Das Weltall kann schlauchen, ebenso die Höhenluft des Himalaya: 1953 wurde erstmals der Mount Everest erklommen, 1969 setzte die Menschheit mit der Mondlandung noch eins drauf: Selbst kleine Schritte können da sehr groß sein. Dass im Jahr 2016 Millionen Menschen "mit Handicap" froh wären, in den nächsten Bus oder Zug zu kommen, Türen, Aufzüge oder Treppen zu bezwingen: Diesen Hinweis erlaubte sich der VdK Unterfranken, zusammen mit den Kissinger und Schweinfurter Kreisverbänden, bei der Großveranstaltung "Weg mit den Barrieren", Auftakt einer bayernweiten Veranstaltungsreihe des Sozialverbands, im Kampf um Barrierefreiheit. Mit über 600 Besuchern war die sonnige Halle bestens gefüllt.


Kampagne in Schwarz-Gelb

Nein, die dominierenden Farben Schwarz-Gelb sollten keine Parteinahme für das DFB-Pokalfinale am Abend sein, flachste Engelbert Roith. Eher schon eine kräftige Signalfarbe: "Es kann jeden treffen", sagt der VdK-Kreisvorsitzende aus Bad Kissingen zum Thema Behinderung, durch Unfälle im Verkehr, Sport und häuslichen Bereich, aber auch durchs Alter: "Es ist ein Thema, das früher oder später jeden angeht."
Roith wird simultan durch zwei Gebärdendolmetscherinnen via Großleinwand übersetzt, eine Rampe führt barrierefrei zur Bühne - dafür gibt es viel Lob für die Gastgebergemeinde. 7,5 Millionen Menschen seien in Deutschland als schwerbehindert anerkannt, sagt Roith, aber auch 17 Millionen Senioren oder junge Familien mit Kindern würden von einem Wegfall der Barrieren profitieren: "Barrierefreiheit ist für jeden Zehnten unentbehrlich, für jeden Dritten notwendig und für uns alle komfortabel."
Es geht, so die einhellige Meinung, um ein Menschenrecht und Massenphänomen, nicht um teure "Sonderwünsche". Bürgermeister Willi Warmuth verwies nonchalant auf seine Abhängigkeit von der Brille. Ebenso darauf, dass die Dittelbrunner Neubauten barrierefrei seien ("Wir sind bestrebt zu helfen.") und man derzeit einen Mehrgenerationen-Park plane, für 250 000 Euro. Vor allem aber gehe es darum, die Barrieren in den Köpfen abzubauen.
Bei VdK-Landesgeschäftsführer Michael Pausder stieß der Rathauschef auf offene Türen. Pausder war stolz auf den "grandiosen Auftakt", die "Demonstration der Stärke" als überparteilicher Sozialverband. 647 000 Mitglieder habe der Landesverband, bei steigender Tendenz ("mehr als der FC Bayern und seine Fanclubs"). In nur wenigen Regionen sei der Sozialverband stärker vertreten als in den Landkreisen Kissingen und Schweinfurt.
Inklusion und Barrierefreiheit seien machbar. Man brauche aber verbindliche Fristen und Sanktionen. Bei Milliarden Euro Haushaltsüberschuss, Rettungsschirmen für Banken wie Euro müssen auch Rettungsschirme für behinderte und alte Menschen da sein, so Pausder kämpferisch: "Damit die nicht länger im Regen stehen." Genauso wie sich der Sozialverband für Rentner und Pflege einsetze: "Die größte Barriere für die Teilhabe ist die Altersarmut."


Ärger über Pflaster

Ein weiteres Ärgernis, das auch in der Halle angesprochen wurde: Die vielen neuen Pflaster innerorts: "Der Denkmalschutz ist kein höheres Gut als die Barrierefreiheit."
Aufmerken ließ die Rede von Verena Bentele, Mitglied im Landesvorstand und Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. Die ehemalige Biathletin und Skilangläuferin, Jahrgang 1982, ist mehrfache WM- und Paralympics-Siegerin - und seit der Geburt blind.
Auf ihren Notizen in Blindenschrift standen fünf Kernpunkte: Kommunikation, die für jeden Menschen möglich sein müsse. Dann Mobilität: Es könne nicht sein, dass in München Rollstuhlfahrer mitunter nur dann am Bahnhof aussteigen könnten, wenn sie in die richtige Richtung unterwegs seien. Dass ihre Oma mit 91 kein Auto mehr fahre? "Gott sei Dank", sagt die junge Frau verschmitzt.
Auch Bentele geht es darum, Barrieren in den Köpfen abzubauen, bei Schulen, Arbeitgebern, Behörden. Um das Recht auf Teilhabe, etwa durch Gebärdendolmetscher für Gehörlose beim Arzt.


Auch Privatwirtschaft gefragt

Auch die Privatwirtschaft müsse sich um Barrierefreiheit kümmern: "Heutzutage einen Herd zu finden, der kein Touchscreen hat, sondern Knöpfe, ist schwierig."
Vor allem aber müsse die Barrierefreiheit endlich umgesetzt werden. Findet auch Ulrike Mascher. Die Landes- und Bundesvorsitzende kritisierte die Umsetzung des Seehofer-Ziels eines barrierefreien Bayern bis 2023. Laut Sozialministerium seien dafür bis zu 1,5 Milliarden Euro nötig - aktuell stünden im Haushalt und "Bayernpaket" nur Millionensummen zur Verfügung, während schon der barrierefreie Umbau eines Bahnhofs 50 Millionen Euro koste.


Benachteiligungsverbot

Mascher erinnerte an die Rechtslage durch UN-Konvention, an das Benachteiligungsverbot im Grundgesetz und das Gleichstellungsgesetz. Nun müsse finanziert werden: "Die schwarze Null im Haushalt darf nicht dazu führen, dass Menschen in einem schwarzen Loch verschwinden." Mit dem demographischen Wandel und der "Generation Rockkonzert" steige die Zahl der Betroffenen immer weiter an: "Hören wird in Zukunft ein ganz wichtiger Punkt sein."
Ums "Zuhören" ging es in der Podiumsdiskussion, mit Moderator Dominik Schott, Bernhard Schlereth, der als Kissinger Behindertenbeauftragter auf den Rollstuhl angewiesen ist, Gerti Heimansberg, Mutter eines schwer körperbehinderten Sohns, Harald Ebert, Schulleiter der Würzburger Don-Bosco-Berufsschule, Verena Bentele sowie dem Architekten Andreas Unser, Fachberater der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungsanpassung.
Bis 2030 werden 3,6 Millionen altersgerechte Wohnungen benötigt. Dann die Integration ins Arbeitsleben: Der erwachsene Sohn von Gerti Heimansberg arbeitet mittlerweile in der Werkstatt der Lebenshilfe. "Man muss sich frühzeitig kennenlernen, statt am alten Fördersystem festzuhalten", findet Verena Bentele, im Erwachsenenleben sei die erste Begegnung zwischen Chef und Rollstuhlfahrer zu spät.
Sonderpädagoge Ebert erinnert an das wachsende Problem der Lernbehinderten und psychischen Auffälligkeiten. Die Fragen aus dem Publikum, sie betreffen unter anderem eine Million Analphabeten in Deutschland - die Zahl sei sogar viel höher, sagt Ebert.
Man müsse um alles kämpfen, sich durch einen Wust von Anträgen kämpfen: Auch dieser Vorwurf war zu hören. Und dann das verhasste Pflaster auf Gehsteigen, das mitunter zur Rollstuhl-Fahrt mitten auf der Straße zwinge.


Flotte Rhythmen

Blind and Lame, ein Musikerduo aus München, sorgt zwischendurch für flotte Rhythmen: Mutter Kika Wilke ist blind, Tochter Lucy aufgrund einer Muskelerkrankung Rollstuhlfahrerin. Dass Menschen mit Behinderungen sich doppelt anstrengen müssen, Spitzensportlerin Bentele will es am Ende nicht gelten lassen. Es gehe darum, Vorurteile abzubauen.
Nach ihrem Auftritt fährt sie mit Winfried Huppmann, dem VdK-Kreisvorsitzenden von Schweinfurt, auf einem Duotandem auf der barrierefreien Sennfelder Umweltstation Reichelshof: "Die Leute können sich nicht vorstellen, was man alles kann, wenn man nicht sieht." Uwe Eichler