Er ist ein Stück Automobilgeschichte, der NSU Ro 80 aus Neckarsulm: Limousine der gehobenen Mittelklasse mit Wankelmotor und richtungweisendem Keilform-Design. 1967 kam die Konstruktion erstmals auf den Markt - und wurde gleich Auto des Jahres.

Als Meilenstein in Design und Technik hat der Ro 80 bis heute Fans. Einer von ihnen ist Jürgen Mohr: Der Kraftfahrzeugmeister aus Oerlenbach im Landkreis Bad Kissingen schwört auf den NSU Ro 80. Gerade hat der Bewunderer des Wankelmotors sechs Viertürer auf dem Hof seiner Werkstatt stehen, vier davon richtet er zum Verkauf her. Einen Ro 80 fährt der 49-Jährige schon seit Längerem selbst.

Und mit einem zweiten Exemplar fuhr der Kfz-Meister kürzlich nach Frankfurt zu Filmaufnahmen für den hessischen Tatort - um dort Ermittler Felix Murot, gespielt von Ulrich Tukur, das Steuer zu überlassen. Wie sich der metallic-blaue Ro 80 aus Oerlenbach vor der Kamera macht, werden die Zuschauer voraussichtlich im Herbst 2018 sehen.

"Aufregend!", sagt Mohr zum Krimi-Einsatz seines Wagens und die Arbeit am Set. Er habe genossen, wie der Ro 80 in Szene gesetzt wird. Sein Kultauto ist gewissermaßen Zweitwagen in der Produktion, um die Wege zwischen den Drehorten abzukürzen.

Auf den Oerlenbacher Wagen kamen die Fernsehleute über den Ro 80 Club International, der 700 Mitglieder zählt. Etwas familiärer geht es beim Ro 80-Stammtisch Franken zu: Regelmäßig treffen sich da etwa 20 Fahrzeughalter aus ganz Nordbayern zu gemeinsamen Ausfahrten. Meist sind es Technik-Freaks jenseits der 60, erzählt Mohr, die irgendwie mit dem Auto groß geworden sind. Viele haben früher selbst einen Ro 80 gefahren und sind daran hängen geblieben.
Mohr zählt eher zu den jüngeren Mitgliedern, als vor 50 Jahren der erste Ro 80 auf die Straßen kam, war er noch gar nicht auf der Welt. Seine Leidenschaft für das Modell mit dem Wankelmotor entdeckte er indes bereits in jungen Jahren. Sie lag gewissermaßen auf dem Weg: Auf der Strecke von seinem Heimatdorf Dittlofsroda zum Bahnhof in Gemünden kam Mohr an einer Ford-Werkstatt vorbei, die viele solcher Autos auf dem Hof stehen hatte. Dem NSU worden dort Ford-Motoren eingebaut, um den Autos ein paar antriebstechnische Unarten auszutreiben. Echten Fans ist die Fremdmotorisierung freilich heute noch ein Graus: "Die sind im Club verpönt", sagt Mohr schmunzelnd.
Ein Berufsschullehrer förderte Mohrs Faible für den Wankel. "Der hat uns einen Rasenmäher mit Kreiskolben vorgeführt. Ich dachte, der dreht hoch, bis er explodiert", schwärmt Mohr vom geschmeidigen Lauf. Auch bei seinen beiden Autos schätzt er die weiche Kraftentfaltung. "Bei 180 Stundenkilometern auf der Autobahn staunen viele."
Die Ersatzteilversorgung sei gesichert, wenn auch aus privater Produktion. NSU-Nachfolger Audi halte sich auffallend zurück. Der Ro 80 sei dort wohl als Imageträger nicht so anerkannt. Obwohl, sagt Mohr, die Motoren auch Dank des Einfallsreichtums der Sammler viel zuverlässiger geworden seien. "150 000 Kilometer sind kein Problem", versichert Mohr. Die einst verschleißanfälligen Dichtleisten werden heute gerne durch Keramikleisten ersetzt. Ein Verbrauch von zwölf Litern sei durch Optimierungen am Motor möglich.
Herz des Autos ist der Zweischeiben-Wankelmotor. Die rotieren Kolben verleihen dem Motor 115 PS bei turbinenartigem Lauf sanfte Kraftentfaltung und beispielhafte Laufruhe. Darüber hinaus wartet der Wagen aus Neckarsulm mit Details auf, die vor 50 Jahren noch nicht selbstverständlich waren: serienmäßig vier Türen, Scheibenbremsen vorne und hinten, Servolenkung.
Die wegweisende Aerodynamik der Karosserie sollte den Mehrverbrauch des Wankelmotors ausgleichen. Aber es gab auch andere Probleme. Der große Markterfolg blieb aus, zumal NSU, Audi und VW Anfang der 1970er Jahre auf einem schwierigen Automarkt damit beschäftigt waren, eine gemeinsame Identität zu finden. Und die Kinderkrankheiten des Ro 80 waren gerade auskuriert, da kam die Ölkrise. Der explodierende Ölpreis diente nicht gerade als Verkaufsargument bei einem Verbrauch von bis zu 17 Litern Benzin auf 100 und 1,3 Litern Öl auf 1000 Kilometer.
1977 wurde die Fertigung eingestellt. Das Wankel-Prinzip ließ der Hersteller 1979 fallen, nachdem der Einsatz im Audi 100 erwogen worden war. Zu einer wirtschaftlichen Großserienfertigung des Wagens kam es nie: Insgesamt 37 374 Ro 80 wurden produziert
Einige davon haben inzwischen die Werkstatt von Jürgen Mohr gesehen: "Die Autos sind gar nicht so selten." Manche davon kommen aus Erstbesitz auf den Markt. Mohr geht weltweit von 2000 existierenden Autos aus. "Natürlich gibt es eine Dunkelziffer."
Oft ist Mohr mit seinen Ro 80 europaweit zu Treffen unterwegs. Zwei Termine liegen ihm besonders am Herzen: Auf Schloss Solitude wollen Clubmitglieder Ende September im Park das repräsentative Arrangement nachstellen, mit dem der Hersteller den Ro 80 vor 50 Jahren der Öffentlichkeit vorstellte. Und dann natürlich die Ausstrahlung des Hessen-Tatortes im kommenden Jahr. Dazu hat er eine Einladung zur Vorpremiere in Aussicht. Sendetermin: noch offen. mkü