So kann man die Justiz auch beschäftigen: Mit einer nächtlichen E-Mail hat ein Mann aus Bad Kissingen am Donnerstag dafür gesorgt, dass eine öffentliche Verhandlung gegen ihn am Schöffengericht in Bad Kissingen wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung im letzten Moment ausfiel. Mit der digitalen Botschaft in der Nacht und einer analogen Unterschrift am Morgen danach zog er seinen Einspruch gegen einen Strafbefehl zurück. Damit ist der Strafbefehl rechtskräftig.

Verurteilt wurde der Kissinger zu elf Monaten Freiheitsstrafe, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt sind. Dazu kommt die Auflage, im nächsten halben Jahr mindestens fünf Beratungsgespräche bei der Psychotherapeutischen Fachambulanz für Sexualstraftäter in Würzburg zu absolvieren. Außerdem muss der Mann 120 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

Mann aus Bad Kissingen wegen sexueller Belästigung verurteilt: 11 Monate auf Bewährung

Die diversen Fälle sexueller Belästigung - in der Regel ging es dabei um verbale und körperliche Grenzüberschreitungen - hatten Bad Kissingen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres stark beschäftigt. Der jetzt per Strafbefehl Verurteilte hatte immer wieder Frauen derb grenzüberschreitend angesprochen und sie dabei zumeist auch "sexuell konnotiert" am Gesäß, am Bauch, im Brustbereich oder im Genitalbereich berührt. Vergangenen November sei er auch einmal, trotz eines Hausverbots, in der KissSalis Therme völlig unbekleidet im Bereich der Spinde herumspaziert. In welcher Absicht er das damals tat, habe man aber "nicht hinreichend sicher" feststellen können, heißt es im Strafbefehl.

Insgesamt legte ihm die Staatsanwaltschaft in dem Strafbefehl sieben Fälle von sexueller Belästigung und den Hausfriedensbruch in der Therme zur Last. Zumindest ein Teil dieser Fälle war seinerzeit auch öffentlich bekannt geworden und Gegenstand von heftigen Diskussionen, zum Beispiel in sozialen Netzwerken. Zum Teil meldete sich der Mann dabei sogar selbst zu Wort. In einem kurz danach wieder gelöschten Facebook-Post schrieb er damals zu einem Fall: "Ich dachte, sie findet's vielleicht geil und ihr gefällt's. Dass sie sich aber belästigt gefühlt hat, tut mir leid."

Schon im vergangenen November hatte die Bad Kissinger Polizei auf Anfrage berichtet, dass der damals 46-jährige Mann seit mehr als einem Jahr immer wieder mit Grenzüberschreitungen und sexuellen Belästigungen aufgefallen sei. Ein einschlägiger Strafbefehl sei seinerzeit bereits rechtswirksam gewesen. Der hat aber die nachfolgenden Taten nicht verhindert.

Verhandlung wegen Corona ausgefallen: Angeklagter akzeptiert Strafbefehl

Wie Reinhard Oberndorfer, Amtsgerichtsdirektor und Vorsitzender Richter der am Donnerstag ausgefallenen Verhandlung vor dem Schöffengericht in Bad Kissingen, berichtete, hat das Corona-Virus den Gang der Gerechtigkeit in der Angelegenheit in den vergangenen Monaten mit beeinflusst. Die Justiz habe die Vorfälle zunächst in einer Hauptverhandlung öffentlich behandeln wollen. Ein Termin dafür sei bereits abgesprochen gewesen. "Doch dann kam Corona dazwischen."

Weil man in der Hochphase der Pandemie keine Hauptverhandlung mit elf Zeugen machen wollte, sei doch der Weg über den Strafbefehl gewählt worden. Dagegen habe der Kissinger jenen Einspruch eingelegt, den er in der Nacht zum Donnerstag wieder zurücknahm. Wie sehr dieser Schritt von Einsicht geprägt war, blieb am Donnerstag im Gerichtssaal offen. In seiner nächtlichen Mail schrieb der Mann, er nehme seinen Einspruch zurück, obwohl er in einem der aufgeführten sieben Fälle die betroffene Frau "zu 99,9 Prozent nicht angemacht" habe.

Siegfried Farkas