Bei der Kampagne "#OutInChurch" haben sich 125 Haupt- und Ehrenamtliche aus der katholischen Kirche als nicht heterosexuell geoutet. Die LGBTIQ+ Personen wollen "in der Kirche ohne Angst offen leben und arbeiten können" und haben in einem Manifest ihre Forderungen in diese Richtung formuliert. An dieser Kampagne hat sich auch der überregional bekannte katholische Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose beteiligt.

Herr Hose, warum beteiligen Sie sich an der Kampagne "#OutInChurch"?

Burkhard Hose: Mir ist diese Aktion wichtig, weil es eben noch längst nicht selbstverständlich ist, dass sich queere Menschen offen in der katholischen Kirche zeigen können. Ich will, dass sie sichtbar werden. Es ist nämlich tatsächlich noch so, dass viel Angst herrscht und viel Heimlichkeit. Viele Kolleginnen und Kollegen verstecken sich seit Jahrzehnten und sind darüber teilweise auch krank geworden.

Einige beteiligen sich anonymisiert an der Aktion - viele aber auch mit Namen und Gesicht, wie Sie zum Beispiel. Haben Sie keine Angst vor irgendwelchen Konsequenzen?

Nein, ich habe keine Angst. In meinem direkten Arbeitsumfeld wissen alle schon lange, dass ich homosexuell bin - in meiner Familie sowieso. Und auch gegenüber dem Würzburger Bischof habe ich gerade in den letzten Jahren Wert daraufgelegt, in dieser Frage sehr transparent zu sein und zu mir zu stehen. Es wäre ein schlechtes Zeichen, wenn diese Offenheit nun irgendwie bestraft würde.

Sie sagen es selbst: In gewisser Weise war Ihre Homosexualität ein "offenes Geheimnis", wozu ist diese Kampagne dann dennoch nötig?

Wir wollen mit der Aktion auch den Reformprozess in der katholischen Kirche - den Synodalen Weg - ein Stück weit stärken und befeuern. Letztlich geht es uns auch um eine Änderung der Lehre: Die katholische Dogmatik, die kirchliche Moral, ist beim Thema Sexualität immer noch durch das sogenannte Naturrecht geprägt - demnach leben gleichgeschlechtlich liebende Menschen wider die Natur und wider die göttliche Ordnung. Das muss endlich auch ganz offiziell geändert werden.

Die katholische Kirche unterscheidet in ihrer Sexualmoral ja auch zwischen empfundener und praktizierter Homosexualität. Verstehen Sie als Priester diese Unterscheidung?

Nein, das ist nicht zu verstehen und völlig aus der Zeit gefallen. Es ist in gewisser Weise auch zynisch. Denn nach der offiziellen kirchlichen Lehre heißt das ja: Man diskriminiert die homosexuellen Menschen mit ihrer empfundenen Sexualität zwar nicht, zugleich sind homosexuelle Partnerschaften aber Sünde, also die praktizierte Homosexualität. So eine Aufspaltung in Mensch und Beziehung, das ist doch schlichtweg Quatsch. Ich bin auch überzeugt: Das ist mit der Botschaft Jesu nicht vereinbar.

Jetzt könnte man ja fragen: Warum beteiligen sich denn jetzt gerade auch noch Priester an der Aktion? Die leben doch ohnehin zölibatär.

Der Zölibat ist natürlich noch mal ein gesondertes Thema. Und um das klar zu sagen: Wir homosexuellen Priester wollen mit dieser Kampagne jetzt keine Sonderrechte für uns. Vielmehr ist wichtig, dass sich gerade Menschen mit kirchlichen Ämtern bei diesem Thema in die Öffentlichkeit stellen und sagen: Wir wollen in dieser Kirche weiter mitarbeiten! Und es ist nach wie vor so, dass Priester und Bischöfe in der katholischen Kirche ein besonderes Gewicht haben.

Letztlich muss auch die Frage erlaubt sein: Warum bleiben Sie katholisch? Es gibt ja doch auch andere Kirchen, die mit dem Thema Homosexualität - inzwischen - anders umgehen.

Diese Frage stellen wir uns als Kampagnen-Mitglieder natürlich auch immer wieder selbst. Ich finde, in der Frage steckt die Logik der Diskriminierenden drin. Letztlich bedeutet das doch: Sollen die queeren Personen doch gehen, die katholische Kirche verlassen. Aber warum sollen wir denen weiter den Raum überlassen, die uns nach wie vor diskriminieren wollen? Nein, das kann nicht die Lösung sein. Nicht wir müssen gehen, sondern die Lehre und die Verhältnisse müssen sich verändern!

Die katholische Kirche steht nicht nur wegen ihrer Sexualmoral in der Kritik, sondern auch wegen des Missbrauchs-Themas. Wann ist denn für Sie das Maß voll?

Das stimmt, es gibt viele verschiedene Themen, weshalb die katholische Kirche an einer Weggabelung steht: Sexualmoral, Missbrauch, Frauenordination, und so weiter. Letztlich verbinden sich all diese Themen in einem Punkt: Die Kirche muss sich eindeutig zur Anerkennung und auch zum Praktizieren der Allgemeinen Menschenrechte in den eigenen Reihen bekennen. Wir brauchen gerade in der Kirche einen unbedingten Respekt vor der Unverletzlichkeit der Würde eines jeden Menschen.

Wie sieht Ihre Prognose aus: Wo steht die katholische Kirche in fünf Jahren? Sind die von Ihnen genannten Themen dann abgearbeitet?

Das ist schwer zu sagen. Im Prinzip hängt alles davon ab, ob der Synodale Weg erfolgreich endet - im Sinne der nötigen Reformen. Wenn am Ende allerdings eine Mehrheit der Bischöfe dabeibleiben will, wie Kirche bisher war, dann bin ich sicher, dass es zur Erosion der Kirche in einer bisher nicht für möglich gehaltenen Geschwindigkeit kommen wird - und dass sie am Ende zerbricht.

Das klingt nur verhalten optimistisch. Was also, wenn der Reformprozess scheitert - bleibt die katholische Kirche dann weiterhin Ihre Heimat?

Diese Frage kann ich immer nur für den Augenblick und für die Gegenwart beantworten. Ich weiß nur, dass die katholische Kirche in ihrer jetzigen Form so nicht mehr weiterbestehen wird, und das ist nicht nur meine Meinung. Ich habe aber noch Hoffnung, dass sich die Kirche ändert, dass sie zu einer Kirche ohne Angst wird und zu einer Kirche, die wieder auf der Botschaft Jesu beruht.

Das Gespräch führte

Daniel Staffen-Quandt (epd).