Wer heute das neu erbaute Berufsbildungszentrum (BBZ) aus der Nähe anschaut, wird sich vielleicht wundern, dass das kleine Städtchen über ein derart stattliches Gebäude für berufliche Bildung verfügt. Von solchen räumlichen Verhältnissen konnten die ersten Schüler 1953 nicht einmal träumen, als das berufliche Schulwesen in Münnerstadt in einem eigenen Lehrsaal im Deutschherrenschloss seinen Anfang nahm.

Vorausgegangen war der Beschluss des Kreistages, die bestehenden 24 Standorte für die schulische Ausbildung in der Landwirtschaft im Altlandkreis Bad Kissingen auf drei Standorte zu bündeln: Münnerstadt, Bad Kissingen und Burkardroth. Das trostlose Umfeld des ersten Schulraums in Münnerstadt war geprägt von Gerümpel, Bretterverschlägen und abgestellten Maschinen. Das hielt den landwirtschaftlichen Berufsschullehrer Otto Nickl jedoch nicht, ein berufliches Bildungsangebot für die ländliche Jugend zu entwickeln. Aus den bescheidenen Anfängen entwickelte sich dank Nickls Einsatz ein Berufsbildungszentrum, das als Münnerstädter Modell bayernweit Beachtung fand. Im Oktober wäre der Visionär 100 Jahre alt geworden.

Otto Nickl wurde in Hermigsdorf im Sudetenland geboren und wuchs auf dem elterlichen Bauernhof auf. Nach der Volks- und Bürgerschule besuchte er eine Ackerbauschule und absolvierte eine landwirtschaftliche Lehre. Danach folgten fünf Jahre Wehr- und Kriegsdienst. Die Familie wurde 1946 im Zuge der Benesch-Dekrete vertrieben.

In der neuen Heimat arbeitete Nickl zunächst als Gutsverwalter in einem landwirtschaftlichen Großbetrieb in Niederbayern und absolvierte anschließend an der Höheren Landbauschule in Michelstadt eine Ingenieurausbildung. Seinen pädagogischen Neigungen folgend, ließ er sich am Berufspädagogischen Institut in München zum landwirtschaftlichen Berufsschullehrer ausbilden. 1951 trat er seinen Dienst im Landkreis Bad Kissingen an.

Bereits 1954 wurde ihm die Schulleitung der landwirtschaftlichen Berufsschulen im Landkreis Bad Kissingen übertragen. Seine weitere Karriere wurde 1961 durch die Ernennung zum Berufsschuldirektor und schließlich 1981 zum Oberstudiendirektor gekrönt. 1984 trat er in den Ruhestand.

Auch mit der Entwicklung der Schule ging es beständig bergauf. 1955 wurde für die Landwirtschaftliche Kreisberufsschule ein Schulsprengel gebildet, der das gesamte Gebiet des Landkreises umfasste. Münnerstadt war von da an der einzige Schulstandort für die landwirtschaftliche Schulausbildung im Landkreis. Mit der Zentralisierung war eine steigende Schülerzahl verbunden, deren Klassenräume auf mehrere Gebäude in Münnerstadt verteilt waren. 1964 konnten rund 400 Schülerinnen und Schüler in 15 Klassen ein neu errichtetes Gebäude beziehen, das damals als supermodern galt. Heute ist die städtische Musikschule dort untergebracht.

1968 wurde der Kreisberufsschule eine zweijährige Berufsfachschule für Hauswirtschaft und Kinderpflege angegliedert. Viele Absolventen/-innen dieser neuen Schulart wollten sich zur Erzieherin ausbilden lassen, was mit der Gründung der Fachakademie für Sozialpädagogik 1971 möglich wurde und weiter steigende Schülerzahlen und Raumbedarf zur Folge hatte.

Im Schuljahr 1975/76 folgte der Umzug in das neu gebaute Schulgebäude am Karlsberg. In dieses Gebäude zogen 1978 die ersten Schülerinnen der neu gegründeten Berufsfachschule für Altenpflege ein. Zeitgleich wurde das Berufsgrundschuljahr Agrarwirtschaft und ein Jahr später die Fachstufen für Gärtner und Landwirte angegliedert.

Was hier sehr komprimiert beschrieben wird, war nur mit einem immensen persönlichen Einsatz Otto Nickls möglich. Mit Geschick, Durchsetzungsvermögen und Gespür für die Zeichen der Zeit war es ihm gelungen, aus der ehemals landwirtschaftlichen Kreisberufsschule ein Berufsbildungszentrum mit vielfältigen Ausbildungsrichtungen bis hin zur Hochschulreife zu schaffen. Mit großem Wissen und Erfahrung entwarf er Konzepte, für deren Verwirklichung er die Schulaufsichtsbehörden und die amtierenden Kreispolitiker für seine Vorhaben als Unterstützer und Förderer gewann.

Mit der Stadtmedaille und der Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland wurde er für seine Arbeit geehrt. Das heutige Kompetenzzentrum für soziale Berufe mit sechs verschiedenen Schulen sowie die damit verbundene Versorgung mit Fachkräften würde es ohne sein Wirken in Münnerstadt nicht geben.