Ihr Händedruck ist kräftig, ihr Lachen auch. Klara Koß sitzt im Rollstuhl im Café in der 17. Etage des Kurstiftes. Ganz oben, wo der Blick über die Wälder streift und bis über das Staatsbad hinaus reicht, erzählt sie aus ihrem Leben. Unten, auf Etage drei, in ihrem Zimmer hängt ein schmaler, goldener Bilderrahmen. Die vergilbten Gesichter hinter der Scheibe sind alt, sehr alt.

"Die Zeit rennt, geht ihnen das auch so?", fragt die hochbetagte Dame gleich am Anfang. Dann liest sie mühelos den Bericht, den die Heimat-Zeitung zu ihrem 100. Geburtstag veröffentlicht hatte, vor: "Ich kann dankbar auf mein langes und gesundes Leben zurückblicken", steht da. Koß schaut auf: "Das kann ich auch heute wieder sagen." Die Zeitungsseite von damals ist auf ein DIN A4 Papier ausgedruckt, die Zeilen sind gerade einmal drei Millimeter hoch. Koß braucht keine Brille. Ihre Hände zittern nicht.

Frauen hatten kein Mitspracherecht

Als Klara Koß am 8. März 1910 in Krügersdorf bei Beeskow in der Nähe von Frankfurt Oder geboren wurde, wusste Europa noch nichts von zwei Weltkriegen. Und es wusste - mit Ausnahme von Finnland - noch nichts vom Wahlrecht für Frauen. "Was müssen wir jetzt auch noch wählen, das ist doch Männersache", beschreibt Koß die Reaktion wohl vieler Frauen, als 1918 das Frauenwahlrecht auch in Deutschland eingeführt wurde.
"Als Frau hat man das alles mehr den Männern überlassen. Man hat sich führen lassen", beschreibt Klara Koß das Rollenverständnis, mit dem sie groß geworden ist. "Ich war das so gewohnt von meinen Eltern her, dass der Vater das Sagen hatte." Mit den Händen gestikuliert sie, das rechte Handgelenk ist mit einem Verband umwickelt. "Den Männern gehorchen ist vielleicht etwas krass ausgedrückt, aber sie mussten sich nach den Männern richten", erinnert sich Koß an die klare Rollenverteilung, und sie sagt tatsächlich "krass".

Seit 1980 im Kurstift zu Hause

Auch Autofahren war für Koß Männersache und ist es ihr Leben lang geblieben. Und das, obwohl sie nach ihrer kaufmännischen Ausbildung 13 Jahre lang in einer Großtankstelle in Berlin arbeitete. "Ein Liter Olex hat 39 Pfennig gekostet, ein Liter Benzol-Gemisch 42 Pfennig und 1 Liter Öl 1,10 Mark", zählt die Seniorin auf, als wäre es erst gestern gewesen. Selbst hinters Steuer traute sie sich aber nie. "Fahr bloß nicht Auto!", habe die Verwandtschaft ihr geraten und Koß hielt sich daran. "Ich hatte viel zu viel Angst, dass etwas passiert."

Stattdessen setzte sie sich gerne auf den Beifahrersitz neben ihren Bruder. Friedrich Koß lebte von 1970 bis zu seinem Tod 1997 im Kurstift. Klara Koß war ihr Leben lang ledig und als 1980 das Zimmer neben ihrem Bruder frei wurde, zögerte sie nicht lange und zog von Frankfurt Main, wo sie seit Kriegsende lebte, nach Bad Brückenau. "Wir sind viel rausgefahren in die Umgebung, das war eine schöne Zeit", erinnert sich die 103-Jährige.

Mit 103 Jahren noch größtenteils selbstständig

Mittlerweile ist Koß nicht mehr ganz so mobil. Nach einem Sturz zog sie im Jahr 2006 auf die Pflegestation um. Auch die Freunde werden weniger. "Die sind ja vor mir alle weggestorben", erzählt Koß, fügt aber gleich hinzu: "Ich komme gut allein zurecht." Mike Mann, der zusammen mit Doris Müller die Pflegedienstleitung im Kurstift hat, sagt: "Ihre größte Leidenschaft ist es, im Zimmer zu sein und zu lesen." Ihre Heimat-Zeitschrift, die Apotheken-Umschau, Ratgeber für Senioren. "Aber das Allergrößte ist für sie, im Bett zu liegen." Nicht weil sie muss, sondern weil sie kann. "Sie sagt immer: Ich habe mein Leben lang gearbeitet. Jetzt gönnt sie sich diese langen Ruhepausen", erzählt Mann.

Trotz ihres hohen Alters wird Koß nur in der ersten Pflegestufe betreut. Das heißt 45 Minuten Pflege in 24 Stunden. "Für eine 103-Jährige ist das nicht viel", sagt Mann. Koß' Alltag beschränkt sich inzwischen auf Gänge zum Einkaufsladen, die sie noch ganz allein bewältigt. Einmal pro Woche geht sie zum Friseur. Beides befindet sich im Erdgeschoss des Kurstiftes.

Lust am Leben

"Ihren Humor hat sie nicht verloren", sagt Mann und erzählt, dass Koß eine von denen war, die bei der Faschingsfeier am längsten durchgehalten haben. Ihr Lachen ist herzlich, ihre braunen Augen hell und klar. Und beim Foto-Shooting, das bei einem 103. Geburtstag unvermeidlich ist, streckt sie doch tatsächlich die Zunge raus. Das ist Lust am Leben.