Es ist selten, dass Stadtarchivar Klaus Dieter Guhling nicht helfen kann. Doch als Katharina Gopp bei ihm nach der Lizenz für die Gründung der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg aus dem Jahr 1947 nachfragte, musste der pensionierte Lehrer passen. Dieses wertvolle Dokument lag seit 60 Jahren bei Gründungsmitglied Toni Hiller und hat jetzt seinen Weg ins Stadtarchiv gefunden. "Ich bin froh, dass ich es los bin", sagt Toni Hiller.

Bloß nichts wegschmeißen


Katharina Gopp wollte vorsichtig sein. Beim Herrichten eines Gruppenraumes der Pfadfinder achtete sich penibel darauf, dass nicht aus Versehen ein wichtiges Dokument weggeschmissen wird. Dabei fragte sie sich, wo eigentlich die von der amerikanischen Militärregierung ausgestellte Lizenz zur Gründung der Pfadfinder geblieben ist, die in mehreren Festschriften anlässlich verschiedener Jubiläen der Pfadfinder abgedruckt ist. Nachdem sie im Stadtarchiv nicht fündig worden war, hat sie sich an Toni Hiller gewandt. "Der Toni ist immer da, wenn man etwas wissen will von vergangenen Zeiten", sagt der Stammesvorstand. Volltreffer.

Etwa fünf Jahre nach Ausstellung der Lizenz hatte Toni Hiller das Dokument mit nachhause genommen und wusste ganz genau, wo es liegt. "Da sieht man einmal, wie sich an einer Person Wissen konzentriert.
Und wenn diese Person nicht mehr da ist, geht dieses Wissen verloren", sagt Klaus Dieter Guhling.Von diesem Wissen gibt der Stammesführer von 1950 bis 1955 und von 1961 bis 1965 auch gleich einmal ein paar Kostproben. Nachdem die Militärregierung ihre Zustimmung zur Gründung einer Jugendgruppe in Münnerstadt gegeben hatte, gründeten Karl Halboth und Stadtpfarrer Pater Wolframm Rosenkranz am 1. Februar 1947 die Münnerstädter Georgspfadfinder, erzählt er.

In der Sakristei der Stadtpfarrkirche wurden die ersten Heimstunden abgehalten. "Später bekamen wir bei Müller am Marktplatz ein Zimmer zur Verfügung gestellt, doch bald hatten wir das Burschenheim mit der halb verfallenen Kegelbahn entdeckt." Mit Fleiß und Eifer haben sie dann versucht, ein schönes Heim daraus zu machen. Im Sommer gab es die erste Fahrt ins Allgäu. "Es war für uns Jungen ein einmaligen Erlebnis."

Besondere Auflagen


So kurz nach dem Krieg war die Lizenz natürlich mit vielen Auflagen verbunden. Unter anderem war das Tragen von Uniformen und Abzeichen verboten. Es sei denn, die Militärregierung hat dies bereits genehmigt, heißt es in einem Zusatz. Heute kann es Toni Hiller ja verraten: Die Jungs haben damals einfach ihre alten HJ-Hemden olivgrün gefärbt und so ein Pfadfinderhemd erhalten. "Jeder hatte ein anderes Hemd", sagt er. Inzwischen sind die Hemden beige und können bei einem Pfadfinder-Ausstatter bestellt werden, sagt Katharina Gopp.
Eine schöne Geschichte hat Toni Hiller bezüglich der früheren Mützen parat: Eine Hutmacherfirma forderte pro Mütze zwölf gut getrockene Kaninchenfelle (Sommerfell). Beschädigte oder kleine Felle zählten nur zur zur Hälfte.
Dann wird er Ur-Pfadfinder ernst: "Leider hat uns Karl Halboth am 19. Juni für immer verlassen. Die Münnerstädter Pfadfinder haben am Grab Abschied genommen mit den Worten des Gründers der Weltpfadfinderbewegung Lord Robert Baden-Powell: Führt andere so zum Glück und ihr werdet euch selbst Glück bringen, und in der Erfüllung dieser Aufgabe tut ihr genau das, was Gott von euch will."

Kontakt zu Amerikanern


Viel kann der Ur-Pfadfinder erzählen. Toni Hiller erinnert an die ehemalige evangelische Pfadfindergruppe, zu denen es gute Kontakte gab. Oder an die Pfadfinder der Amerikaner in Bad Kissingen Toni Hiller schwärmt noch heute von den riesigen Eisbechern, die es beim Besuch in der Bad Kissinger Kaserne gab.
Das alles ist lange vorbei, geblieben aber ist die Original-Lizenz, die jetzt im Stadtarchiv zusammen mit den breits vorhanden Unterlagen von den Pfadfindert verwahrt wird. "Mein Anliegen ist es, dass es sich die Überzeugung durchsetzt, dass Schriftliches im Stadtarchiv sicherer aufbewahrt ist als in Privatbesitz", sagt Klaus Dieter Guhling.