Sie ist eine der wenigen Bereiche, die nicht unmittelbar von Corona betroffen ist: Die Windkraft. Der Wind weht zwar nicht immer, aber er lässt sich nicht durch das Virus beeinflussen.

Wenn er weht, es sogar stürmt, dann ist das eine gute Nachricht für Vorstandsmitglied Dieter Stichler und die Bürger, die zur Nüdlinger Energiegenossenschaft gehören. Dann nämlich wird überproportional viel Strom produziert. Aber auch bei wenig Wind produziert die Anlage Strom.

Den Grundstein, dass dies heute überhaupt möglich ist, legten die Bürger vor zehn Jahren. Sie gründeten die Energiegenossenschaft, die den Bau der Windkrafträder vorantrieb. Am 21. November 2014 war es soweit: Die 58 Meter langen Rotorblätter drehten sich. Die ersten Kilowattstunden Strom wurden produziert.

Seit nun etwas mehr als sechs Jahren laufen die beiden Windräder auf dem Lerchenberg. Beide Anlagen haben laut der Nüdlinger Energiegenossenschaft seit November 2014 bis Ende 2020 insgesamt 54 Millionen Kilowattstunden (kWh) Strom erzeugt.

Schwankungen im Sommer und Winter

Der Wind weht nicht immer gleichstark, daher schwankt der Ertrag. "Wir ernten den vorhandenen Wind. Dieser weht besonders verlässlich über das Winterhalbjahr, wenn die Photovoltaikanlagen von den kurzen Tagen ausgebremst werden", sagt Dieter Stichler.

Ein weiterer Vorteil der Windräder sei die Stromproduktion auch bei Nacht, wenn die Photovoltaikanlagen "schliefen". "Im Idealfall produzieren die Anlagen 24 Stunden lang Strom ohne Unterbrechung." Bei stürmischen Böen kämen bis zu 115 000 Kilowattstunden zusammen. Lange Hochdruck-Wetterlagen im Sommer ohne nennenswerten Wind seien dagegen nicht sehr förderlich für den Ertrag. Beide Anlagen liefen sehr stabil und erreichten seit 2017 die prognostizierten Erträge aus den Windgutachten, die der Planung im Jahr 2014 zugrunde lagen.

Planung ging auf

"Die Stromproduktion liegt über 2000 Volllaststunden im Jahr, eine Grenzlinie für einen wirtschaftlichen Erfolg der Anlagen in unserer windarmen Region", erklärt Stichler.

Rund zehn Millionen Kilowattstunden im Jahr erzeugen die beiden Windräder. Als Vergleich: Mit einer Kilowattstunde Strom kann man etwa eine Ladung Wäsche bei 60 Grad laufen lassen, je nach Fernseher etwa sieben Stunden fernsehen oder 90 Stunden eine Stromsparlampe leuchten lassen.

Versorgung der Nüdlinger Haushalte

Reicht der Ertrag der Windräder von zehn Millionen Kilowattstunden, um Nüdlingen zumindest rein rechnerisch mit Strom zu versorgen?

Um diese Frage zu beantworten, muss man unterscheiden, ob man vom privaten Stromverbrauch der Haushalte spricht oder den gesamten Stromverbrauch der Gemeinde etwa mit Schule, kommunaler Verwaltung und Unternehmen meint.

Und: Je nachdem, ob man die Nüdlinger Energiegenossenschaft oder die Nüdlinger Verwaltung fragt, bekommt man unterschiedliche Antworten, da beide auf eine unterschiedliche Datenbasis zurückgreifen und diese jeweils auch ihre Schwachstellen hat.

Die grundlegende Antwort ist aber eindeutig: Nüdlingen steht sehr weit vorne, was die Deckung seines Energieverbrauchs aus erneuerbaren Energien betrifft. "Wir sind in Nüdlingen auf einem guten Weg und arbeiten weiter daran, damit die Energiewende und der Klimaschutz vorankommen", sagt Bürgermeister Harald Hofmann.

Energieatlas Bayern

Der Vorstand der Nüdlinger Energiegenossenschaft geht davon aus, dass bei einem Jahresverbrauch eines Haushaltes von etwa 3000 Kilowattstunden die produzierte Menge der Nüdlinger Windenergieanlagen rechnerisch für mehr als 3000 Haushalte reicht. Der Vorstand der Energiegenossenschaft bezieht sich bei seinen Berechnungen auf die Angaben des bayerischen Energie-Atlas. Ein Vorteil: Diesen kann jeder im Internet unter energieatlas.bayern.de ansehen. Ein Nachteil ist aber, dass der Atlas den Stand aus dem Jahr 2018 angibt und die Angaben aus statistischen Daten errechnet werden, so dass diese vom tatsächlichen Verbrauch abweichen können.

Anhand der Angaben des bayerischen Energie-Atlas lässt sich sagen, dass die beiden Windräder 2018 etwa 64 Prozent des in Nüdlingen und Haard verbrauchten Gesamtstroms und sogar 162 Prozent des privaten Stromverbrauchs deckten. Nimmt man dazu noch die Photovoltaikanlagen wurden 2018 weitere 15 Prozent des gesamten Stromverbrauches durch erneuerbare Energien gedeckt.

Stromeinsparungen

Seit 2018 hat sich die Stromerzeugung und der Verbrauch der Gemeinde geändert. Neue Photovoltaikanlagen sind dazu gekommen. Insgesamt 202 Photovoltaikanlagen erzeugten 2020 in Nüdlingen Strom, so der Bürgermeister.

Außerdem versucht die Gemeinde, Strom einzusparen. So wurde 2018 etwa die Straßenbeleuchtung in Nüdlingen komplett auf LED-Technik umgerüstet, der Stromverbrauch für die Straßenbeleuchtung ging daraufhin im Folgejahr deutlich zurück.

Unterschiedliche Datenquellen

Bürgermeister Hofmann liegen aktuellere Zahlen vor als die des bayerischen Energie-Atlas von 2018, aber er sagt, er könne nur die Daten aus Nüdlingen mitteilen, da der Ortsteil Haard nicht von den Gemeindewerke Nüdlingen (GWN), sondern von E.ON als Netzbetreiber versorgt werde. Die Gemeindewerke Nüdlingen seien im Wettbewerb mit anderen Stromversorgern. Die Verwaltung möchte deshalb keine Zahlen veröffentlichen, die Wettbewerbern Rückschlüsse auf das Netz mitteilen, so die Erklärung des Bürgermeisters. Aber er sagt, der Ertrag der Windräder entspräche 158 Prozent des in Nüdlingen verbrauchten Stroms.

Zusätzlich zu den zehn Millionen Kilowattstunden der Windräder, würden rund 2 023 000 Kilowattstunden von Photovoltaikanlagen stammen. Rund 73  600 Kilowattstunden werden außerdem durch Kraft-Wärme-Kopplung-Anlagen in das Netz eingespeist. In der Summe würden also laut Aussagen des Bürgermeisters über 12 Millionen Kilowattstunden aus erneuerbaren Energien beziehungsweise Kraft-Wärme-Kopplung-Anlagen erzeugt. Dies entspreche rechnerisch einer Versorgung der Gemeinde Nüdlingen (ohne den Ortsteil Haard) von 191 Prozent. Die Energiegenossenschaft weist daraufhin, dass durch Kraftwärmekopplung erzeugte elektrische Energie auf Öl basiere und daher nicht zur erneuerbaren Energieerzeugung gerechnet werden könne.

Das Fazit des Bürgermeisters: "Die beiden Windkraftanlagen auf dem Lerchenberg sind für die Nüdlinger Energiegenossenschaft und unsere Bürger eine Erfolgsgeschichte. Es sei ein "vorbildliches Bürgerprojekt zur Energiewende".