Es ist der 31. März 1962 auf dem Wiesengrund am Blauen Turm. Es hatte den Winter über viel Schnee gegeben, der nun schmolz und die komplette Wiese in einen kleinen See verwandelte. Den Kindern aus Weißenbach war es eigentlich verboten, am Wasser zu spielen. Das hinderte den siebenjährigen Gerhard Heinle allerdings nicht daran, es trotzdem zu tun.
Unterhalb des Blauen Turms verläuft der Weißenbach, in den eine etwa vier Meter breite Betonrohrüberfahrt eingelassen ist. Auf diesem Rohr stand Heinle mit einigen Schulfreunden und schmiss Holzstücke in das braune Schmelzwasser. Die starke Strömung erfasste die provisorischen Schiffchen und schwemmte sie durch das Rohr auf die gegenüberliegende Seite. "Wir haben geschaut, ob sie am anderen Ende wieder herauskommen", erzählt er heute.
Der zwei Jahre ältere Arno Müller stieß zufällig hinzu. Er hatte gerade Schuhe von seinem Großvater zum Schuster gebracht und befand sich auf dem Weg nach Hause. Das Verbot der Eltern im Hinterkopf, wollte er eigentlich gar nicht ans Wasser runter gehen. Als er aber die anderen Kinder dort spielen sah, entschied er sich um und lief in seinen Gummistiefeln über die überschwemmte Wiese.
Er hatte das Betonrohr noch nicht ganz erreicht, als Heinle abrutschte. Müller sprang mit einem beherzten Sprung bei und packte zu. Mehr als Heinles Zipfelmütze bekam er jedoch nicht zu fassen. Heinle stürzte kopfüber in den Weißenbach und war augenblicklich verschwunden. Die starke Strömung ergriff den schmächtigen Jungen, zog ihn unter Wasser, riss ihn in die Unterführung. "Das hat ewig gedauert", erinnert sich Müller, "und Gerhard kam und kam einfach nicht wieder raus." Stattdessen wurde immer neues Geäst herausgespült, das sich vorher in dem Betonrohr verfangen hatte. Nach einer gefühlten Ewigkeit erkannte Arno Müller eine Winterjacke in der Tunnelöffnung. Er konnte den Freund jedoch nicht gleich erreichen, da dieser hin- und hergetrieben wurde.
Nach mehreren erfolglosen Anläufen zog er den beinahe Ertrunkenen schließlich aus dem Wasser. Heinle war nicht ansprechbar, also hielt Müller ihn fest gepackt und schüttelte ihn kräftig: "Als Wiederbelebungsmaßnahme." Gleichzeitig schrie er unentwegt: "Lebst du noch, lebst du noch?" Heinle, der unter Wasser kurz das Bewusstsein verloren hatte, war in der Zwischenzeit wieder zu sich gekommen: "Ich wollte auch ,Ja' schreien, aber ich habe in dem Moment einfach keinen Ton herausgebracht." Also schüttelte Müller ihn weiter. Als Heinle wieder bei sich war, schlichen die Kinder klammheimlich nach Hause. Sie hatten Angst, dass es Ärger geben würde, weil sie sich über das Verbot der Eltern hinweggesetzt und am Wasser gespielt hatten. "In den Gummistiefeln stand das Wasser. Das ist schon verdächtig aufgefallen", sagt Heinle. Doch die erwartete Standpauke blieb aus.
Heute können die beiden Nachbarn über den Vorfall lachen. Damals ist ihnen allerdings der Schreck in die Glieder gefahren. Die anderen Kinder, die den Vorfall beobachtet hatten, blieben vor Schock entweder regungslos stehen oder rannten sogar weg. Müller hingegen handelte geistesgegenwärtig und reagierte damit genau richtig. "Weil ich noch nie vor etwas weggerannt bin", meint er im Nachhinein.