Heiner Kiesel ist in Rannungen groß geworden. "In den 70er Jahren hab' ich mit meinen Kumpels hier Fußball und Federball auf der Straße gespielt, weil nicht viele Autos fuhren", erinnert sich der 54-Jährige. Vielleicht weil er zwischendurch 15 Jahre lang in der pulsierenden Metropole Berlin lebte, fiel ihm 2014, bei der Rückkehr nach Rannungen, umso mehr auf, dass die Straßen in seinem Heimatort menschenleer sind. "Sitzen die Kinder alle vor dem Computer, oder schicken die Eltern sie bloß nicht 'raus?" Auf diese Frage hat Kiesel noch keine Antwort gefunden.

Interessante Gespräche mit Bürgern

Vielleicht sind aber auch die Autos, die im Ort durch die Wohnstraßen fahren, zu schnell, hat sich der Vater von drei Kindern irgendwann mal gefragt. Tempo 30 vor der Haustüre würde den Familien mehr Sicherheit für ihre Sprösslinge geben, davon ist Kiesel überzeugt und startete jetzt eine Unterschriftenaktion zum Thema "Tempo 30 in meiner Straße" in Rannungen. Dabei spielte auch eine Rolle, dass der freie Journalist hauptberuflich beim Deutschlandfunk arbeitet und dort aktuell ein Feature über die Rolle des Individualverkehrs und Perspektiven der Verkehrspolitik vorbereitet. Während der Osterferien war er in verschiedenen Straßen Rannungens unterwegs und kam mit den Bürgern ins Gespräch.

Erst skeptisch, dann erstaunt

Da es im Ort fast keine verkehrsberuhigten Zonen gibt, das Dorf also in seinen Augen sehr "autogerecht" strukturiert ist, war Kiesel zunächst skeptisch, wie die Leute auf seine Initiative reagieren würden. "Aber dann war ich erstaunt, denn die meisten Bürger, die ich ansprach, fanden die Idee gut, mehr verkehrsberuhigte Zonen einzurichten." Den Leuten sei es offensichtlich wichtig, die Straßen, den öffentlichen Raum, durch solch eine Initiative wieder lebenswerter zu machen.

Auch ein paar Buben unterschrieben

In diesen Tagen sammelte Kiesel gut 160 Unterschriften für die "möglichst breite Einführung von Tempo-30-Zonen in Rannungen. "Das sind immerhin 17 Prozent aller Wahlberechtigten. Ich finde, das ist ein tolles Votum."

Und er hätte wohl weit mehr Menschen im Ort erreichen können, wenn es die Pandemie nicht gäbe, und man beispielsweise bei den Leuten auch mal hätte klingeln können, glaubt Kiesel. Besonders rührend fand er, dass plötzlich ein paar kleine Jungs auf ihn zu rannten und unbedingt ihre Namen auch auf die Liste setzen wollten.

Freilich gab es auch wenige Leute, die sein Vorhaben "unsinnig" fanden, vor allem, wenn es um eine Verkehrsberuhigung in den Hauptstraßen geht, sagt Kiesel im Gespräch mit dieser Redaktion. "An Tempo 30 hält sich doch eh' keiner", sagten andere, die zwar nicht unterschreiben wollten, aber dennoch recht "frustriert" von der Verkehrssituation seien, so der Rannunger weiter.

Liste an den Bürgermeister übergeben

Am 13. April übergab Kiesel jetzt die Unterschriftenliste mit dem Antrag auf Tempo 30-Zonen in Rannungen an Bürgermeister Fridolin Zehner. "Denn die Gemeinde hat einen großen Handlungsspielraum, und es gibt, wie man sieht, zahlreiche Bürger, die darauf hoffen, dass die Gemeinde diesen auch nutzt." Ruhigere Straßen bedeuten, nach Ansicht des Rannungers, mehr Sicherheit im Außenbereich.

Kiesels Vision: "Dadurch kann wieder mehr Leben zwischen den Häusern, mehr Kontakt und Gemeinschaft entstehen."Isolde Krapf