Zeit ist ein relativer Begriff. 30 oder 35 Jahre sind ja eigentlich eine überschaubare Zeit, wie es aber vor 35 Jahren im Münnerstädter Juliusspital ausgesehen hat, ist heute nicht mehr vorstellbar. 1980 kam Gertie Martin-Schnapp nach Münnerstadt und übernahm die Leitung eines Hauses in dem Zustände herrschten, die man heute nur als katastrophal bezeichnen kann. Der Leiter des Münnerstädter Erzählcafés, Altbürgermeister Eugen Albert, bekräftigte nach den interessanten Ausführungen der früheren Leiterin, dass man sich das heute eigentlich nicht mehr vorstellen könne. Zwar hatte er am Anfang mit einem Augenzwinkern protestiert, weil Gertie Martin-Schnapp nach ihrer Scheidung eigentlich nach Afrika gehen wollte und in Münnerstadt gelandet ist, am Ende musste er eingestehen, dass beides gar nicht so weit auseinander war, was die Zustände im Julisusspital anging.

Viele alte Helfer

"Mir ist es richtig wehmütig zumute", sagte die Erzählerin beim Blick in die Runde. Dort entdeckte sie viele ihrer Helfer von einst, namentlich nannte sie die Familien Hiller, Bauer (Raumausstattung), Pfennig und Hochrein. 1980 war Gertie Martin-Schnapp nach Münnerstadt gekommen, weil man im Juliusspital dringend Hilfe brauchte. Die Leiterin war seit langer Zeit krank. Obwohl der damalige Verwaltungsleiter gesagt hatte: "So eine Frau brauchen wir hier nicht", opferte sie zunächst zwei Wochen ihres Urlaubs. Dann kam sie ganz nach Münnerstadt. "Aus vier Wochen wurde ein Vierteljahr, dann ein halbes und schließlich sind sieben Jahre daraus geworden", erinnerte sie sich Die Bewohner waren meist arm und die Altenpflege steckte 1980 noch in den Kinderschuhen. Während heute ganze Aktenordner über die Bewohner existieren, gab es damals bestenfalls ein Kärtchen, auf dem der Name stand, mit ein bisschen Glück auch der Geburtstag, mit noch mehr Glück der Hausarzt und vielleicht sogar ein Verwandter, den man benachrichtigen kann.

Nur ein Kochtopf

Es gab genau einen Kochtopf, berichtete die damalige Leiterin und in der Küche hat es unangenehm gerochen. Das kam von den Suppenknochen die eine ganze Woche lang ausgekocht wurden. Den Topf schmiss sie erst einmal samt Inhalt in den Garten. Einen Elektroherd gab es nicht, es wurde mit Holz und Kohlen gekocht, aber nur, wenn der Hausmeister auch Lust hatte, Holz hineinzutragen.
Gertie Martin-Schnapp berichtete davon, das es damals nur ein Waschhaus gab, noch nicht einmal eine Waschmaschine. Als sie vom Stiftungsrat die Verfügungsgewalt über 500 Mark bekam, nutzte sie das um eine Waschmaschine zu kaufen - für 10 000 Mark. Das gab Ärger.

Noch Lehmfußboden

Viele Räume des Spitals waren damals mit alten Sachen zugestellt, in einem Zimmer gab es sogar noch einen Lehmfußboden. Gut erinnern kann sie sich auch noch an die erste Sitzung des Stiftungsrates, der damals aus zwölf Bürgermeistern bestand. Nachdem sie sich vorgestellt hatte, sollte sie den Raum verlassen, was sie aber nicht getan hat. Vielmehr fragte sie in die Runde, wann die Herren Bürgermeister denn zum letzten Mal im Spital gewesen sind. So schafft sie es, dass sie wenigstens einmal dem Haus einen Besuch abstatteten.

Beim Laufen geknackt

Mit einem "Lümpchen" haben sich die damaligen Bewohner gewaschen. "Das war wirklich schlimm", sagte sie. Überall gab es Ungeziefer, sodass es beim Laufen ständig geknackt hat. Sie hatte damals das Gefühl, dass alles was die Leute nicht mehr wollten ins Spital getragen wird. Um die Zimmer ein wenig wohnlicher zu machen, kaufte Gertie Martin-Schnapp Tapeten und Farbe, was ihr immer wieder vom Gehalt abgezogen wurde. Trotzdem: "Es hat ganz viel Spaß gemacht." Sie kam zu dem Schluss: "Ich würde sofort alles wieder so machen."
Freude an umfangreichen Ausführungen hatten auch die Zuhörer, von denen viele die Zustände noch kannten. 1985 wurde das Spital umgebaut. "Gertie war ein Engel, den uns Gott geschickt hat", betonte Gudrun Schuster, die damals Seniorenbeauftragte war. Sie lobte die frühere Juliusspital-Leiterin in den höchsten Tönen und trug selbst noch ein paar Erinnerungen vor: So hatte sie dazu beigetragen, dass die unhaltbaren Zustände im Juliusspital bekannt geworden sind, worauf ihr der damalige Bürgermeister ein Hausverbot erteilt hat. Das hat Gudrun Schuster aber nicht davon abgehalten, die alten Menschen im Juliusspital weiter zu besuchen.