Philipp Tropf lächelt, als er sich erinnert: "Meine Weihe zum Priester war überwältigend. Ich fühlte mich angekommen in meinem Traumberuf." Er hatte sich relativ spät für diesen Weg entschieden. Tropf hatte zunächst Theaterwissenschaften studiert, arbeitete dann als Unternehmerberater und war bei seiner Priesterweihe schon 38 Jahre alt. Er arbeitete von 2014 bis 2016 in Schondra und Oberleichtersbach als Pastoralpraktikant, Diakon und Kaplan. Zeitweilig war er auch in Riedenberg, Oberbach und Wildflecken tätig.Heute, sechs Jahre später, lebt er in Goldbach im Landkreis Aschaffenburg, ist verheiratet und - wie er es formuliert - "von der katholischen Kirche exkommuniziert". Und er will, obwohl offiziell konfessionslos, wieder als Seelsorger arbeiten, als "Priester ohne Kirche".

Keine Kirchenkonkurrenz

"Ich höre und spüre weiterhin den Ruf Gottes und mag ihn nicht verleugnen", sagt Tropf. Auch wenn er als Unternehmerberater ordentlich verdiene, wolle er seiner Berufung nachgehen und für Menschen da sein, die von der Institution Kirche enttäuscht sind. "Ich will keine neue Gemeinde um mich scharen, keine Konkurrenz zur Kirche sein", erklärt der 44-Jährige. Aber er könne Trauungen oder Beerdigungen übernehmen, Seelsorge anbieten in sozialen Einrichtungen und für jeden, der das Gespräch mit ihm suche. Er könne Exerzitien leiten oder Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung. "Christen ohne Kirche" gebe es jedenfalls viele. Menschen, die sich wegen der Missbrauchsfälle oder anderer Anlässe von der Kirche abgewendet haben - aber nicht von Gott. "Vielen von ihnen fehlt das Feiern der christlichen Feste, der gewohnte Jahresablauf, so wie auch meiner Frau und mir", sagt Tropf. "Wir könnten gemeinsam feiern."

Die Idee, sich trotz der "Laisierung" durch das Bistum wieder als Priester zu verstehen und als solcher zu arbeiten, sei im vergangenen Jahr in ihm gereift. "Nach dem Ausscheiden aus der katholischen Kirche lief die Unternehmerberatung wieder gut an", sagt der Goldbacher. Aber sein seelisches Bedürfnis befriedige dieser Job nicht.

Eine Erkenntnis, zu der er nicht zum ersten Mal im Leben kam. Aufgewachsen in einem katholischen Elternhaus in Alzenau (Lkr. Aschaffenburg), besuchte Tropf ein katholisches Internat in Würzburg und war Ministrant im Dom. Es habe ihn dann zum Theater gezogen, zum Komödiantischen von Heinz Erhardt und auch zu den großen Dramen, "die existenzielle Fragen behandeln". Nach dem Studium der Theaterwissenschaften in Mainz und Wiesbaden wandte sich Tropf der Philosophie zu: "Das Bindeglied zwischen weltlichem Denken und der Frage nach Gott."

2002 ging der Unterfranke zum Theologiestudium nach Wien und Salzburg. "Ich war früher kein guter Schüler, aber da ging mir alles leicht von der Hand. Ich hatte meine Heimat gefunden." Ein Jahr später habe ihn der tragische Tod seines Vaters dann "ins Mark getroffen". Pläne zum Eintritt in den Kirchendienst habe er hintangestellt. Stattdessen half er, das Bekleidungsgeschäft der Familie abzuwickeln und promovierte 2009 in Kirchengeschichte. Zurück in Unterfranken, machte sich Tropf in Aschaffenburg selbstständig. "Nicht als Unternehmensberater, sondern als Unternehmerberater." Er habe sich auf die Menschen konzentriert, auf Werte, Ethik und Philosophie. "Das war einkömmlich, aber nicht befriedigend."

2013 trat er ins Priesterseminar ein. "Ich hatte das Gefühl, die Frage nach dem Zölibat war mir von Gott abgenommen worden", erzählt Philipp Tropf. Mit Mitte 30 habe er noch keine feste Beziehung gehabt. "Die Wahrscheinlichkeit war hoch, dass da nichts mehr kommen würde." Und die Arbeit habe ihn erfüllt, erst beim Praktikum in Schondra in der Rhön und dann, nach der Priesterweihe 2016, als Kaplan in Lohr (Lkr. Main-Spessart). "Ich war gern bei den Leuten, ob auf dem Sportplatz, bei der Musik oder der Feuerwehr. Ich fühlte mich von den Menschen sehr gut angenommen. Ich wollte ihnen dienen, sie von der Wiege bis zur Bahre begleiten."

Eine Belastungsprobe

Dann sei ihm etwas "zugestoßen", ohne dass er sich das ausgesucht hätte, sagt Tropf. Zu einer verheirateten, in der Kirchengemeinde engagierten Frau entwickelte sich eine Beziehung: "Das war sehr schön, aber auch eine Belastungsprobe. Wir mussten verantwortungsvoll damit umgehen." Elf Monate lang hätten sie sich "geprüft", überlegt, diskutiert. Dann sei klar gewesen: "Es zu leugnen, stand nicht zur Debatte."

Im November 2017 habe er sich dem Würzburger Bischof erklärt, sagt Tropf: "Mir war klar, dass ich auf der Stelle suspendiert werden würde." Tatsächlich veröffentlichte das Bistum Würzburg noch am selben Tag eine Pressemitteilung, in der von Tropfs Ausscheiden aus dem Kirchendienst "auf persönlichen Wunsch" die Rede ist. "Das ist schlicht falsch. Ich wurde exkommuniziert", sagt Tropf heute. "Mir wurde mitgeteilt: Du hast das Zölibatsversprechen gebrochen und das sechste Gebot - du sollst nicht ehebrechen. Sie sagten mir, ich sei nun von allen Sakramenten ausgeschlossen."

Das Bistum Würzburg wiederholt indes auf Anfrage dieser Redaktion, Tropf sei damals "auf seine eigene Bitte hin vom Zölibat dispensiert und in den Laienstand versetzt" worden. Damit habe "der Papst ihm die Möglichkeit zu einem Neuanfang eröffnet".

Aus der Kirche ausgetreten

2019 heirateten Bettina und Philipp Tropf, aus der Kirche sind beide mittlerweile ausgetreten. 2020 erschien ihr gemeinsames Buch "Todesursache: Unfehlbarkeit", in dem sie ihre wenig schmeichelhafte Sicht auf die katholische Kirche und die Behandlung durch das Bistum Würzburg darlegen. Noch immer gibt es Deutungsunterschiede: Tropf argumentiert, die Priesterweihe sei laut Kirchenrecht "unauslöschlich", deswegen behielten alle Sakramente, die er spende, "ihre volle Gültigkeit". Das Bistum Würzburg betont dagegen, dass dem Laisierten "eine Ausübung der Weihegewalt verboten" ist. "Jegliche Ämter und Vollmachten sind ihm entzogen."

In seinem Buch schreibt Tropf, laut Dekret der Kleruskongregation habe er "allen Orten fernzubleiben, in denen mein früherer Status als Priester bekannt sei". Heute drückt er nur mit einem Kopfschütteln aus, was er davon hält. Er wolle die großen Verwerfungen hinter sich lassen.

Er sei sicher, sagt der 44-Jährige: "Meine Zeit des Suchens ist vorbei. Ich bin mir meiner Selbst jetzt bewusst. Wer einmal Priester ist, der ist es für immer." Er gehe seinen Weg jetzt, frei von Dogmen und Hierarchien, als freiberuflicher "Priester ohne Kirche", unterstützt von seiner Ehefrau. "Ich kann mir vieles vorstellen, viele zeitgemäße Wege für das Christentum im 21. Jahrhundert." Es gebe viele Christen, die ähnliche Wege suchten, ist der Goldbacher zuversichtlich: "Gott ruft mich, für die Menschen da zu sein. Ich nehme das mit Gottvertrauen an." Markus Rill