Ein ortsfremdes Fahrzeug fährt mit zu hoher Geschwindigkeit von Bad Neustadt kommend in Münnerstadt auf die Kreuzung Riemenscheiderstraße/Manggasse/Deutschherrnstraße. Dass es nicht kracht, ist nur der Aufmerksamkeit der Autofahrerin zu verdanken, die aus der Manggasse kommt und eigentlich Vorfahrt hat. Der Ortsfremde wähnte sich auf einer Vorfahrtsstraße. Solche Szenen sind relativ oft an dieser teils schlecht einsehbaren Kreuzung zu sehen. Gekracht hat es seit 2011 acht Mal, wie Lothar Manger, zuständig für Verkehr bei der Polizeiinspektion Bad Kissingen, herausgesucht hat. Ansonsten gibt es kaum Probleme mit der Rechts-vor-links-Regelung. Aber es gibt noch ein paar Stellen, an denen die Situation nicht ganz klar ist.
"Vorfahrt ist kein Recht, man kann sie nicht erzwingen", sagt Verkehrserzieher Matthias Kleren. Es gebe auch schon Urteile, bei denen heimische Autofahrer zumindest eine Mitschuld bekommen haben, wenn sie einem Ortsfremden reingefahren sind, der ihnen die Vorfahrt genommen hat.
An solchen Kreuzungen gelte das Gleiche wie an Stellen, bei denen die Situation unklar ist und auch ganz allgemein: "Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht." So steht es im Paragraf 1, Absatz 1 der Straßenverkehrsordnung. "Damit ist alles gesagt, eigentlich bräuchte man keine weiteren Paragrafen", meint Matthias Kleren. Er weiß natürlich, dass das leider so nicht funktioniert.


Abgesenkter Bordstein

"In der Altstadt gilt rechts vor links", erklärt er. Wenn ein abgesenkter Bordstein vorhanden ist, wird diese Regelung außer Kraft gesetzt. Als Beispiel nennt der Verkehrserzieher den Marktplatz. Wer dort herausfährt, muss Vorfahrt beachten. Gleiches gilt bei der Ausfahrt der Salzgasse, allerdings gibt es hier noch eine Besonderheit. Autofahrer müssen nicht nur die Vorfahrt der Autos beachten, sie überqueren auch einen Fußweg, das heißt Fußgänger haben Vorfahrt. Viele Autofahrer kommen allerdings mit einer relativ hohen Geschwindigkeit und fahren über den Fußweg bis zur Einmündung vor. Das erfährt Matthias Kleren gleich am eigenen Leib.
In Münnerstadt ist es angesichts der unterschiedlichen Pflasterung wirklich nicht leicht, Verkehrssituationen richtig zu deuten. "Eine Regenrinne ist kein abgesenkter Bordstein", betont der Polizeihauptmeister. Auch wenn eine solche Rinne eine optische Abtrennung bildet, so hat sie doch keinen Einfluss auf die Rechts-vor-Links-Regelung. Als Beispiele nennt Matthias Kleren die Ausfahrt vom Kirchplatz auf den Hafenmarkt. Wer hier von Richtung Jörgentor bzw. Deutschherrnstraße kommt, muss die Vorfahrt gewähren, wenn jemand aus dem Kirchplatz ausfährt.


Noch ein wunder Punkt

Ein bisschen weiter oberhalb trifft das Gleiche zu. Wer von der Zehntscheune kommt hat gegenüber Fahrern, die vom Anger kommen, Vorfahrt. In der Praxis ist das fast nie zu sehen, weil auch dort eine Regenrinne eine optische Trennung vornimmt.
Es gibt auch Stellen, bei denen es nicht ganz so einfach ist, da fragt auch der Verkehrserzieher vorsichtshalber noch einmal nach. Ein Beispiel dafür ist die Einfahrt in die Stadt am Oberen Tor. Wer aus Richtung Schweinfurt in die Stadt einbiegt, muss die Vorfahrt gewähren, wenn jemand aus Richtung Bad Neustadt, nach links in die Stadt einbiegt. Unmittelbar dahinter mündet aber der Talweg ein. Diese Einmündung wird als eigenständig betrachtet, sie gehört nicht zu der Einmündung der Ortseinfahrt. Folglich muss ein Fahrer aus Richtung Schweinfurt in die Stadt zwar dem Abbieger des Gegenverkehrs die Vorfahrt gewähren, gegenüber Autos aus dem Talweg hat er Vorfahrt. Wer also aus dem Talweg kommt, muss allen anderen die Vorfahrt gewähren.
Lothar Manger findet es überhaupt nicht schlimm, dass an manchen Stellen die Situation nicht ganz eindeutig ist. Er hat da seine Erfahrungen: "Je unsicherer die Verkehrslage ist, desto mehr passen die Leute auf", sagt er. Anders sehe es aus, wenn sie sich in Sicherheit wiegen.


Erst die Fußgänger

Und Matthias Kleren gibt den Autofahrern noch etwas mit, was er auch immer seinen Schülerlotsen lehrt. Autofahrer müssen beim Abbiegen auf die Fußgänger achten, deren Weg sie schneiden. Wer also beispielsweise von der Veit-Stoß-Straße in die Kapellengasse abbiegt, muss warten, bis Fußgänger die Kapellengasse zwischen Elektro-Schlegelmilch und Bäckerei Lehann (oder umgekehrt) überquert haben. Erst dann darf er fahren.
2011 hat es fünf Unfälle in der Kernstadt mit der Ursache "rechts vor links" gegeben, drei davon an der Kreuzung Riemenschneiderstraße/Manggasse/Deutschherrnstraße, wo in den Jahren 2012, 2013 und 2014 jeweils der einzige Unfall passierte. 2015 waren es bisher vier Unfälle, davon drei an dieser Kreuzung.