Während der Besuch einer Fränkischen Weinkönig an den Orten entlang des Mains und im Saaletal keine Seltenheit ist, wird sie an der Lauer fast nie gesehen, was natürlich nicht verwunderlich ist. Denn Weinanbau gib e s hier schon lange nicht mehr. Aber am Freitag, 18. September, wird die Fränkische Weinkönigin Carolin Meyer bei der Eröffnung der neuen Weinstube "angerWein" erwartet (wegen Corona nur für geladene Gäste). Ihr Besuch und der dort ausgeschenkte Frankenwein (auch wenn er nicht an der Lauer gewachsen ist) erinnern an den früher bedeutenden Weinanbau in Münnerstadt.

Stadtarchivar Klaus Dieter Guhling übersetzt der Text der alten Urkunde. Sie ist in Latein verfasst, so wie es damals üblich war. Das Ehepaar Egi und Sigihilt wollten im Jahr 770 etwas für ihr Seelenheil tun. "Nachnamen gab es damals noch nicht, die sind erst zwischen den 12. und 14. Jahrhundert entstanden", sagt Klaus Dieter Guhling. Das Ehepaar schenkte all sein Hab und Gut dem Kloster Fulda, was unter anderem Abt Styrmi besiegelte. Zu dem Eigentum gehörten Weinberge, Felder, Weiden und Gewässer in Munirihestat im Grabfeldgau. Und weil es damals so üblich war, wurden die Leibeigenen gleich mit verschenkt.Unterzeichnet wurde die Urkunde am 28. Dezember 770. Dieses Schriftstück ist die erste urkundliche Erwähnung Münnerstadts, die heuer eigentlich ihre 1250-jähriges Bestehen feiern wollte. Es ist aber gleichzeitig der Nachweis des Weinanbaus, der älteste in ganz Franken.

Dass Hammelburg als älteste Weinstadt Frankens gilt, hat einen guten Grund: Dort wird der Weinanbau noch in großen Stil betrieben. Die Schenkungsurkunde von Karl dem Großen stammt allerdings aus dem Jahr 777, ist damit sieben Jahre jünger als die Münnerstädter. Das Schriftstück von Egi und Sigihilt allerdings ist lediglich als Abschrift erhalten. Und das Original? "Das gibt es nicht", sagt Klaus Dieter Guhling. Es ist offensichtlich in den Wirren der Jahrhunderte verloren gegangen. Dass es nur eine Abschrift aus dem 17. Jahrhundert gibt, habe allerdings nichts damit zu tun, dass Münnerstadt nicht als älteste Weinstadt gilt, sagt der Stadtarchivar. Das liege einfach daran, dass es in Münnerstadt keinen Weinanbau mehr gibt. Das Stadtjubiläum wäre ja auch gefeiert worden und das bezieht sich auf die gleiche Abschrift.

Der frühere Arzt Dr. Johannes Becker hat ein ganzes Buch dem Weinanbau in Münnerstadt gewidmet. Er hat alte Aufzeichnungen durchforstet. Demnach spielten die Klöster beim Weinanbau eine erhebliche Rolle, in Münnerstadt auch der Deutsche Orden. Die Deutschherren waren dem Rebensaft auch nicht abgeneigt. Überall um die Stadt herum wuchs Wein, der allmählich zum Alltagsgetränk wurde. Über die Jahrhunderte lässt sich der Weinanbau belegen, nicht nur in Münnerstadt, sondern auch in den umliegenden Dörfern.

Dr. Johannes Becker ist bei seinen Recherchen auch auf Kurioses gestoßen, beispielsweise auf einen Vorschlag aus dem 18. Jahrhundert, wie man feststellen könne, ob ein Boden für Weinanbau geeignet ist, oder eher nicht. Demnach sollte man ein Loch graben, die Erde in einem Gefäß mit Wasser übergießen und dies dann trinken. Schmeckt das Wasser salzig oder bitter, so werde auch der Wein so schmecken, ist es süß, werde ein guter Wein wachsen, hieß es.

In Münnerstadt gab es Ende des 17. Jahrhunderts Streit wegen des Weins. Bürgermeister und Rat führten Klage gegen dem Komtur des Deutschen Ordens, weil dieser Wein verkauft habe, was dem Stadtrecht widersprach. Der Wein der Bürger blieb nämlich unverkauft. Man nehme ihnen das Brot vom Mund, hieß es. Wie der Zwist ausgegangen ist, wurde nicht überliefert.

Neben den Gastwirtschaften gab es in Münnerstadt auch Weinstuben und Heckenwirtschaften. Das Geschäft florierte, aber um 1730 gab es einen drastischen Einbruch beim Weinertrag. Dies wird unter anderem auf die damals herrschenden klimatischen Verhältnisse zurückgeführt. 1813 verkauften die Augustiner ihre letzten Weinberge in Althausen. 1853 veräußerten sie ihr Kelterhaus, zwei Jahre später auch den letzen klösterlichen Weinberg im Münnerstädter Goldgrund. Dort kann man noch heute vereinzelt Weinstöcke finden. Die Klösterer hatten einen Ersatz. Sie brauten ein "vortreffliches Bier", wie es damals hieß.

Zu jener Zeit gab es Bestrebungen, beim Wein mehr auf Qualität als auf Quantität zu setzen. Da konnte Münnerstadt nicht mithalten, das Klima an Main und Saale war viel besser geeignet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschwanden die letzten Weinberge, 1904 gab es keinen einzigen mehr. Dr. Johannes Becker beendet sein Buch mit folgendem Satz: "Angesichts der fortschreitenden Klimaerwärmung könnte man auf den Gedanken kommen, auch in Münnerstadt, wenigstens als Hobby, wieder Reben anzubauen und eine Jahrhunderte alte Tradition aufleben zu lassen."