Es sei häufig gar nicht so entscheidend, welche Frage man stellt. "Es ist viel entscheidender, wie gut man zuhören kann" - ein besseres Zitat als diesen Satz von Hubertus Meyer-Burckhardt kann man einem Interview mit Hubertus Meyer-Burckhardt kaum voranstellen. Lesen Sie, wie gut wir zugehört haben.

"Diese ganze Scheiße mit der Zeit" - Ihr Buch mit diesem Titel schlägt richtig gut ein. Jetzt sind sie viel unterwegs, und dann kommen wir noch mit unserer Interview-Anfrage. Auf welchem Stand ist aktuell ihr Zeitkonto?

Hubertus Meyer-Burckhardt: Mein Zeitkonto ist ausgeglichen. Ich bin mit dem Buch gerne unterwegs, denn so lerne ich Leserinnen und Leser kennen.

Sie haben also einen Nerv getroffen?

Scheinbar. Es klettert ja in der Bestseller-Liste des Spiegel immer weiter nach oben. Damit habe ich wahrlich nicht gerechnet.

Die wievielte ihrer Lesung ist jetzt in Hammelburg?

Wenn man alle fünf Bücher zusammennimmt, sind es etwa 400. Mit dem aktuellen Buch wird Hammelburg die neunte Station sein. Ich bin ja parallel auch noch mit dem Buch "Frauengeschichten" unterwegs. In diesem Jahr sind weitere rund 60 Lesungen geplant.

Waren Sie schon mal in Hammelburg?

Wenn ich in Hammelburg bin, werde ich eine nette Anekdote erzählen. Aber erst dann. Ich habe eine sehr persönliche Beziehung zu Hammelburg.

Sind Sie eher ein Stadt- oder Landmensch?

Klar bin ich Stadtmensch. Als ich in Kassel aufwuchs, gab es unter uns Schülern einen Wettbewerb, wer wohin zum Studieren geht. Der eine ging lieber nach Hamburg, der andere nach Berlin oder München. Als ich gefragt wurde, wo ich hin will, habe ich gesagt: Völlig egal, Hauptsache die Stadt hat mehr als eine Million Einwohner.

Tickt die Zeit in der Großstadt, gefühlt, nicht schneller?

Das liegt an der persönlichen Haltung, die man zur Zeit einnimmt. Ich glaube, das muss nicht etwas mit Stadt und Land zu tun haben. Ich gehe gerne in Theater und Museen, habe gerne viele Restaurants zur Auswahl. Als ich jung war, durfte ich mal nach New York reisen. Und in die Stadt habe ich mich verliebt. Diese Liebe zu großen Metropolen zieht sich durch mein Leben wie ein roter Faden.

Da wird Hammelburg hoffentlich keine Qual?

Nein, wieso? Ich lese ja jetzt auch in Wasserburg und Landsberg. Als Kontrastprogramm mag ich Natur und Kleinstadt ausgesprochen gerne.

Haben Sie privat auch öfter so viele Leute am Tisch, wie bei ihrer NDR-Talkshow mit Barbara Schöneberger?

Ich habe gerne Besuch. Ich mag es, Freunde bei mir Zuhause am Küchentisch zu haben.

Was lernt man als Talkshow-Moderator fürs Leben?

Dass jeder Mensch ein Kosmos ist, ein Universum. Jeder hat seine Ängste, Hoffnungen, Sehnsüchte. Ich bin ein großer Menschenfreund. Insofern ist es häufig gar nicht so entscheidend, welche Fragen man stellt. Es ist viel entscheidender, wie gut man zuhören kann.

Sind Sie von Fragen nach ihrer Krebserkrankung genervt?

Nein, dann hätte ich das Buch nicht schreiben dürfen. Ich wollte sowieso ein Buch über die Zeit schreiben. Die Diagnose kam, während ich schrieb. Da war die große Frage: Gibst du das Projekt auf oder integrierst du die Diagnose? Wenn man ehrlich ist, drehen sich 20 Prozent des Buches um den Krebs und 80 Prozent eben nicht.

Haben Sie schon einmal bereut, darüber gesprochen zu haben?

Nein, ich habe noch nie im Leben etwas bereut. Man kann kein erfülltes Leben ohne Irrtümer führen. Ich habe es auch im Buch erwähnt. Mit Menschen, die alles richtig gemacht haben, möchte ich eigentlich nichts zu tun haben.

Gehen die Menschen seitdem mit Ihnen anders um?

Erfreulicherweise nicht. Mein Krebs ist ja gut im Griff, auch wenn man das nie ganz genau weiß, das gebe ich zu. Ich habe das Buch ja geschrieben, um die Leute zu ermutigen, das Leben zu führen, das sie führen wollen. Nicht nur mit "hätte" und "wäre". Mach dir klar, welches Leben du führen willst, welche Reisen du unternehmen willst. Das kann sonst alles eines Tages durch eine Diagnose zu spät sein. Ich habe mal gesagt, es handelt sich um ein Buch für Mutbürger.

Haben Sie einen Tipp dafür, wie man am besten mit Krebspatienten spricht?

Normal! Ich besuche manchmal Sterbehospize und unterstütze sie auch. Man muss einfach die Scheu überwinden. Es geht wie in der Talkshow darum hinzuhören und zuzuhören. Es geht vor allem nicht um Mitleid, sondern bestenfalls um Mitgefühl.

Was wünschen Sie für ihr Leben?

Ich habe viele Träume. Das hat bei mir viel mit Reisen zu tun. Was Europa betrifft, will ich durch die Pyrenäen fahren, weltweit könnte Alaska noch auf dem Plan stehen.

Vielleicht noch ein Tipp von Ihnen, nach Ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema, wie man seine kostbare Zeit bewusst verbringt?

Ich rege immer an, sich drei- bis viermal im Jahr mit einem Bleistift vor ein weißes Blatt Papier zu setzen und dann aufzuschreiben, ob ich auch das Leben führe, das ich führen möchte. Das Aufschreiben ist wichtig, um sich dann damit zu konfrontieren: Was möchtest du, ist davon einiges erfüllt? Für den einen ist es, mit dem Segelboot die Welt zu umsegeln, für den anderen vielleicht, ein Modellflugzeug zu bauen.

Es geht auch darum, sich mit den Dingen zu konfrontieren, die einfach nicht stimmen. Es kann die falsche Stadt sein, es kann der falsche Partner sein, der falsche Arbeitgeber. Manchmal heißt es, entweder Kompromisse zu finden oder klare Entscheidungen treffen.

Das Gespräch führte Wolfgang Dünnebier

Info: Die Lesung Meyer-Burckhardts in Kooperation von Stadtbücherei und Buntem Buchladen ist am Montag, 3. Februar. Sie ist fast ausverkauft. Einlass ist um 19 Uhr. Beginn um 19.30 Uhr. Am Abend gibt es nur noch wenige Karten.