Die Situation in den bayerischen Impfzentren sorgt bei den Bürgern für Verwirrung und für Ärger. Denn nun sollen in den Impfzentren für einige Wochen nur noch Zweitimpfungen vorgenommen werden. Nach Landrat Thomas Bolds Ansicht muss man die Situation "realistisch" betrachten. In den jüngsten Wochen sei man bestrebt gewesen, möglichst viele Menschen mit der ersten Schutzimpfung auszustatten. Im Zuge dessen wurde die Frist bis zur Zweitimpfung, beispielsweise für das Biontech-Vakzin auf sechs Wochen, verlängert. Für Bold ist es logisch, dass jetzt erst mal all diese Menschen die zweite Schutzimpfung bekommen müssen. "Das Verständnis dafür ist aber beim Bürger gering." Vor allem, wenn diese feststellen, dass parallel dazu bei den Ärzten sehr viele Erstimpfungen stattfinden können, sagt Bold.

Impfzentrum wäre viel leistungsfähiger

Als problematisch sieht er diesbezüglich an, dass der Landkreis nach wie vor etwa die gleichen Mengen an Impfdosen geliefert bekommt, nämlich nur 2500 bis 3000 pro Woche. Das heißt, dass nur genau so viele Menschen geimpft werden können. Bold: "Und das, obwohl wir im Impfzentrum Tattersall sehr viel leistungsfähiger wären." In der Ausschusssitzung des Bayerischen Landkreistags am Dienstag habe man sich darauf verständigt, beim Freistaat gemeinsam "deutlich mehr Mengen an Impfstoff" für die Impfzentren zu fordern, sagt Bold. Er selbst hat bereits in einem Brief an den bayerischen Gesundheitsminister Klaus Holetschek darum gebeten, darauf hinzuwirken, dass der Bund größere Liefermengen für die Impfzentren freigibt.

Nach der Einwohnerzahl berechnet

Denn die Impfstofflieferungen werden, laut Bold, stets nach der Einwohnerzahl des Landkreises berechnet. Anders sei dies bei den Arztpraxen. Jeder Arzt, der impfen will, kann beim Freistaat Serum bestellen und bekommt dies dann auch, sagt Bold. Wenn in einer Stadt sehr viele Ärzte impfen, wird auch jeder Arzt beliefert, so Bold weiter. Und das unabhängig von Einwohnerzahlen.

Nach Ansicht des Landrats ist klar, dass daraus mit der Zeit eine gewisse "Impf-Ungerechtigkeit" entsteht. "Denn dort, wo sehr viele Ärzte Serum zur Verfügung haben, wird auch sehr viel geimpft." Das heißt, künftig wird es Regionen mit sehr hohen und andere mit eher niedrigen Impfquoten geben.

Als Beispiel nennt der Landrat den Landkreis Starnberg, der eine sehr hohe Arztdichte hat. Dort beteiligen sich sehr viele Ärzte, was zur Folge hat, dass bereits zehn Prozent mehr Bürger geimpft sind als anderswo, beschreibt Bold das Szenario. Dort wo solch eine Ungleichheit besteht zwischen den Vakzin-Lieferungen fürs Impfzentrum und denen für die Ärzteschaft, sollte der Freistaat ausgleichen und auch mehr Serum ans jeweilige Impfzentrum schicken, das immerhin eine staatliche Einrichtung ist, so Bold. Über das Impfzentrum könnte man dann seiner Ansicht nach künftig auch "Impf-Gerechtigkeit" für alle gewährleisten.

Macht es Sinn, demnächst die Priorisierung beim Impfen aufzugeben, wie jetzt in Berlin bereits diskutiert wird? Im Bad Kissinger Impfzentrum hätte man weniger Arbeit, weil man die Impfanmeldungen nicht mehr auf die Altersgruppen hin überprüfen müsste, sagt Bold. "Schneller geht das Impfen aber auch nicht, so lange wir im Landkreis weiter nur 2500 bis 3000 Impfdosen pro Woche bekommen."

Die Priorisierung bald aufheben?

Und gerechter gehe es deswegen auch nicht zu beim Impfen, fügt Bold hinzu, weil möglicherweise Menschen mit Vorerkrankungen oder Personen aus Berufsgruppen, die mit vielen Menschen zu tun haben, noch sehr lange auf eine Impfung warten müssen. Andererseits würden aber sehr viele junge Menschen dann schon geimpft. Bold ist der Ansicht, dass das Aufheben der Priorisierung erst Sinn macht, wenn die dritte Gruppe (Menschen zwischen 60 und 70 Jahren, Polizei, Feuerwehr, Beschäftigte im Lebensmitteleinzelhandel) geimpft ist.Isolde Krapf