"Ich hatte es satt, das Mittelalterfest immer im Regen zu feiern und wollte unbedingt raus aus dem Juli", erläuterte Reinhold Wahler, der Vorsitzende der Ritterschaft. "Und wenn es einmal nicht regnete, hatten wir gleich mehr als 30 Grad Celsius. Deshalb sollte es diesmal der Mai sein", fügte er hinzu. Doch im Wonnemonat ergaben sich andere Hürden: Kein Urlaub, viele Märkte und Feste oder einfach Absagen der angemeldeten Teilnehmer.
"Die Wiesen waren nicht gemäht und die Bewirtung mussten wir teils selbst übernehmen, was eigentlich nicht unsere Intension ist, denn wir wollen das Mittelalter ausrichten", wetterte Wahler. "Jetzt müssen wir selbst das Personal stellen. Zwar verfügt die Ritterschaft über Mitglieder von Bad Neustadt bis nach Lüdenscheid aber viele sind nicht immer abkömmlich", informiert er.

Dennoch bot sich den Besuchern eine vielseitige Szenerie. Am Einlass wartete Kartenlegerin "Kiandra" alias Kerstin Priess mit ihrer "spirituellen Lebensberatung". "Menschen kommen mit Fragen zu mir, auf die ich mit Blick in den innersten Winkel eine ehrliche Antwort gebe". Die wortgewandete Seherin rechnet sich der keltischen Druidenkaste zu und arbeitet mit magischen Steinen, Räucherwerk und Tarot-Karten.


Kampftraining für den Ernstfall



Nur einige Schritte weiter findet sich das Lager der "Ex Lex", einer Kämpfertruppe aus dem hessischen Büdingen mit ihren Familien. Ein- bis zweimal pro Monat sind sie auf ritterlichen Veranstaltungen, sagt Kainar Gunnarson, der Wareger-Fürst, der fünf weitere Recken an seiner Seite hat. Um für "den Ernstfall fit zu sein", trainiert er mit seinen Männern mehrmals am Tag, zum Beispiel mit dem Landsknecht Hannes Hoffthaler oder Ensfried, Freiherr vom blanken Bach mit Schwert, Axt und Spieß.

Detlef Kotsch von den Falkenreitern Deutschland siedelt in der Nachbarschaft der Kämpfer und ist der Ziehvater einiger imposanter Raubvögel. Er betreibt die mittelalterliche Falknerei, wobei sich auch ein mächtiger Steppen-Steinadler in seinem Gefolge befindet. "Ich habe das Hobby mit 16 Jahren begonnen und es hat mich nicht mehr losgelassen", lacht er.


Buntes Durcheinander der Stände



Im Burghof bietet sich ein buntes Konglomerat aus Ständen, Zelten und Hütten, von "Leafclaws Schneyderey" über den Branntwein- und Bierhersteller bis zu den Weberinnen, die erstaunlicherweise im Mittelalter schon Brillen trugen. Dazwischen klampfen "Elazar, der Bayer" und "Tilmann der Taschenspieler" hehre Lieder von schönen Frauen und harten Gefechten auf ihren Lauten. Marbun, der Gaukler, jongliert mit großer Geschicklichkeit die Bälle und Stäbe, und die heimische Märchenerzählerin Heidi Andriessen erzählt den Kindern die Sagen aus grauer Vorzeit.

Etwas abseits, im Burggraben, verkauft ein Dominikaner-Pater den Ablass für klingende Münzen. Der Schlingel hat sogar ein Feldkirchlein aus einer Plane errichtet - unter dem er seinen VW-Bus versteckt. Junge Mädchen, die Schiefertafeln und Halbedelsteine feilbieten, die Verkäuferin mit den selbstgemachten Baby-Filzhausschuhen, Tand- und Souvenirhändler versetzen die staunenden Gäste plötzlich für zwei Tage in eine andere Welt. Der Besuch hat also doch gelohnt.

Reinhold Wahler und seine Ritter haben aber schon Neues im Sinn. Sie wollen die Bandbreite des Mittelalters ausweiten und künftig auch andere historische Figuren, etwa Wikinger oder Gruppen aus dem Nach-Mittelalter zulassen. Wahlers Wunschtraum: "Ich möchte den 30-jährigen Krieg auf der Burg nachstellen".