Schlechte Zeiten für das Wohnmobil. Seit rund drei Jahren sind Helga und Bruno Heer nicht mehr so oft mit ihrem Gefährt unterwegs, und das liegt keineswegs nur an Corona. Ein gut 400 Quadratmeter großes Stück Erde an der Stadtmauer mit herrlichem Blick auf die Altstadt hat von März bis Ende Oktober ihre ganze Aufmerksamkeit. "Wir sind vier, fünf Tage in der Woche zusammen hier, meine Frau noch öfter", sagt Bruno Heer. Sie haben in den letzten Jahren ein kleines Paradies geschaffen, ein Zier- und Nutzgarten gleichermaßen. Und dabei sind sie eigentlich dazu gekommen, wie die berühmte Jungfrau zum Kind.

Denn eigentlich gehört der Garten gar nicht ihnen, sondern ihrem Sohn Björn. Er hatte sich schon lange einen Garten in Münnerstadt gewünscht und als die Parzelle an der Stadtmauer zum Verkauf stand, hat die Familie Heer zugeschlagen. Es gibt da nur ein kleines Problem: Björn Heer wohnt gar nicht mehr in Münnerstadt, sondern am Starnberger See. Und so haben sie sich die Tätigkeiten im Garten aufgeteilt. "Die Arbeit machen wir und er macht die Planung", sagt Helga Heer. Ihr Sohn plant alles ganz genau, welche Blumen gekauft werden und welche Pflanzen. Und als Rentner haben Helga und Bruno Heer genügend Zeit, sich darum zu kümmern.

Der Garten bietet alles: Auf der einen Seite wächst Gemüse, auf der anderen Pflanzen. Auch einen Teich mit Wiese gibt es. Und natürlich Bäume, die meisten sind erst neu hinzugekommen. Den vorhandenen alten Apfelbaum haben sie erst einmal kräftig stutzen müssen. Um ihn gibt es eine schöne Geschichte, die auch etwas mit den Initialen "OW" zu tun hat, die im Gartentor zu finden sind. Die stehen für Oskar Winkelmann, ihm hat der Garten einst gehört. Dessen Sohn, Karl-Heiz Winkelmann, der das gleichnamige Café am Marktplatz betrieb (heute wieder Zum Bären), verpachtete den Garten. Von den vorherigen Pächtern haben die Heers erfahren, dass Karl-Heinz Winkelmann im Herbst immer die Äpfel von diesem Baum geerntet hat, um damit seinen berühmten Apfelkuchen zu backen.

Es gibt noch mehr Geschichten und Geschichte in dem kleinen Garten. Ganz hinten unmittelbar neben dem Zusammenfluss von Mühlbach und Talwasser steht ein kleines Häuschen, gerade einmal groß genug, um ein paar Geräte hineinzustellen. Aber immerhin, die kleine Hütte verfügt über eine Veranda. Als die Familie Heer den Garten übernommen hat, war die Hütte in einem schlechten Zustand Als sie das Lenolium entfernt haben, kam ein kleines Mosaik zum Vorschein: die Jahreszahl 1932. Da ist sie offensichtlich gebaut worden. Die Hütte selbst haben die Heer belassen, die Holzkonstruktion der Veranda musste aber erneuert werden. "Wir haben uns einen Schreiner geholt, der hat alles wie früher gezapft", sagt Bruno Heer. Keine Schraube hält die Konstruktion zusammen.

Was von den alten Balken noch gut war, fand gleich eine neue Verwendung. Bruno Heer hat aus den Balken und einer ausgedienten Fensterscheibe einen Tisch gemacht und ein paar Bänke dazu. So ist ein schöner kleiner Platz entstanden, an dem sie schon den eine oder andre Geburtstag gefeiert haben.

Wenn man den blühenden Garten sieht, kann man gar nicht glauben, dass Helga und Bruno Heer bis vor ein paar Jahren nicht unbedingt Gartenexperten waren. "Wir haben uns gezwungenermaßen eingelesen in den Bereich Nutzgarten", sagt Bruno Heer. Und sie haben viele Tipps und Hilfe von den Gartennachbarn bekommen. "Man muss einfach nachfragen, ich habe kein Problem damit", fügt Helga Heer hinzu. Schließlich seien sie ja etwas überraschend zu Gartenbesitzern geworden.

Jetzt ist es an der Zeit, die Früchte ihrer Arbeit zu ernten, Zucchini und Erdbeeren beispielsweise. Und wenn sie dann doch wieder einmal ins Wohnmobil steigen und zu ihrem Sohn an den Starnberger See fahren, geht die Ernte mit auf Reisen. Schließlich soll Björn Heer auch etwas von seinem Garten haben.