Am 24. Februar begann der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Seitdem sind Tausende Menschen gestorben und Millionen auf der Flucht. Auch in Unterfranken sammeln Menschen Spenden und Hilfsgüter. Zahlreiche Hilfstransporte haben sich bereits auf den Weg Richtung Ukraine gemacht, um Medikamente, Lebensmittel, Hygieneprodukte oder Schlafsäcke hinzubringen - und auf dem Rückweg Geflüchtete mitzunehmen.

In Münnerstadt hat sich Ende Februar die Ukrainehilfe Münnerstadt gegründet. Ihr Leiter und Koordinator ist Reinhold Heppt. Zur Gruppe gehören rund 50 Helferinnen und Helfer. In Münnerstadt werden Spenden gesammelt und verpackt, der Rotary-Club Bad Kissingen spendete kürzlich 50.000 Euro. In Zusammenarbeit mit der Stadt Münnerstadt werden unter anderem medizinische Hilfsgüter gekauft und gezielt zu ukrainischen Kontaktleuten gebracht, die garantieren können, dass die Hilfe dort ankommt, wo sie gebraucht wird. Außerdem gibt es ehrenamtliche Gruppen, die sich um Wohnungen für Flüchtlinge und ihre Betreuung in Deutschland kümmern. Bisher hat die Gruppe zwei Hilfstransporte gemacht, weitere sind geplant.

Einer der Helfer ist Oliver Schikora. Er ist Redaktionsleiter bei der Mediengruppe Main-Post in Schweinfurt. Die Fahrt, über die er hier berichtet, hat er privat gemacht. Mit ihm an die polnisch-ukrainische Grenze gefahren sind insgesamt 19 Personen aus Münnerstadt und Umgebung.

Sie fuhren mit neun Fahrzeugen, insgesamt 2300 Kilometer und brachten 22 Geflüchtete mit nach Deutschland. Das ist das Protokoll einer Reise, die stellvertretend für die vielen Hilfsfahrten steht.

Freitag, 11. März, 6.46 Uhr, Münnerstadt

Es klingelt an der Tür. Mein Mitfahrer Michael holt mich ab, der rote Ford Transit ist voll mit Hilfspaketen, vor allem mit Medikamenten. An den Scheiben kleben DIN-A3-Zettel in blau-gelb, den Farben der ukrainischen Flagge, darauf steht "Hilfstransport" in Deutsch und Ukrainisch. Michael verkündet die erste Überraschung vor dieser Reise ins Ungewisse: Am Scheibenwischer war ein Zettel angebracht. Darauf ein Jesusbild, auf der Rückseite handschriftlich die besten Wünsche "auf dieser mutigen Reise". Und in einem Umschlag eine Spende über 55 Euro.

11. März, 7.15 Uhr, Münnerstadt

Die neun Fahrzeuge sind voll mit Hilfsgütern, wir warten auf die Abfahrt. Reinhold Heppt, der Initiator der Helferinitiative, erklärt den Ablauf. Erste Station: ein Hotel im polnischen Gleiwitz. Von dort geht es zur ukrainischen Grenze und wieder zurück. 740 Kilometer auf der ersten Etappe.

11. März, 11.34 Uhr, A4, Parkplatz Oberlausitz

Wir machen Pause auf dem Parkplatz Oberlausitz. Neben uns Belgier sowie ein Transporter aus dem südfranzösischen Orange. Es ist unglaublich, wie viele Menschen unterwegs sind. Wir sehen Freiwillige aus Portugal, Spanien, Frankreich, Italien, Holland, Belgien, Großbritannien, Litauen, Österreich und der Schweiz. Auf einmal wird Europa greifbar.

11. März, 12.55 Uhr, A 4, Grenzübergang

Grenzübergang nach Polen bei Görlitz. Die Fahnen Deutschlands, Polens und der EU stehen auf Halbmast.

11. März, 16.16 Uhr, Gleiwitz, Polen

Ankunft im Hotel in Gleiwitz, die erste Etappe ist geschafft. So langsam wächst die Anspannung vor dem, was uns erwartet.

Samstag, 12. März, 7.32 Uhr, Gleiwitz, Polen

Abfahrt Richtung polnisch-ukrainische Grenze zum Sammelplatz für die Hilfsgüter, die per Lkw direkt in die Ukraine gebracht werden sollen. Dort werden sie gezielt verteilt. 366 Kilometer sind es von Gleiwitz bis zur Grenze, also rund vier Stunden Fahrt. Nach dem Abladen sollen Flüchtlinge mit nach Hause genommen werden.

12. März, 11.34 Uhr, Rastplatz A4, vor der polnisch-ukrainischen Grenze

Rast rund 40 Kilometer vor der Grenze. Die Autobahn ist leer, wir treffen eine Gruppe aus Österreich. Zwei Autos, vier Männer. Sie bringen Hilfsgüter zu einem Caritas-Lager. "Pfüat Euch, passt gut auf Euch auf", heißt es zum Abschied.

12. März, 12.03 Uhr, Korczowa, Polen

Ankunft am Abladepunkt, einem Gewerbegebiet mit mehreren Hallen nahe der Grenze und der A4 Richtung Lwiw (Lemberg). Fast alle sind da, nur der ukrainische Lkw nicht. Er steht im Stau, die Grenze ist dicht.

12. März, 12.45 Uhr, Korczowa, Polen

Am Himmel ist eine dunkle Rauchwolke zu sehen, eine Explosion haben wir aber nicht gehört. Was da brennt, wissen wir nicht. Die Grenze selbst ist nicht zu sehen, aber sie liegt nur einige hundert Meter entfernt.

Die polnische Polizei sperrt die Autobahn, nur Busse werden durchgelassen. Die Hilfstransporte müssen warten. Einen großen Stau gibt es aber nicht, die Autobahn ist auffallend leer.

12. März, 13.07 Uhr, Korczowa, Polen

Reinhold Heppt telefoniert ständig mit unserer Deutsch sprechenden ukrainischen Kontaktfrau und fragt, wie die Lage ist. Es gibt das Gerücht, dass 500 Flüchtlinge zu Fuß über die Grenze in unserer Richtung unterwegs sind. Nach mehreren Stunden Wartezeit stellt sich heraus, dass es ein anderer Grenzübergang gewesen sein muss.

12. März, 13.34 Uhr, Korczowa, Polen

Es gibt eine Meldung, dass rund 120 Kilometer von uns entfernt russische Raketen eingeschlagen sein sollen. In der Nacht auf Sonntag, als wir auf dem Rückweg zum Hotel sind, greift Russland ukrainische Militärstellungen nahe der Grenze an. In den polnischen Medien heißt es, die Detonationen des Artillerie-Beschusses etwa zehn Kilometer von uns entfernt, seien bis nach Polen hörbar gewesen.

12. März, 14.05 Uhr, Korczowa, Polen

Zwei junge Holländer kommen mit einem Sprinter, haben Kleidung und Essen dabei, wollen drei bis vier Leute mitnehmen. Wie sie das anstellen sollen, wissen sie noch nicht. Ein Ukrainer, der aus einer der vielen Hallen Sachen abholt, nimmt ihnen die Ware ab. Er ist ein offiziell zertifizierter Helfer. Stunden später treffen wir die beiden Holländer im Flüchtlingslager in Medyka wieder.

12. März, 14.51 Uhr, Korczowa, Polen

Beim Kaffeeholen treffen wir in einem Hotel Söldner, die für die Ukraine in den Krieg ziehen wollen. Ein 31-Jähriger aus Glasgow, seinen Namen sagt er nicht, erklärt, warum er kämpfen will: "It's the right thing to do", es ist die richtige Sache. Er wiederholt das immer wieder. Er ist untersetzt, trägt dunkle Kleidung. Tätowiert, Piercings, zwei Schneidezähne fehlen. In Schottland arbeitet er als Bodyguard, hat angeblich einen Waffenschein, aber keine militärische Erfahrung.

Familie hat er keine, im Gegensatz zu seinem Bekannten aus England. Der ist verheiratet, hat zwei Kinder im Alter von 14 und 17 Jahren. Er zieht trotzdem in den Krieg. Schon in Schottland und England seien sie angeworben worden, berichten die beiden. Wie genau, wollen sie nicht sagen. Sie flogen nach Krakau, kamen von dort in das Hotel an der Grenze. Von hier werden sie ins Kriegsgebiet gebracht. Sie machen nicht den Eindruck als wüssten sie, was auf sie zukommt.

12. März, 15.11 Uhr, Korczowa, Polen

Der Lkw aus der Ukraine ist immer noch nicht da. Unsere Übersetzerin geht auf die andere Seite einer Autobahn-Brücke, spricht mit den Polizisten. Die sagen nicht viel, außer, dass die Busse die Menschen in zwei Camps bringen: eines vier Kilometer entfernt, ein anderes in Medyka, 40 Kilometer entfernt.

12. März, 15.34 Uhr, Korczowa, Polen

Zwei weitere Sprinter einer Gruppe aus Hofheim (Lkr. Haßberge), die mit uns zusammenarbeitet, kommen an. Wir diskutieren mit unserem ukrainischen Kontakt, wo und wann wir abladen können. Erst wenn gesichert ist, dass die Ware nicht gestohlen werden kann, wollen wir abladen.

12. März, 16.20 Uhr, Korczowa, Polen

Endlich geht es los. Ein ukrainischer Kontaktmann kann eines der Lager öffnen. Hektische Betriebsamkeit bricht aus. Hunderte Kartons werden aus unseren Fahrzeugen umgeladen für den Transport in die Ukraine - unter anderem mit medizinischen Artikeln, dazu gut 200 Matratzen. Alles kommt auf Paletten, wird foliert. Wir kommen gut voran, nach 45 Minuten sind wir fertig. Zwei Tage später kommt die Bestätigung, dass alles dort ankam, wo es hin sollte.

12. März, 16.52 Uhr, Korczowa, Polen

Wir diskutieren, wohin wir jetzt fahren. Als es Gerüchte gibt, dass in Medyka Kinder am Bahnhof bei Minusgraden auf der Straße liegen, ist klar, wohin es geht.

12. März, 18.34 Uhr, Medyka, Polen

Es ist dunkel, als wir in Medyka ankommen, die Stimmung ist nicht gut. Alle sind gestresst. Das Warten und die Ungewissheit zerren an den Nerven. Dann gibt es ein Missverständnis, an welchem Sammelpunkt man sich trifft. Doch als wir endlich alle neun Autos an der Flüchtlingsunterkunft haben, wollen wir nur eines: sofort helfen.

12. März, 18.47 Uhr, Medyka, Polen

Die Unterkunft für die Geflüchteten ist ein ehemaliges Einkaufzentrum, die Geschäfte sind leer. Es sind tausende Menschen dort, die Stadt selbst hat nur 2600 Einwohner. Es ist überfüllt, laut, traurig und genau so, wie man sich ein Flüchtlingslager vorstellt. Aber da ist auch der Funken Hoffnung. Die polnischen Behörden und die Ehrenamtlichen leisten großartige Arbeit. Es gibt Toiletten, es gibt Betten, Decken, kostenloses Essen und Trinken. Alle werden registriert, auch die Fahrer der Hilfstransporte. Denn es gibt zu viele dubiose Menschen, die das Leid der Geflüchteten ausnutzen.

12. März, 19.05 Uhr, Medyka, Polen

Wir teilen uns in Gruppen auf, gehen zu Raum 10, in dem die Geflüchteten warten. Nur wer ein entsprechendes Bändchen hat, darf in diesen Bereich. Der Raum ist reserviert für Menschen, die nach Deutschland, Holland und Dänemark wollen. Für jedes Land gibt es eigene Räume, am Eingang des Gebäudes hängt eine große Karte von Europa. Innen dicht gestellt Feldbetten, Decken, Kissen, Gepäck, erschöpfte Menschen mit leerem Blick. Und viele, viele Kinder. Auf einmal kommt ein Helfer um die Ecke, zwei Mal Zuckerwatte in der Hand für zwei Kinder.

12. März, 19.11 Uhr, Medyka, Polen

Wir sprechen Menschen an und fragen, ob wir sie mit nach Deutschland nehmen sollen. Unsere Dolmetscherin hilft meiner Mitfahrerin Elisabeth und mir. Für den Transport mit Flüchtlingen ist es wichtig, dass jeweils ein Mann und eine Frau dabei sind.

12. März, 19.17 Uhr, Medyka, Polen

Wir treffen Yuliia Chernihovtseva und ihre Kinder Oleh (14) und Marianna (12). Auf der Flucht zu Fuß über die Grenze hat sie Viktoriia Kaskevych und ihre sieben Jahre alte Tochter Kira kennengelernt. Die beiden Frauen stammen aus Charkiw im Osten der Ukraine. Die Stadt wird seit Wochen von Russland angegriffen. Yuliias Eltern und Brüder leben noch dort. Viktoriia hat am 13. Februar geheiratet, ihr Mann ist Soldat und kämpft. Yuliias und Viktoriias Heimat ist zerstört. Sie haben keine Perspektive mehr. Ob sie jemals zurückkönnen? Sie wissen es nicht.

12. März, 19.32 Uhr, Medyka, Polen

Yuliia hat einen deutschen Kontakt in Lindau am Bodensee. Wir bieten ihr an, sie in drei Etappen dorthin zu bringen. In der Nacht nach Gleiwitz ins Hotel, am Sonntag nach Münnerstadt mit Übernachtung in einer Familie, dann nach Lindau.

Sie ist skeptisch, hat Angst, ist erschöpft. Sie ist mit den Kindern seit zwölf Tagen auf der Flucht. Wir rufen in Lindau an, erreichen den Kontaktmann. Er bestätigt, dass er Yuliia und die Kinder persönlich kennt.

12. März, 19.47 Uhr, Medyka, Polen

Yuliia und Viktoriia fassen sich ein Herz, sie kommen mit uns. Wir packen ihr Gepäck ins Auto. Zwei große Koffer, vier Rucksäcke, eine Laptop-Tasche, mehrere Tüten mit Essen. Das ist alles, was ihnen geblieben ist.

12. März, 21.13 Uhr, A4, nahe Rzeszów, Polen

Auf der Rückfahrt in der Nacht nach Gleiwitz sehen wir Militärtransporter mit Panzern auf Tiefladern Richtung Grenze fahren.

12. März, 23.25 Uhr, Gleiwitz, Polen

Ankunft im Hotel in Gleiwitz. Auch hier große Hilfsbereitschaft: Es gibt noch warmes Essen und genügend Zimmer.

Sonntag, 13. März, 9.45 Uhr, Gleiwitz, Polen

Abfahrt Richtung Deutschland. Unsere fünf Neuzugänge sind erschöpft, aber sie beginnen uns zu vertrauen. Meine Mitfahrerin Elisabeth sagt Yuliia: "Europa hilft".

13. März, 11.05 Uhr, Liegnitz, Polen

Wir kommen gut voran. Ich schaue immer wieder nach hinten, sehe den 14-jährigen Oleh, wie er aus dem Fenster schaut. Mit leerem Blick, in Gedanken. Er war in einer Militärakademie, die ist nun zerstört. Was wird aus seinen Großeltern, seinen Freunden? Später zeigen Yuliia und Viktoriia Bilder und Videos aus Charkiw und Umgebung. Sie zeigen brennende Hochhäuser, Raketentrümmer auf den Straßen, tiefe Krater, weinende Menschen vor den Trümmern ihrer Existenz.

13. März, 12 Uhr, nahe Görlitz

Pause nahe der Grenze zu Deutschland. Über uns ein Flugzeug. Yuliia und Viktoriia haben Angst. Wir versichern ihnen, dass es so nahe an der deutschen Grenze kein Militärflugzeug ist.

13. März, 12,57 Uhr, nahe Dresden

Wir überholen ein ukrainisches Auto aus Charkiw. Yuliia winkt, die Menschen in dem Auto winken zurück. Yuliia macht das Herz-Zeichen mit den Händen. Als sie sich umdreht, hat sie Tränen in den Augen.

13. März, 17.04 Uhr, Münnerstadt

Ankunft in Münnerstadt. Im alten Berufsbildungszentrum hat die Stadtverwaltung unter Bürgermeister Michael Kastl gemeinsam mit dem Roten Kreuz und der Feuerwehr die Ankunft organisiert.

Es gibt Übersetzer, Corona-Tests, Essen und Trinken. Die erste Registrierung in Deutschland. Wir bringen unsere Gruppe zu einer Familie, die wir kennen. Dort bleiben sie für zwei Nächte.

15. März, 9.32 Uhr, Münnerstadt

Abfahrt nach Lindau. Sie hat sich um einen Tag verzögert, weil noch Details mit der Unterkunft geklärt werden mussten. In vielen Telefonaten spreche ich ab, wohin unsere Gruppe kommt und wie ihnen weiter geholfen wird.

15. März, 13.04 Uhr, Nonnenhorn

Ankunft in der Nähe von Lindau. Die Wohnungen für die beiden Familien sind sehr schön, der Empfang ist sehr herzlich.

Wir verabschieden uns mit einem guten Gefühl, es fließen Tränen. Yuliia und Viktoriia haben unsere Telefonnummern. Wenn ihre Familien in Polen sind, wollen sie anrufen. Und wir werden sie holen. Das habe ich ihnen versprochen. Oliver Schikora

Der Autor und die Geschichte

Die Hilfsfahrt an die polnisch-ukrainische Grenze war mir ein persönliches, privates Anliegen. Als ich die Erzählungen der ersten Fahrt am ersten März-Wochenende hörte, war mir klar, dass ich mitfahren will. Weil man einfach helfen muss und das Engagement aller Ehrenamtlichen in Münnerstadt enorm ist. Nazi-Deutschland griff 1939 im Zweiten Weltkrieg Europa an und löste unendliches Leid aus. Es ist auch unsere Verantwortung heute, sich daran zu erinnern und zu helfen.

Meine Großeltern stammen aus Liegnitz in Polen, mein Vater ist dort geboren. Mein Schwiegervater wuchs in Breslau auf. Sie alle flüchteten 1945. Mein Großvater kam erst 1950 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Meine Mutter flüchtete kurz vor der Bombardierung Würzburgs am 16. März 1945 mit Mutter und Bruder aus der Stadt. Die Flucht und der Krieg hat ihre Leben geprägt, die Erzählungen davon auch meines. Deshalb musste ich helfen und werde es wieder tun. oli