Holger Fritsch hat sich mit seinem Schaftböller am Rand des Rathausplatzes aufgestellt. Die Waffe des Kanoniers wirkt wie eine übergroße Pistole oder wie ein Gewehr mit zu kurzem Lauf. Er stopft sie mit Schwarzpulver, verdichtet nach und wartet dann auf seinen Einsatz. Der Rathausplatz ist ungeachtet des schlechten Wetters voller Menschen - Elferräte, Gardemädchen und Zuschauer. Oben im Rathaus wehren sich Bad Kissingens dritter Bürgermeister Thomas Leiner (CSU) und seine Stadträte vor dem Ansturm der Narren vom BTC Garitz und der Fidelia Reiterswiesen. Unten aus der Menge heraus lesen Prinzessin Lisa I., Alexander Pusch (beide Fidelia) und Christian Rüth (BTC) den Stadtoberen die Leviten. Kanonier Fritsch zündet auf ein Signal seinen Schaftböller und schickt einen mächtigen Donnerschlag in Richtung Rathaus. Der Jäger und Sportschütze ist zwar selbst nicht Mitglied im Faschingsverein, aber: "Ich schieße jedes Jahr für die Fidelia und den BTC auf dem Rathausplatz", sagt er. Hobbymäßig.

Beim traditionellen Zwiegespräch mit dem Bürgermeister nutzen die Narren die Gelegenheit, um ordentlich gegen die Stadtpolitik auszuteilen. Frischen Wind, so ihr Fazit, habe die Stadt nötig. Immerhin habe der neue Intendant des Kissinger Sommers, Tilman Schlömp, überzeugt und für den ebendiesen gesorgt. Von dem für Schlömp einmal abgesehen, wird ansonsten nicht viel Lob verteilt.

Ein Thema, das Alexander Pusch, Prinzessin Lisa I. und Christian Rüth unter den Nägeln brennt, ist die Fußgängerzone und die um Jahre verspätete Altstadtsanierung. Die Fußgängerzone sei für Deutschlands bekanntesten Kurort eine Schande und befinde sich in einem derart schlechten Zustand, dass die Narren drohen, im nächsten Jahr nicht mehr in die Kernstadt zu kommen. Dass die Stadt das Alte Rathaus zur Vinothek umbaut, mache die Situation nur noch gefährlicher, weil die Leute im Rausch auf dem Belag erst recht auf die Gosche fallen. "Ja merkt ihr denn nicht, das Thema Fußgängerzone bressiert, schaut endlich mal zu, dass hier was passiert", ruft Pusch dem Bürgermeister entgegen.

Bei ihren Besuchen in der Kernstadt sind den Narren aber noch andere, optisch wenig einladende Stellen aufgefallen. Kritik geht unter anderem in Richtung der Stadtstrand-Betreiber, die dieses Jahr nach Abbau des Sandes offenbar "den Rasen vergessen haben." Faschingsprinzessin Lisa I. hofft, dass bald Schnee die Matschfläche auf dem Areal unterhalb der Ludwigsbrücke verdeckt.

Ebenfalls wenig ansehnlich findet sie den Busbahnhof am Berliner Platz. Das Thema kocht zwar immer mal wieder im Stadtrat hoch, liegt derzeit aber aus finanziellen Gründen auf Eis. Lisa I. findet dennoch, dass die Stadt aus touristischer Sicht gut beraten ist, den Platz schöner zu gestalten. "Weltkulturerbe wollt ihr werden, und das schon seit Jahren. Hoffentlich kommen die Juroren nicht mit dem Bus angefahren", spottet sie. Etwas resigniert wirkt da im Anschluss die Feststellung ihrer beiden Mitstreiter, dass Bad Kissingen an anderer Stelle dann aber doch sehr viel Geld ausgibt - ein Seitenhieb auf den teuer sanierten Springbrunnen im Rosengarten und dessen hohe Unterhaltskosten.

Aber auch die Brachfläche am Kurgarten, auf der früher das Kurhaushotel stand, und der immer noch nicht zum Luxusressort umgebaute Fürstenhof ziehen den Spott der Reitschwiesner und Göritzer Narren auf sich. Eher wird der Flughafen in Berlin fertig, als dass an genannten Stellen wieder Fünf-Sterne-Häuser betrieben werden.

Bürgermeister Leiner verteidigt Rathausschlüssel und Stadtkasse zunächst tapfer und will die Narren wieder auf ihre Hügel zurücktreiben. Am Ende gibt er sich naturgemäß der Kritik und den donnernden Kanonenschlägen geschlagen und räumt das Rathaus für deren Regentschaft.