In das Lied "O Freuden über Freuden, dass ich gekommen an", stimmten die fast 300 Fußpilger beim Einzug in die Wallfahrtskirche "Maria im Grünen Tal" in Retzbach aus frohem und dankbarem Herzen nach 50 Kilometern ein. Noch ergreifender und erfüllter war aber die Rückkehr am zweiten Tag in Oerlenbach mit einem innigen "Großer Gott, wir loben dich", zumal der Heimweg größtenteils bei Regen zurückgelegt werden musste.
Manche, die zum ersten Mal dabei waren, sind sich sicher: Nächstes Jahr gehen sie wieder mit.
Viel Lob zollten die Wallfahrtsverantwortlichen Otmar Seidl und Otmar Lutz den Teilnehmern: "Ihr habt euch auf dem langen Weg sehr diszipliniert verhalten, auch den Unbilden der Witterung zum Trotz. Wir sind wieder gut ohne Zwischenfälle sicher zu Hause angekommen und freuen uns auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr bzw. zuvor beim Dankgottesdienst."

Beeindruckende Trompetensoli

Mit dem Wallfahrtssegen verabschiedete Pfarrer i. R. Balthasar Amberg um 2.30 Uhr am Samstag die Pilger in der Pfarrkirche St. Burkard. Unter den 155 Teilnehmern waren einige, die zum ersten Mal mitgingen. Dazu gehörte Katrin Seifert, die schon mit den Hammelburgern nach Vierzehnheiligen und von Heufurt aus zum Kreuzberg gezogen war. "Als Oerlenbacherin war es mir ein Bedürfnis, mit nach Retzbach zu gehen. Meine Mutter ist bereits seit vielen Jahren dabei." Bei einer der Pausen ergänzte sie, dass ihr das Laufen in der Nacht sehr gut gefalle. "Vor allem die Trompetensoli von Tobias Lutz mit ,My Way‘ am Wallfahrtskreuz und ,The Rose‘ vor Kützberg waren super. Im nächsten Jahr bin ich wieder dabei."
Ähnlich äußerte sich Denise Stößer: "Seit Jahren schon hatte ich vor mitzulaufen. Obwohl ich die Füße ganz schön spüre, bin ich begeistert. In der großen Gemeinschaft fühle ich mich bestens aufgenommen."
Unterwegs schlossen sich noch viele Pilger auf insgesamt 278 Personen an. Neue Kräfte brachten die Pausen in Schwebenried, Reuchelheim und Binsfeld.
Mit 32 Musikanten verbuchte die "Retzbachkapelle" eine neue Rekordzahl. "Ohne Musik ist die Wallfahrt unvorstellbar, ohne sie könnten wir den Weg kaum schaffen", bestätigten viele der Teilnehmer. Die Musiker "aus 36 Orten" - so ihr Leiter Otmar Lutz - sind eine bestens harmonierende Gruppe.

Eine Wette verloren

Einige der Musiker reisen eigens von weit an wie Thomas Lutz aus Tettnang am Bodensee oder Paul Goldmann und Guido Morper aus München. "2002 habe ich eine Wette verloren. Den Einsatz nach Retzbach mitzuspielen löste ich mit etwas Bangen ein. Aber heute bin ich darüber sehr froh. Der Wallfahrtsvirus hat mich beim ersten Mal erfasst. Die Teilnahme ist alljährlich ein tolles Erlebnis, das den Kopf von der Alltagsarbeit befreit. Es macht riesigen Spaß, in der Kapelle mitspielen zu dürfen", bekennt Morper. Der gebürtige Rannunger ist Rechtsanwalt. "Retzbach am dritten Septemberwochenende hat in meinem Terminkalender oberste Priorität", sagt er.
Den "Retzbachvirus" tragen viele in sich, auch wenn sie inzwischen weiter weg wohnen. Dazu gehören Kurt Federau (jetzt Tettnang) und Ludwig Erhard (Hirschfeld), die beide die Verkehrsregelung seit vielen Jahren übernehmen, oder Patricia Sonneck und Christoph Griebling, die beide aus München kommen.
Über ihre Oerlenbacher Freundin Maria Schmid stieß Elisabeth Elting 1973 zur Wallfahrtsgruppe. "Nur ein Mal musste ich passen. Da hatte die goldene Hochzeit meiner Schwiegereltern Vorrang", erzählte sie. "Retzbach gehört einfach dazu, auch wenn ich in den letzten Jahren nicht mehr die ganze Strecke laufe. Missen möchte ich Retzbach nicht, zumal ich mit meinem Mann alljährlich an unserem Hochzeitstag per Fahrrad dorthin fahre."
"1990 sprachen mich Bekannte an, nach Retzbach mitzugehen", erinnert sich Maria Renninger. "Es gefällt mir, in so großer Gemeinschaft unterwegs zu sein", ergänzt sie.
"Meine Mutter ist mir Vorbild. Mit 12 Jahren nahm sie mich das erste Mal mit. Seitdem spiele auch in der Kapelle mit. Die Wallfahrt in so großer Gemeinschaft schenkt mir viel Ruhe und Kraft", bekennt Stefanie Lutz, die 2011 nach Santiago pilgerte.

Sich gegenseitig stützen

Bei Marianne Gößmann war der Beginn anders: "Ich komme nicht aus einer Wallfahrtsfamilie. Als ich 14 war, animierte mich unsere Nachbarin Elvira Braun. Seitdem ist es mir ein Bedürfnis, dabei zu sein. Gerne übernehme ich das Vorbeten."
"Der Anstoß, dass derjenige, der glaubt, nie allein ist, trägt uns", betonte Otmar Lutz, der neben Kapelle den Vorbetungsdienst regelt. Pilgern verlange Aufbruch, Loslassen, ein Ziel setzen, Belastungen auf sich nehmen und sich gegenseitig stützen. Viele Pilger sind lange dabei. Am Ende des Abendgottesdienstes in Retzbach zeichnete Pfarrer Postler jene, die zum 40. bzw. 25. Mal dabei waren, aus. Als größte Gruppe und mit dem weitesten Weg genießen die Oerlenbacher ein Privileg: Wallfahrtspfarrer Gerold Postler empfängt sie schon an den Weinbergshöhen über Retzbach und geleitet sie zur Gnadenstätte. Nach kurzer Erfrischung folgten Kreuzweg und am Abend Bußgottesdienst, Lichterprozession und Eucharistiefeier. Der Tag klang in gemütlicher Runde aus. Früh aufstehen hieß es am Sonntag mit dem Morgengottesdienst um 6 Uhr. Nach dem Frühstück warteten erneut 50 Kilometer. Nach kurzem Halt am Wallfahrtskreuz schloss der Einzug in die Pfarrkirche zusammen mit Pfarrer Dr. Peter Okafor die beiden Tage ab.

Ehrungen
40. Teilnahme: Elisabeth Elting (Hain), Karin Bauer (Rieneck)
Das Wallfahrtskreuz für 25 Jahre erhielten Ingrid Beck (Holzhausen), Ilse Erhard, Maria Renninger, Dieter Werner (alle Rottershausen), Susanne Erhard (Rannungen), Marianne Gößmann, Stefanie Lutz (beide Oerlenbach) und Lorenz Schneider (Hain).

Helfer
Vorbeter: Patricia Sonneck, Christoph Griebling (beide aus München), Renate Brand, Marianne Gößmann, Margarete Stefan und Martin Vierengel
Träger: Willi Hemmerich (Wallfahrtsbild) gibt dabei das Tempo vor
Sanitäter: Günther Gößmann-Schmitt und Rudi Baier

Zahlen 278 Personen sind mitgelaufen
50 Kilometer l einfache Strecke
32 Musikanten

Termine Dankgottesdienst am Samstag, 15. November, um 18.30 Uhr in Oerlenbach, anschließend Begegnung im Pfarrheim