Claudia Dunkelberg ist sich sicher: "Die Seele eines Volkes zeigt sich im Tanz und der Musik." Ein klein wenig neidisch blickt die Musiklehrerin da nach Lettland, "wo fast jeder in einem Chor singt". Dort habe die Musik einen ganz anderen Stellenwert, man nennt Lettland auch das "singende Land". Claudia Dunkelberg spricht von einem regelrechten Singvirus, von dem die Letten infiziert seien.


Dieser Virus scheint ansteckend zu sein und überträgt sich offensichtlich auch auf Nicht-Letten. Nachdem es sie selbst erwischt hat, sind nun auch noch zehn Schülerinnen und zwei Schüler des Schönborn-Gymnasiums befallen. Das gibt es nur eine Therapie: Auf zum großen Sänger- und Tanzfest nach Lettland. Und genau das werden sie vom 2. bis 9. Juli tun. "Es ist schon ein Abenteuer", sagt die Lehrerin.

Begonnen hat das Ganze bei einer Geburtstagsfeier, an der auch Kollege Christian Stoßberg und seine Frau Dace Dzintare teilnahmen, eine waschechte Lettin. Dabei erfuhr Claudia Dunkelberg, dass es die alle fünf Jahre stattfindenden Sänger- und Tanzfeste in den drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen gibt.

Die Unesco hat die außergewöhnlichen Treffen bereits zum Weltkulturerbe erklärt. Kein Wunder, dass da alle dabei sein wollen, beispielsweise auch die in Deutschland lebenden Letten. Unter der Leitung von Marc Opeskin treffen sich etwa 40 davon regelmäßig in Münster.

Die Idee war geboren. Claudia Dunkelberg fragte nach, ob sich deutsche Schülerinnen und Schüler nicht diesem Chor anschließen könnten. Schließlich ist es ja ein Europa. Das alles musste natürlich mit den Organisatoren abgestimmt werden. Die Zusage kam prompt. Und das Beste daran: Normalerweise werden nur Auswahlchöre zugelassen, die sich entsprechend qualifizieren müssen. Der Chor aus Deutschland mit Letten und Schülern aus Münnerstadt ist auf alle Fälle dabei.

Europäischer Gedanke zählt


Claudia Dunkelberg, die sämtliche Chöre am Gymnasium leitet, weiß, dass diese Chance etwas ganz Besonderes ist. Deshalb mussten sich die Schülerinnen und Schüler auch schriftlich begründen, warum sie mit nach Riga wollen. "Das haben sie sehr schön beschrieben", lobt Claudia Dunkelberg, der es neben dem Chorgesang vor allem auch um den europäischen Gedanken geht. Und so standen die zehn jungen Frauen und zwei jungen Herren der elften und zwölften Klasse fest. "Was gibt es schöneres für die Jugend, als fremde Länder kennenzulernen."

Zu den Proben gefahren

Für Claudia Dunkelberg ging es jetzt erst richtig los: Sie fuhr zu sämtlichen Proben der Letten in Münster, um dann wiederum mit ihren Schülern in Münnerstadt zu üben. "Das ist richtig schwere Chormusik", sagt sie. Und das bestätigen die jungen Leute gern. "Es wird langsam", sagt Nikolaus Jira. Die ersten Proben seien aber sehr schwer gewesen. "Die Musik ist komplett anders." Dazu müssen sie auch noch in einer Sprache singen, die ihnen total fremd ist. Niemand von ihnen ist jemals zuvor in Lettland gewesen.

Doch das wird sich jetzt schlagartig ändern. Am 2. Juli startet das Flugzeug nach Riga. Geschlafen wird in einer Schule im Schlafsack. "Schlafmöglichkeit, Frühstück und Mittagessen sponsert der lettische Staat", erklärt Claudia Dunkelberg.

Der Verein Freunde des Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasiums und der Elternbeirat unterstützen die Reisegruppe. Eine Nacht schlafen sie sogar in einem Hotel. Geplant sind unter anderem eine Stadtführung durch Riga und ein Ausflug an die nahe Ostsee.

Den Höhepunkt bildet natürlich der Auftritt mit rund 15.000 Sängerinnen und Sänger. Dabei werden sie auch noch in lettische Trachten gesteckt. "Wir haben die Größen durchgegeben", sagt Claudia Dunkelberg. Es wird wohl wirklich ein richtiges Abenteuer.

"Weil ich gern singe und weil ich gerne im Chor bin", begründet Nikolaus Jira seinen Wusch, mit nach Riga zu fahren. Lettland habe eine komplett andere Musikkultur. Er spricht von einem einmaligen Event, an dem sie teilnehmen können. "Ich hoffe, dass es mir so gut gefällt, dass ich noch einmal nach Lettland fahren werde."


Auf einem guten Weg

"Ein Mensch, der in einem Chor singt, ist auf dem richtigen Weg", meint Claudia Dunkelberg. Man müsse sich einordnen können, sei Teil eines Ganzen und verspüre die Kraft der Gemeinschaft. Wenn das so ist, dann müssen die 13 Münnerstädter (Claudia Dunkelberg singt natürlich auch mit), innerhalb eines 15.000-köpfigen Chores auf einem sehr guten Weg sein.