Als die ZF Friedrichshafen AG 2015 ihr 100-jähriges Bestehen feierte, machte sie der inzwischen im Konzern aufgegangenen Tochter in Schweinfurt ein besonderes Geschenk. Für drei Millionen Euro wurde eine Ausstellung geschaffen, die man getrost auch ein Museum der Geschichte eines Unternehmens bezeichnet kann, die deutlich älter ist als die Mutter selbst.

Schon am Eingang nimmt Gründer Ernst Sachs den Besucher in Empfang. Der elegant gekleidete Mittfünfziger weist ihn lebensgroß mit energischer Geste den Weg in eine Ausstellung, die eindrucksvoll dokumentiert, wie Erfindungsgeist, Phantasie und Entschlossenheit eine Stadt zu einigem Reichtum gebracht haben. Schweinfurt wurde zu einer der führenden Industriestädte Nordbayerns, weil hier Produkte erfunden und hergestellt wurden, die alles, was mit Bewegung zu tun hat, leichter und effizienter macht.

Lange Familienunternehmen

Fichtel & Sachs war lange Zeit ein Familienunternehmen. 1987 kam es zum Mannesmann-Konzern und nach dessen Zerschlagung 2001 zur ZF Friedrichshafen AG. Mit der Ausstellung löste ZF das bei der Verschmelzung gegebene Versprechen ein und schuf in einer ehemaligen Werkhalle auf 850 Quadratmetern eine Ausstellung, die die Entwicklung des Tochterunternehmens dokumentiert und zeigt, wie sich Mobilität in gut 125 Jahren verändert hat. Für die Ausstellung stark gemacht hatten sich der ehemalige Betriebsratsvorsitzende Willy Dekant und die Vorstandschefs Hans-Georg Härter und Peter Ottenbruch.

Der Bau ist elegant, von Edelstahlgittern ummantelt. Die Architektur wurde mit dem German Design Award ausgezeichnet. Die Ausstellung ist in vier Bereiche gegliedert und reicht im ersten Teil von der Gründung der "Schweinfurter Präcisions-Kugellagerwerke Fichtel & Sachs" 1895 bis zur Verschmelzung im Jahr 2011. Der zweite zeigt die technischen Meilensteine der Unternehmensgeschichte - vom Kugellager über die Fahrradnaben und Motoren bis hin zu Kupplungen, Wandlern und Stoßdämpfern.

Der dritte ist dem Bereich Marketing und Motorsport gewidmet, der vierte gibt einen Ausblick und präsentiert Produkte auf die ZF am Standort baut. Beispiele sind die Hybridmodule für E-Fahrzeuge oder der Leichtbau. Bei der Konzeption der Ausstellung konnten die Historiker Andreas Dornheim und Daniel Schmitz auf ein großes Depot zurückgreifen. Hinzu kamen viele Stücke, die aktuelle und ehemalige Mitarbeiter als Leihgaben zur Verfügung stellten. "Wir hätten leicht die doppelte Fläche füllen können", sagt Schmitz.

Fichtel & Sachs begann als kleiner Handwerksbetrieb mit der Herstellung von Kugellagern. Sehr schnell kamen Fahrradkomponenten hinzu, war Ernst Sachs doch ein begeisterter und erfolgreicher Radsportler. Mit der Entwicklung der Torpedo-Freilaufnabe 1903 machte er das Rad zu einem sicheren und effektiven Fortbewegungsmittel für breite Schichten. In der Ausstellung sind nicht nur Musterkoffer zu sehen, mit denen die Vertreter europaweit unterwegs waren. Erhalten ist auch eine Konstruktionszeichnung von Ernst Sachs aus dem Jahr 1902.

Mit den Fahrradkomponenten war das Unternehmen so erfolgreich, dass es 1929 den Kugellagerbereich komplett verkaufte und sich auf Komponenten für Zweiräder und Kraftfahrzeuge konzentrierte. "Sachs wollte den kleinen Mann mobil machen", sagt Schmitz. 1930 wurde der erste Sachs-Motor vorgestellt. Zwei Jahre später kam der 98er heraus. Ein legendäres Modell, das bis Mitte der 1950er-Jahre über zwei Millionenmal produziert wurde. Sachs baute Motoren nicht nur für Fahrräder, sondern auch für Motorschlitten und Faltboote. Das Boot, mit dem Hermann Rauschert und Georg Wolfschmitt von Hammerfest zu den Kanaren fuhren, ist ausgestellt.

Ein absolutes Highlight ist der Kleinwagen Sachs 1, quasi der Ur-Smart, von den Abmessungen her mit diesem fast identisch. Entwickelt wurde er in Schweinfurt, gebaut bei Porsche. Auf den Markt ist er nicht gekommen, von den sechs oder sieben Exemplaren ist nur eines erhalten. Seine Ingenieure haben ihn wohl heimlich vor der Schrottpresse gerettet und auf dem weitläufigen Firmengelände versteckt, berichten Insider.

Sachs, die Erfinder AG

Dass Sachs immer wieder seiner Zeit voraus war, zeigen der Prototyp eines E-Bikes aus dem Jahr 1992 oder ein Käfer mit einer Wandler-Schaltkupplung, die ohne Kupplungspedal auskam. Sie konnte sich am Markt nicht durchsetzen.

Als es 1973 zur ersten Ölkrise kam, wollte Sachs sein Produktportfolio erweitern und rief die "Erfinder AG" aus. Vom Rasierapparat über den motorisierten Baum-Entaster bis zum Wasserfilter für Campingfreunde reichte die schon bald belächelte Produktbreite. Vieles wurde aufgegeben, vieles kam neu. Mit über 9000 Beschäftigen ist das Unternehmen weiterhin der größte Arbeitgeber am Ort.

Parallel zur Entwicklung der Firma wird auch die Familiengeschichte Sachs gezeigt. Ernst Sachs, der sich seiner geringen Bildung bewusst war, orientierte sich am Adel und richtete sich auf Schloss Mainberg entsprechend, jedoch nicht ganz geschmackssicher ein. Dokumentiert wird auch die Nähe seines Sohnes Willy zu den Nationalsozialisten.

Zu Beginn wurde die Ausstellung vor allem von Mitarbeitern und ihren Angehörigen besucht. Das Unternehmen nutzt sie auch zu Marketingzwecken und führt Kunden hindurch, kürzlich erst eine Delegation aus China.

Öffnungszeiten

Zunehmend kommen auch "externe" Besucher. Beispielsweise mit den Kreuzfahrtschiffen, die in Schweinfurt Station machen. So war auch ein Paar aus Australien da. Verwandte von Rolf Sachs, dem Sohn von Gunter Sachs. Er hatte aus London angerufen und die Besucher angekündigt. Die Sachs-Ausstellung der ZF Friedrichshafen AG: Ernst-Sachs-Straße 62 in Schweinfurt, Öffnung und Führungen werktags von 15.30 bis 17.30 Uhr und 18 bis 20 Uhr, jedoch nur nach Anmeldung unter Tel.: 09721/98-0. An jedem ersten Samstag im Monat ist die Ausstellung von 10 bis 15 Uhr geöffnet, dann allerdings ohne Führung. Karl-Heinz Körblein