Victoria stehen die Tränen in den Augen, als sie von ihrer Flucht aus dem zerbombten Charkiv im Osten der Ukraine erzählt: "Wir sind um unser Leben gerannt." Gerade ist die 38-Jährige mit ihrer siebenjährigen Tochter Sophia und ihrer Schwester Oxana im Ankerzentrum bei Geldersheim angekommen. Wie es weitergeht, weiß sie nicht. Sie haben keine Verwandten in Deutschland. "Aber hier sind wir in Sicherheit", sagt Victoria erleichtert.

Tag und Nacht fahren Busse mit Flüchtlingen aus der Ukraine in der Anker-Einrichtung vor. Sie ist das unterfränkische Drehkreuz für Asylsuchende. Seit dem Überfall der russischen Armee auf die Ukraine hat hier ein großer Zustrom mit Menschen aus dem Kriegsgebiet eingesetzt.

Fast die Hälfte der Ankommenden ist im Schul- oder Kindergartenalter

Sie erhalten erst einmal ein Dach über den Kopf, werden registriert und dann über die unterfränkischen Landkreisverwaltungen in eine Unterkunft außerhalb vermittelt. "Der Goldstandard ist eine Privatwohnung", sagt Benjamin Kraus, der Leiter der Anker-Einrichtung. Angesichts der großen Zahl an Geflüchteten sei das aber nicht die Regel. Bis Donnerstagmittag wurden laut Kraus bereits 1000 Ukrainerinnen und Ukrainer hier durchgeschleust.

Es sind vor allem Mütter und viele, viele Kinder. Fast die Hälfte aller Ankommenden sind im Kindergarten- oder Schulalter. "So etwas hatten wir noch nie", sagt Regierungspräsident Eugen Ehmann, das sei eine völlig ungewöhnliche Situation. Mit dem Schweinfurter Landrat Florian Töpper, den Bürgermeistern der umliegenden Gemeinden und Vertretern der Polizei hat er zum Pressetermin in die Anker-Einrichtung geladen, um zu zeigen, wie die Geflüchteten hier untergebracht werden.

Victoria unterstützt als Dolmetscherin die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort bei der Registrierung ihrer Landsleute. Die 38-Jährige spricht sehr gut Deutsch. Sie lebte vor zehn Jahren in Nürnberg, absolvierte hier die Sprachschule und arbeitete danach als Übersetzerin in der Ukraine. Als die Bomben auf ihre Heimatstadt Charkiv fielen, ergriff sie die Flucht. "Wir haben eine Woche lang im Keller auf dem Boden geschlafen." Immer zwei gepackte Rucksäcke dabei, einen für sie selbst, einen für die kleine Tochter. Während des Gesprächs zuckt die Dolmetscherin plötzlich zusammen und schaut zum Himmel. "Wenn ich das Geräusch eines Flugzeugs höre, bekomme ich immer noch Angst." Die kleine Sophia vermisst ihr Zuhause. Doch die Bitte "Mama ich will heim" komme nicht mehr über ihre Lippen. "Jetzt hat sie die Worte Krieg, Russland, Putin gelernt."

Kurzfristig 700 zusätzliche Plätze im Ankerzentrum geschaffen

Gerade fährt wieder ein Bus vor. Die Geflüchteten kommen von anderen Anker-Einrichtungen. Man hilft sich gegenseitig, die besonders belasteten Aufnahmestellen in Mittelfranken und Oberbayern lotsen viele Busse gleich nach Geldersheim weiter. "Wir sind noch aufnahmefähig", sagt Anker-Leiter Benjamin Kraus. Er ist zuversichtlich, dass auch in den nächsten Wochen niemand abgewiesen werden muss. Allerdings stelle der enorme Flüchtlingszustrom die mit 1200 Asylsuchenden eigentlich bislang schon voll belegte unterfränkische Einrichtung vor große Herausforderungen. Innerhalb kurzer Zeit wurden 700 zusätzliche Schlaf- und Wohnplätze geschaffen. 400 in stationären Wohnblocks und je 100 in drei großen Thermohallen, die auf dem weiträumigen Gelände als Materiallager stehen. Eine weitere Halle kann noch hergerichtet werden. Die Einrichtung ist spartanisch: ein Bett, ein Spind, ein Sichtschutz, nebenan Toiletten und Duschen.

Teilweise nur eine Nacht da

In der Regel bleiben die Geflüchteten nur vorübergehend bis zur Registrierung in der Halle und werden dann in einen Wohnblock oder gleich in eine dezentrale Unterkunft außerhalb gebracht.

"Länger als eine Woche ist selten jemand hier", sagt Kraus. Teilweise seien Flüchtlinge auch nur eine Nacht da, zum Beispiel wenn sie Verwandte oder Bekannte haben, bei denen sie schnell unterkommen können. "Jeder kann sich frei bewegen, kommen und gehen", sagt Regierungspräsident Ehmann. Für die Ukraine-Flüchtlinge gebe es keine Residenzpflicht in der Anker-Einrichtung. Er unterstreicht aber die Wichtigkeit der Registrierung, damit alle Personen möglichst schnell auch von Verwandten und Angehörigen aus der Ukraine gefunden werden können. Registrierung heißt: Datenerfassung, Fingerabdruck, biometrisches Foto. Jeder Geflüchtete erhält dann einen "Deutschland-Pass".

Technische Unzulänglichkeiten

In der Registrierungsstelle im Verwaltungsgebäude warten an diesem Donnerstag viele. Es geht nur langsam vorwärts, weil es technische Probleme gibt. "Das System ist abgestürzt", sagt Sachbearbeiter Mario Teubler. Es sei nicht das erste Mal, meint seine Kollegin frustriert. Die technischen Unzulänglichkeiten erschweren den Helfern vor Ort die Arbeit. Fingerabdrücke und Fotos können nicht eingelesen, Pässe nicht ausgestellt werden. Jeder Absturz wird der Bundesdruckerei in Berlin gemeldet. "Manchmal geht es dann wieder, manchmal auch nicht."

Vor dem Wohnblock 96 steht Dima. Der 38-Jährige aus Kiew ist einer der wenigen Männer unter den Ukraine-Flüchtlingen. Als die Russen am 24.  Februar einmarschierten, floh er sofort mit Ehefrau, Tochter und Eltern nach Weißrussland - und von dort über Polen nach Deutschland. 16 Tage war er mit seiner Familie unterwegs, harrte teilweise in der Kälte ohne Wasser und Strom aus. Die russischen Soldaten hätten keinen Fluchtkorridor freigegeben, erzählt er. Mit weißer Fahne habe man sich auf dem Weg zur Grenze den Truppen genähert und um Weiterfahrt gebeten. "Es ist eine Mischung aus Erleichterung und Sorge um die Zurückgebliebenen", beschreibt Anker-Leiter Kraus den psychischen Zustand der Flüchtlinge. Nach tagelanger Flucht suchten sie hier erst einmal Ruhe und Schlaf.

Landrat lobt das große ehrenamtliche Engagement

Landrat Florian Töpper lobt "das gute Miteinander" aller Beteiligten und das "enorme ehrenamtliche Engagement" bei der Bewältigung der Flüchtlingsströme. Das Landratsamt hat die Steuerung übernommen, wenn Flüchtlinge außerhalb der Anker-Einrichtung ankommen. Sie werden dann melderechtlich in der jeweiligen Gemeinde erfasst und dann in der Ausländerbehörde am Landratsamt registriert. Das Arbeitsaufkommen sei immens, das Ausländeramt arbeite mit allem verfügbaren Personal an seinen Belastungsgrenzen. Insgesamt sind in den Schweinfurter Landkreis-Gemeinden bis jetzt 300 Menschen aus der Ukraine registriert.

Bei aller Hilfsbereitschaft der Bevölkerung gibt es allerdings auch Anfeindungen. Unterfrankens Polizeipräsident Detlef Tolle berichtet von Hakenkreuzschmierereien auf ukrainischen Fahnen, die die Polizei Mitgliedern von russischstämmigen Gemeinschaften zuordnet. "Der Bereich außerhalb der Anker-Einrichtung macht uns große Sorgen."

In der Flüchtlingsunterkunft herrscht laut Kraus ein gutes Miteinander. Auf dem Weg zu den Wohnblocks im "ukrainischen Viertel" haben zwei Kinder ein großes Herz in den Nationalfarben Blau und Gelb mit Kreide auf die Straße gemalt und darunter geschrieben: "Niemand hilft die Ukraine zu verteidigen".Irene Spiegel