Sie lagen in der hintersten Ecke. Als Maria Sattler die alten Zeitungen auf dem Dachboden fand, staunte sie nicht schlecht. Große Berichte über den frühen Tod von Franz Schemm, NSDAP-Gauleiter der Bayerischen Ostmark, Reichsverwalter des Nationalsozialistischen Lehrerbunds (NSLB) und Bayerischer Kultusminister, sind da zu finden. Auch die Hochzeit von Hermann und Emmy Göring am 10. April 1935 wurde in der Ausgabe der Münnerstädter Volkszeitung vom 12. März angekündigt. Der Trauzeuge war Adolf Hitler.


Vom März 1935

Alle Zeitungen stammen vom März 1935. Die Münnerstädter Volkszeitung ist darunter, der Generalanzeiger und die Mainfränkische Zeitung. Auf einer Ausgabe des Nachrichtenblattes "Funk und Bewegung" ist mit Bleistift der Empfänger notiert: Huppmann. "Was für eine Vergangenheit", sagt Maria Sattler. Es sei erstaunlich, welche Entwicklung das Haus schon unter ihrer Vorgängerin Leonie Müller genommen habe. Vom Zuhause eines NSDAP-Kreisleiters zum Ort der interkulturellen, spirituellen Begegnung. "Und das ist eigentlich schön. Huppmann würde sich wahrscheinlich im Grab umdrehen."


Das Elternhaus verwaltet

Die von ihr gefundenen Zeitungen dürften Georg Huppmann gehört haben, der im Jahr 1940 gestorben ist. Maria Sattler hat herausgefunden, dass sich danach ein Sohn, Dr. Joseph (Sepp) Huppmann, um die Verwaltung und dann auch um den Verkauf des Gebäudes gekümmert hat. Er dürfte nach ihrer Recherche auch selbst einige Zeit in dem Haus gelebt haben. Dr. Sepp Huppmann war NSDAP-Kreisleiter, ihm wurde 1936 das Ehrenbürgerrecht der Stadt Münnerstadt verliehen, weil er "sich als Wegbereiter nationalsozialistischen Gedankengutes unvergängliche Verdienste um die Stadt Münnerstadt erworben" habe. 1946 beschloss der Stadtrat allerdings, ihm die Ehrenbürgerschaft wieder abzuerkennen, weil er sich als "Wegbereiter einer verbrecherischen Staatsführung, als der böse Geist der Stadt Münnerstadt" erwiesen habe. "Dieser Beschluss wurde öffentlich angeschlagen", fügt Klaus Dieter Guhling vom Stadtarchiv hinzu. Dort hat Maria Sattler die Zeitungen inzwischen abgegeben. Im Stadtarchiv lässt sich sicher nachweisen, dass Georg Huppmann in der Riemenscheiderstraße 9 seinen letzten Wohnsitz hatte.
Viele Jahre später hat Leonie Müller das Haus erworben und darin ihren Livingroom, eingerichtet, was übersetzt nichts anderes als Wohnzimmer heißt. Die englische Variante hatte ihren Grund: Leonie Müller, die heute mit der Familie in Polen lebt, stammt aus Südafrika. Sie machte aus ihrem Livingroom ein Ort der Begegnung. "Das war ihr eine Herzensangelegenheit", weiß Maria Sattler, die nach dem Weggang der Müllers das Haus erst einmal kommissarisch weitergeführt hat. "Dann hat sie es mir angeboten und ich habe ja gesagt."


Raum kann gemietet werden

Seit dem 6. Juli 2015 gehört das Haus Maria Sattler. "Der Livingroom kann gegen einen Obolus gemietet werden", sagt sie. Davon machen regelmäßig unter anderem die Offene Behindertenarbeit (OBA) und eine offene Singgruppe gebrauch. Hier trafen sich die Münnerstädter mit den Asylbewerbern, es gibt eine Hausaufgabenbetreuung und demnächst wird eine Hypnosetherapeutin ihre Dienste zum Thema Raucherentwöhnung und Gewichtsreduktion anbieten. "Es lohnt sich immer mal, an die Schaufensterscheibe zu sehen, was hier stattfindet", meint sie. "Ich möchte, dass die Menschen die Gelegenheit haben eine Idee umzusetzen, ohne gleich Hunderte von Euros an Miete zahlen zu müssen." Und: "Hier soll eine Kultur entstehen, ein Raum der Möglichkeiten."
Zuvor musste allerdings noch ein kleines Problem gelöst werden. Dach und Fassade waren sanierungsbedürftig. Genau die richtigen Arbeiten, um in den Genuss von Zuschüssen aus dem Kommunalen Förderprogramm zu kommen. "Ohne den Zuschuss hätte ich es auch nicht machen können", sagt Maria Sattler. Sie bestätigt Aussagen von anderen Hausbesitzern, die ihre Gebäude hergerichtet haben. "Frau Häfner war eine ganz tolle Ansprechpartnerin bei der Stadtverwaltung. Sie hatte immer Zeit für mich." So hat Maria Satt ler ihr Haus fit für die Zukunft gemacht und bei den Bauarbeiten mit dem Zeitungsfund auch ein Fenster in die Vergangenheit geöffnet.


"Ein Selbstläufer"

"Das ist ein Selbstläufer", sagt Bürgermeister Helmut Blank zum Förderprogramm. "Das Konzept der Stadt geht auf." Dass in diesem Zusammenhang auch immer die Verwaltung gelobt wird, freut das Stadtoberhaupt ganz besonders.