organisatoren und Unterzeichner der Aktionen fordere ich auf, das Urteil und das Leid der Betroffenen zu akzeptieren und Tatsachen nicht zu verdrehen." Nach Schätzung von Ulrike Dempsey, die zu den Angesprochenen zählt und in Bad Bocklet die Aktion mit organisiert hat, sind mittlerweile weit über 400 Unterschriften zusammengekommen. Die Unterzeichner wollen sich weiter für Pfarrer K. einsetzen. Sie halten ihn für unschuldig.

Laut Bischof Franz Jung konterkarieren die Aktionen der Unterstützer "in bizarrer und skandalöser Weise das Bemühen des Bistums Würzburg um Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs". Sie würden, so seine Stellungnahme, "schwersten Schaden für Pfarrei, Bistum und Kirche insgesamt" verursachen. Und sie ließen "mit Erschrecken erkennen, dass offensichtlich in Teilen der innerkirchlichen Öffentlichkeit noch immer nicht angekommen ist, dass sexueller Missbrauch ein Verbrechen ist, das nicht geduldet werden kann".

Gemeindemitglied kritisiert "Kommunikationsversagen"

Dies wollen die Unterstützer so nicht stehen lassen. "Selbstverständlich akzeptieren wir, Organisatoren wie auch Unterzeichner, das Leid aller Betroffenen. Missbrauch ist das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann, vor allem einem Kind", bestätigen sie gegenüber der Redaktion. "Wir versuchen nicht, einen Missbrauchstäter zu schützen. Wir bemühen uns vielmehr, einem Menschen zu helfen, der, wie wir glauben, zu Unrecht verurteilt wurde", sagt Ulrike Dempsey. Sie selbst würde in ihrem engsten Umfeld Missbrauchsbetroffene kennen. Indes gibt es in Bad Bocklet auch Kritiker, die die Meinung der Initiative nicht teilen und das Urteil nicht infrage stellen, jedoch mit der Kommunikation der Bistumsleitung mit der Gemeinde nicht einverstanden sind. Dazu zählt Gero Beckmann: "Für mich gab und gibt es in diesem Fall leider ein gravierendes kirchentypisches Kommunikationsversagen, und zwar auf Bischofsebene." Zwar habe der damalige Generalvikar Thomas Keßler Ende Februar 2020 die Gemeinde über die Suspendierung von Pfarrer K. und über den Grund informiert, so Beckmann. "Das war es dann aber auch." Mit dem Schock, dem Verlust und der ungeklärten Situation habe man die Gläubigen alleine gelassen.

Nach dem Urteil des Gerichts in Bad Kissingen im August habe er einen Brief an den Bischof geschickt, sagt Gero Beckmann, der sich als engagierten Katholiken bezeichnet. Bis heute habe er keine Antwort. In diesem Brief schilderte der 58-Jährige dem Würzburger Oberhirten, was nach seiner Meinung die Gemeindemitglieder im nördlichen Bistumsbereich bewegt: Es hätte dem Bischof ein Leichtes sein müssen, "mal unseren Ort aufzusuchen und das Gespräch mit der Gemeinde zu suchen", so Beckmann. Bischof Jung hätte hinhören und seine Schäflein zusammenhalten können: "Das wäre Ihre Aufgabe!" Er selbst habe - "wie etliche in der großen Pfarreiengemeinschaft" - aus Enttäuschung seine Konsequenzen gezogen. Er habe die Kirchensteuerzahlungen eingestellt: "Darüber kann der Hirte in seinem leeren Dom gerne nachsinnen." Auch der Pfarrgemeinderatsvorsitzende Berndtheo Hansen hat an diesem Mittwoch einen Brief an den Bischof abgeschickt. Insgesamt hätten seinen Text, den er nach dem Gottesdienst vorgelesen hatte, "gut 300" Gemeindemitglieder mit unterzeichnet. Hansen schreibt, dass es ähnlich falsch wäre "wie man in den vergangenen Jahrzehnten die Opfer ausblendete und sie ihren seelischen Leiden überließ, nun auch die Verursacher auszublenden und alleine zu lassen". Als Hirte solle der Bischof auch dem verlorenen Schaf nachgehen, so Hansen.

Pfarrgemeinde hätte sich mehr Unterstützung gewünscht

Der Vorsitzende der Pfarreienkonferenz Bad Bocklet führt zurzeit viele Gespräche. Es sei den Menschen ein großes Bedürfnis, über alles zu reden. Die beiden Beauftragten, die laut Bistumssprecher Bernhard Schweßinger das Team der Pfarreiengemeinschaft jetzt unterstützen sollen, hätten sich ein einziges Mal - kurz nach der Suspendierung von Pfarrer K. - den Fragen der Gemeindemitglieder gestellt, sagt Hansen. "Der Pfarrsaal war gut gefüllt, aber nach Aussagen vieler Teilnehmer wurden die brennenden Fragen nicht beantwortet", kritisiert er. Auf die Frage, was schwerer sexueller Missbrauch sei, habe ein Teilnehmer die Antwort erhalten: "Eben schwerer sexueller Missbrauch." Die Gemeinde hätte sich mehr Zuspruch vonseiten des Bistums gewünscht.

Was die Unterschriftenaktion betrifft, sind auch die Einschätzungen von anderer Seite deutlich. Sie sehe darin Kennzeichen "geistigen Missbrauchs", sagt die Würzburger Missbrauchsbetroffene Alexandra Wolf. Die Unterzeichner der Listen versuchten "sogar ein staatliches Urteil zu übergehen". Hier werde ein Abhängigkeitsverhältnis zum Pfarrer deutlich, sagt Wolf: "Sie sind im Grunde auch Betroffene dieses Mannes und der kirchlichen Strukturen, die er repräsentiert."

Am Ende seiner kurzen Erklärung stellt Bischof Jung indes klar: "Der verurteilte Priester wird definitiv nicht mehr in die Pfarreiengemeinschaft 'Heiliges Kreuz Bad Bocklet' zurückkehren und hat auf die Pfarreien verzichtet. Alle weiteren Maßnahmen der Diözese gegenüber dem Priester werden im kirchlichen Verfahren geklärt."Christine Jeske