107 Urkunden, Zertifikate, Zeugnisse und Diplome liegen auf dem Tisch. Sie stehen für 107 Menschen aus den Landkreisen Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld, die in Krankenhäusern, Arzt- und Therapiepraxen, Pflegeheimen und Behinderteneinrichtungen arbeiten und eins gemein haben: Sie sprechen sich gegen die einrichtungsbezogene Impfpflicht aus und warnen vor den Folgen. Sie befürchten, dass sich die ohnehin angespannte Personalsituation noch verstärkt und die Gesellschaft noch mehr gespalten wird.

"Es geht um die freie Entscheidung", sagen Lea A. und Uwe M. (Namen von der Redaktion geändert) fügt hinzu: "Man gibt die Selbstbestimmung komplett auf." Lea A. und Uwe M. sind zwei von vier Initiatoren, die die Urkunden-Aktion ins Leben gerufen haben. Die Kopien sind an Landrat Thomas Habermann (Rhön-Grabfeld) übergeben worden, auch Landrat Thomas Bold (Bad Kissingen) soll die 107 Kopien noch bekommen.

Urkunden kopieren

Die Initiatoren haben sich an einer ähnlichen Aktion im süddeutschen Raum orientiert. Über WhatsApp oder persönliche Kontakte riefen sie ihre impfpflichtkritischen Kollegen auf, ihre Zeugnisse zu kopieren und abzugeben und den Aufruf weiterzuleiten. Um die Anonymität zu wahren, sollten sie den Namen auf den Urkunden unkenntlich machen, dafür aber die Postleitzahl ihres Wohnortes aufschreiben und - wenn gewünscht - ein kleines Statement abgeben. Zehn Tage lief die Aktion, 107 Urkunden kamen zusammen. Die meisten sind aus den Altlandkreisen Bad Kissingen, Bad Königshofen und Bad Neustadt, sagt Lea A.

Es ist die Pflicht, die die Akteure stört. "Die Frage der Impfbereitschaft ist nicht identisch mit der Frage der Impfpflicht", sagt Uwe M. "Es gibt viele, die geimpft sind, und trotzdem gegen die Impfpflicht sind", ergänzt Lea A. "Man gibt die Selbstbestimmung komplett auf, das höchste Gut", sagen sie. Uwe M. führt die Patientenverfügung ins Feld, bei der jeder selbst über lebensverlängernde Maßnahmen bestimmen kann. Auch in der Behindertenhilfe habe das Selbstbestimmungsrecht in den letzten Jahren immer größere Bedeutung bekommen. "Und wir werden wie kleine Kinder entmündigt."

Keine Coronaleugner

Sie sind gegen die Impfpflicht, wollen sich aber nicht in eine Ecke drängen lassen. "Ich bin kein Coronaleugner, ich sehe jeden Tag, dass es Corona gibt", sagt Lea A. "Ich war noch nie auf einem dieser ,Spaziergänge'", ergänzt Uwe M. Sie wollen nur darauf aufmerksam machen, dass sie gegen die Impfpflicht sind und die Bevölkerung informieren, was ab dem 16. März droht. Inzwischen zeichnen sich zwar Übergangslösungen ab, das verschiebt das Problem allerdings nur und löst es nicht. "Wir wünschen uns, dass man im Gespräch bleibt, miteinander redet und sich nicht in Gruppen spalten lässt", betont Lea A. "Und dass wir als Gesellschaft nicht auseinander fallen."

"Wir arbeiten in Berufen, die so wichtig sind, die so gelobt wurden", sagt Uwe M. "Und jetzt wird der Notstand noch verstärkt." Was die Akteure befürchten: Viele Kollegen werden in ihrem Beruf nicht mehr arbeiten können oder wollen. "2020 haben wir noch Beifall bekommen", ergänzt Lea A. Ab 16. März werde es Probleme geben, wenn die einrichtungsbezogene Impfpflicht kommt, ist sie überzeugt. Es werde ja schon jetzt oft am Limit gearbeitet.

Die meisten Betroffenen, die ihre Urkunden abgegeben haben, nutzten die Gelegenheit, ein kleines Statement darauf zu schreiben. "Pflege mit Herz und ohne Impfpflicht", ist sehr oft zu lesen. "Mit Impfpflicht wird es definitiv eine Kinderkrankenschwester weniger geben!", steht auf dem einen, oder: "Ich liebe meinen Beruf. Aber nicht um jeden Preis. Nein zur Impfpflicht" auf einem anderen. "Schade, dass man auf mich verzichten will", "Habe meinen Beruf geliebt", "Krankenschwester: 43 Jahre mit Liebe ausgeübt!", "Ich würde gern bleiben", ist da zu lesen und vieles mehr. Offensichtlich sind auch nicht alle Teilnehmer der Aktion ungeimpft, denn eine Gesundheits- und Krankenpflegerin schreibt: "Ich werde nicht mehr einspringen, wenn meine acht Kollegen gehen müssen."

Namen nicht geschwärzt

Bei den meisten Urkunden und Zertifikaten ist der Name geschwärzt, so wie es die Initiatoren gewünscht hatten, aber nicht bei allen. Dr. med. Eckhard Meinshausen beispielsweise hat das nicht getan. Er ist Anästhesist am Campus in Bad Neustadt. "Gerne würde ich meinen Patienten sowie Kolleginnen und Kollegen am Campus meine Berufserfahrung auch nach dem 16. März noch zur Verfügung stellen, aber es wurde verboten", hat er auf seine Weiterbildungs-Urkunde "Spezielle Anästhesiologische Intensivmedizin" geschrieben. Und: "Sehr schade!" Dr. Meinshausen gehörte zu den Organisatoren einer Demonstration gegen die Impfpflicht in Bad Königshofen. Er setzt sich vehement gegen die Einführung einer Impfpflicht ein, obwohl er selbst vielen seiner Patienten die Impfung empfiehlt.

Zu den Urkunden haben die Initiatoren ein Begleitschreiben verfasst. "Mit Befremdung und Entsetzen haben wir zur Kenntnis genommen, dass die politischen Entscheidungsträger ihre vielfach wiederholten, ablehnenden Beteuerungen bezüglich einer Impfpflicht gebrochen haben und nun, offenbar aus purem Aktionismus, als ersten Schritt sich die Mitarbeitenden in der Pflege ausgesucht haben, um diese menschlich, epidemiologisch und rechtlich umstrittene Maßnahme durchzusetzen", heißt es darin.

Lob und Anerkennung zu Beginn

Die Menschen hinter den Urkunden seien überwiegend langjährig tätig, manche haben über 30 Jahre Erfahrung. "Wir haben uns weit über das Selbstverständnis eines bloßen Jobs hinaus mit Herzblut auf die oft herausfordernden Aufgabenstellungen eingelassen." Gerade seit Beginn der Pandemie seien sie mit Lob und Anerkennung ausgezeichnet worden. Der Mangel an Fachkräften schien ihre Arbeit noch wertvoller und unverzichtbarer zu machen, schreiben sie.

"Nun ist plötzlich alles anders: wegen unserer gut begründeten, abweichenden Güterabwägung, in vielen Fällen auch abweichenden Gewissensentscheidung in Bezug auf das Impfen gegen Covid-19, werden wir quasi wie unverständige und bockige Kinder entmündigt", heißt es in dem Schreiben. "Plötzlich ist unsere fachliche Expertise abwegig, unser persönliches Engagement offenbar entbehrlich. Die Impfpflicht wirke wie ein Brandbeschleuniger in einer ohnehin angespannten Personalsituation, die Spaltung und Ausgrenzung in der Gesellschaft allgemein in den Arbeitsteams im Besonderen werde sich noch weiter zuspitzen. Man müsse sich bewusst machen, dass damit Menschen nach verdienstvollem Einsatz für die Gesellschaft und deren Randgruppen in das berufliche und wirtschaftliche Aus gedrängt werden, dass Menschen gegen ihre Überzeugung in die Impfung getrieben werden und dass nachfolgende gesundheitliche Probleme, egal ob in einem kausalen Zusammenhang oder nur in einem zeitlichen, dieses Los schier unerträglich machen könnte.

Letztlich führen die Initiatoren an, dass hinter jedem heute noch Ungeimpften noch zwei bis drei andere stehen, die ernste Bedenken hätten, sich nach der 2. und 3. Impfung noch weiter impfen zu lassen und bei allen, die heute als "vollständig geimpft" oder genesen gelten, mit einem Federstrich der Status in "ungeimpft" und damit impfpflichtig verwandelt werden kann.

Die Urkunden sollen die Brisanz und den Umfang der aufgezeigten Problematik symbolisieren und sichtbar machen, die eine rigorose Ausführung des Impfzwangs nach sich ziehen würde. "Niemand aus dem dadurch repräsentierten Personenkreis hat den immensen Druck, die Nachteile und die Verdächtigungen leichtfertig bis heute ertragen, ohne dafür schwerwiegende persönliche Gründe zu haben, die oft in der eigenen oder familiären Leidensgeschichte ihren Ursprung haben." Die Mandatsträger werden gebeten, alles zu tun, um Schaden von den Einrichtungen und den ihnen anvertrauten Menschen abzuhalten und den viel beschworenen gesellschaftlichen Ausgleich und Zusammenhalt zu fördern.