Darf ein Wolf in Oberbayern geschossen werden? Diese Frage sorgt seit mehr als einer Woche für Diskussionen. Die Regierung von Oberbayern hatte zuerst den Abschuss des streng geschützten Tieres aus Sicherheitsgründen erlaubt, da dieses wiederholt in der Nähe von Siedlungen Tiere gerissen hatte. Doch das Verwaltungsgericht München gab den Eilanträgen des Bund Naturschutz (BN) und der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe (GzSdW) statt und entschied: Der Chiemgauer Wolf darf vorerst nicht geschossen werden. Es bestehe keine Gefahr für Menschen, die eine Tötung des Tieres erfordere.

Der Wolf selbst scheint indes über alle Berge zu sein. Doch die Debatte geht weiter. Grund genug, nachzufragen, wie viele Wölfe es in Unterfranken gibt, was man über sie weiß und unter welchen Umständen der Abschuss auch in der Region gerechtfertigt wäre. Antworten geben die Wildtierexperten des Bayerischen Landesamts für Umwelt (LfU), der Höheren Naturschutzbehörde der Regierung von Unterfranken und der unterfränkische Vorsitzende des Bayerischen Jagdverbandes.

Könnte die Regierung von Unterfranken den Abschuss eines Wolfs auch hier erlauben?

"Grundsätzlich wäre eine Allgemeinverfügung wie in Oberbayern auch in Unterfranken denkbar. Doch tatsächlich steht hier ein Abschuss eines Wolfs derzeit nicht zur Diskussion", sagt Oliver Konopik. Denn laut dem Experten für Wildtiermanagement an der Höheren Naturschutzbehörde der Regierung von Unterfranken gibt es in der Region aktuell weniger nachgewiesene Wolfsaktivitäten als in anderen Regierungsbezirken. "Wir haben hin und wieder standorttreue Tiere, auch hin und wieder Durchzügler, und sehr viel von dem Geschehen da draußen kriegen wir vermutlich gar nicht mit, weil sich die Tiere unauffällig verhalten."

Wie viele Wölfe leben aktuell in Unterfranken?

Im Moment gibt es eine sesshafte Wölfin (Fähe) im Dreiländereck Hessen, Thüringen und Bayern. Im bayerischen Teil der Rhön ist die Wölfin bislang durch einen Nutztierriss am 30. Oktober 2021 aufgefallen. Einen zweiten standorttreuen Wolf gibt es in Baden-Württemberg, dessen Revier auch Teile des Landkreises Miltenberg umfassen könnte. Er wurde in Unterfranken aber noch nicht sicher nachgewiesen. Ein Wolf gilt als standorttreu, wenn er länger als sechs Monate in einem Gebiet lebt.

Wie viele Wölfe hat man in Unterfranken nachgewiesen?

Seit 2017 haben die Wildtierexperten des Bayerischen Landesamts für Umwelt (LfU) insgesamt 21 "Einzelnachweise" von Wölfen in ganz Unterfranken dokumentiert, darunter acht im Landkreis Rhön-Grabfeld, sechs im Landkreis Bad Kissingen, drei im Landkreis Main-Spessart, zwei im Landkreis Haßberge und jeweils einen in den Landkreisen Miltenberg und Kitzingen. Unter den 21 Nachweisen haben die Experten drei verschiedene Individuen eindeutig ausgemacht. Dazu kämen viele Durchzügler aus anderen Ländern - meist Jungwölfe auf der Suche nach einem eigenen Revier und Partner. Ein junger Rüde beispielsweise könne pro Tag 50 bis 70 Kilometer zurücklegen.

Wie wird das Auftauchen eines Wolfs nachgewiesen?

Wölfe werden mittels genetischer Analysen (Rissabstrich, Speichel, Kot) oder anhand von Bildmaterial (Fotos, Videos) nachgewiesen. Das LfU nimmt in Verdachtsfällen Hinweise von Wolfssichtungen entgegen. Wildtierexperten überprüfen dann meist vor Ort, ob es sich tatsächlich um einen Wolf handelt. Alle Einzelnachweise werden in einem Wolfsmonitoring dokumentiert.

Wie unterscheiden sich Wölfe von Wolfshunden?

Manche wolfsähnliche Hunde sind von Wölfen schwer zu unterscheiden. Auch der vermeintliche Wolf in Estenfeld im Landkreis Würzburg vor wenigen Tagen entpuppte sich als Wolfshund. Laut den Wolfsexperten des LfU sind Wölfe hochbeiniger als viele Hunderassen. Die Ohren der Wildtiere sind klein und dreieckig. Ihr Schwanz ist buschig und hat oft eine schwarze Spitze. Auf ihrer Schulter befindet sich ein Sattelfleck und das Gesicht ist dunkel mit hellen Partien an der Seite.

Geht von Wölfen eine Gefahr für Menschen aus?

Wölfe sind von Natur aus vorsichtig und weichen dem Menschen aus, so die Wolfsexperten des LfU. Im Einzelfall könnten aber vor allem Jungtiere unerfahren und neugierig sein. Dies stelle aber noch keine Gefahr für Menschen dar. Seit dem Jahr 2000, seitdem es also wieder freilebende Wölfe in Deutschland gibt, hat noch kein Wolf einen Menschen angegriffen.

Wie sollte man sich einem Wolf gegenüber verhalten?

Wenn sich im seltenen Fall Mensch und Wolf begegnen, raten die Wildtierexperten des LfU, dem Raubtier gegenüber Respekt zu zeigen, sich langsam zurückzuziehen ohne wegzulaufen und Hunde anzuleinen. Wenn einem der Wolf zu nahe kommt, solle man laut sprechen und gestikulieren. Auf keinen Fall sollte man Wölfe füttern, weil sie sonst menschliche Anwesenheit mit Futter verbinden. Wolfssichtungen oder ein möglicherweise von einem Wolf gerissenes Tier können der Unteren Naturschutzbehörde des Landratsamtes oder dem Bayerischen Landesamt für Umwelt (Tel.: 09281/18 00, Internet: lfu.bayern.de) gemeldet werden.

Unter welchen Umständen wäre der Abschuss eines Wolfs in Unterfranken denkbar?

Der Wolf ist eine im Europäischen Naturschutzrecht streng geschützte Art. Über eine Ausnahme nach dem Bundesnaturschutzgesetz könne nur im Einzelfall entschieden werden, so ein Sprecher des LfU. Als Richtschnur für so eine Einzelfallentscheidung gilt in Bayern der "Aktionsplan Wolf", auf den sich Landwirtschaft und Naturschutz verständigt haben. Oliver Konopik von der Regierung von Unterfranken sagt: Da sich jedes Tier anders verhalte, sei es unmöglich, allgemein gültige Bedingungen für eine "Entnahme" zu formulieren. Doch sobald von einem Tier eine objektive Gefahr für Menschen ausgehe, etwa wenn es regelmäßig wolfsabweisende Zäune überwinde und jegliche Scheu vor Menschen verliere, sei der Fall eindeutiger. Auch ein Wolfsrudel sei noch kein Grund, eines der Tiere abzuschießen. Erst, wenn sich einzelne Tiere des Rudels problematisch verhielten, könne man darüber diskutieren. In Deutschland gibt es Schätzungen zufolge 130 bis 160 Wolfsrudel.

Könnte sich in der Rhön ein Wolfsrudel bilden?

Kritischer sieht das Enno Piening aus Bad Kissingen, unterfränkischer Vorsitzender des Jagdverbandes Bayern. Einzelne Wölfe seien in der Regel kein Problem. Doch ein Rudel könne die Situation in Unterfranken verändern. Zum einen für die Schafhalter, von denen einige dann aufgeben würden: "Wir brauchen die Weidetierhaltung, sonst wäre die hohe Rhön schon längst verbuscht und zugewachsen", sagt Piening. Zum anderen würde ein Rudel die Lebensräume des Rotwildes (Hirsche) verengen. Der Jäger kritisiert, Rotwild dürfe in Bayern nur auf 14 Prozent der Landesfläche leben. Andernorts müsste es abgeschossen werden. Doch dem Wolf billige man zu, sich überall auszubreiten - ohne Rücksicht auf sinnvolle Gegebenheiten. Piening sagt: "Man kann den Yellowstone-Nationalpark nicht mit Unterfranken vergleichen." Doch die Frage, ob sich in der Rhön auf absehbare Zeit tatsächlich ein Wolfsrudel bilden wird, können auch die Wolfsexperten des LfU nicht beantworten. Sie sagen: Da Wölfe sehr weite Strecken wandern, könnten sie jederzeit überall in Bayern auftauchen. Aussagen zur dauerhaften Ansiedlung, zur Verpaarung, Nachwuchs- und Rudelbildung seien daher nicht möglich.Angelika Kleinhenz