Manchmal sei es nicht möglich, beide Elternteile in die Beratung miteinzubeziehen, "weil die sich gleich wieder an den Hals gehen", sagt Roland Jordan, Familienberater bei der Caritas. Er und seine drei Kolleginnen von der Sozialstation in Bad Kissingen sind für viele Elternteile nach einer Trennung die letzte Hoffnung darauf, dass der Kontakt zum Kind bestehen bleibt.
Laut Bürgerlichem Gesetzbuch haben beide Elternteile ein Recht darauf, Zeit mit ihrem Kind zu verbringen. Falls aber Gefahr besteht, etwa wenn häusliche Gewalt oder Missbrauch vorliegen, oder eine Kindesentführung nicht ausgeschlossen werden kann, wird vom Familiengericht der begleitete Umgang angeordnet. In Bad Kis singen werden die Treffen je nach Härte des Falles entweder von Mitarbeitern der Caritas oder des Mehrgenerationenhauses (MGH) begleitet.


Kurzwahl zur Polizei

Ein Kickertisch, Spielzeuge, Kuscheltiere und ein Kaufladen befinden sich im Zimmer, in dem Roland Jordan von der Caritas die Treffen begleitet. Das Telefon hat eine Kurzwahl zur Polizei, zur Sicherheit. "Richtig ausgeartet ist es noch nie", sagt er, Drohungen und lautes Geschrei kämen aber schon vor. Wer hat wen betrogen, Bürgschaft, Schulden, Existenzängste, ein richtiger Rosenkrieg, erzählt Jordan von einem Fall, den er derzeit betreut. Beim Familiengericht hatte der Vater den Umgang eingeklagt, muss sich aber wegen eines Gerichtsbeschlusses stets 50 Meter von seiner Exfrau entfernt aufhalten. Er hatte die Mutter bedroht, angeschrien und ständig angerufen, ein klassischer Stalker. Sich ein Bild der Umstände zu machen, sei besonders wichtig, man müsse wissen, mit welchen Gefahren man selbst und besonders das Kind zu rechnen habe, sagt Jordan.


Spielkamerad und Beobachter

Zu Beginn macht der Sozialpädagoge das Kind mit sich und dem Raum vertraut, spielt mit ihm, "es muss wissen, dass es sicher ist und der Onkel nett ist", erzählt er. Bei den weiteren Treffen halten sich die Begleiter meist im Hintergrund und beobachten die Situation. Bei einem Fall, erinnert sich Jordan, verliefen die Treffen immer besser, und die Ängste der Mutter konnten abgebaut werden. Sie habe zunächst Angst gehabt, dass der Vater dem Kind Gewalt antun würde. Nach einigen Treffen aber habe sie sagen können, "er war schrecklich zu mir, aber mit dem Kind ist er ein ganz anderer Mensch".


Seltene Erfolge

Jordan strahlt, während er das erzählt, wird aber schnell wieder ernst: "Häufig ist das nicht", fügt er hinzu. Bei der normalen Familienberatung sind die Erfolgszahlen deutlich höher. Ungefähr ein Drittel der Fälle würden vorzeitig abgebrochen, ergänzt seine Kollegin Diana Schölzel. "Das kann am Vater liegen, der sich plötzlich zurückzieht", sagt sie, oder auch von der Caritas ausgehen; etwa wenn der betroffene Elternteil wiederholt angetrunken oder gar nicht erscheint.
"Natürlich schmeiß ich niemanden gleich raus", sagt Schölzel. Zunächst werde mit den Beteiligten gesprochen, an das mit der Caritas vereinbarte Regelwerk erinnert. Die meisten würden sich dann benehmen, sie wüssten schließlich, dass es endgültig vorbei sei, wenn sie sich hier danebenbenähmen.
Die Maßnahme selbst sehen beide mit gemischten Gefühlen: "Es ist schon gut, dass es die Möglichkeit gibt", sagt Schölzel. "Es ist schlimm, wenn das Kind sich Hoffnungen macht und enttäuscht wird", fügt Jordan hinzu. Sich damit abzufinden, ein Elternteil vermutlich nie wieder zu sehen, oder den Streit mitzuerleben, die Vorwürfe. "Du sagst das nur, weil deine Mutter mich ständig schlechtredet", bei solchen Sätzen schreitet Roland Jordan sofort ein. Wenn ein Vater das zu einem elfjährigen Kind sage, spreche er diesem eine eigene Meinung ab, meint er. Jordan selbst achtet sehr auf die Meinung des Kindes und ob es sich wohlfühlt. Über die Treffen berichtet er dem Elternteil mit Sorgerecht, dem anderen spreche er aber auch gerne Lob aus, um zu motivieren, sich weiter mit dem Kind zu beschäftigen.
Die besten Ergebnisse gebe es, so Jordan, wenn die Pädagogen den Erstkontakt zwischen einem Elternteil und dessen Kind begleiten. "Ein sehr emotionaler Moment", so Jordan, "und jedes Mal ganz anders", ergänzt seine Kollegin. Am Anfang fühlen sich die Eltern häufig überfordert, aber hier würden schnell Fortschritte gemacht.
Wenn der Umgang gut verläuft, die Eltern aber noch immer nicht miteinander auskommen, vermittelt die Caritas den Fall an das Mehrgenerationenhaus weiter.


Das Jugendamt ist stets die Schnittstelle


Alexandra Gerhard, pädagogische Fachkraft im Mehrgenerationenhaus (MGH), hört bei Treffen zum begleiteten Umgang mit Kindern schon mal scharfe Worte getrennter Eltern. Sie bringt das Kind dann aus der Situation und versucht anschließend, die Streitenden zu beruhigen. "Der Fokus liegt immer auf dem Kind", sagt Gerhard, die Konfliktlösung käme erst danach. "In 90 Prozent der Fälle bleibt es aber ruhig", sagt sie.


Rosenkrieger und Erstkontakte

Häufig kommen Eltern, die sich nicht begegnen können, ohne zu streiten. Auch Väter, die ihr Kind jahrelang nicht mehr oder noch nie gesehen haben, sind nicht selten. Das Haus ist dann ein neutraler Ort, der eine kommt schon früher, der andere Elternteil gibt das Kind an der Tür ab, so können Streitigkeiten vermieden werden. Die Trennung der Elternteile ist allerdings nicht so strikt wie bei der Caritas, vor der Tür oder auch im Haus kann es ab und zu zum Streit kommen.
Anders als bei den schweren Fällen bei der Caritas, führt die Arbeit von Alexandra Gerhard aber häufig zum Erfolg. Bei einem ihrer Fälle sprachen die Eltern kein Wort miteinander, näherten sich über Monate aber langsam an, auf Anraten von Gerhard kam es zum ausführlichen Gespräch. Inzwischen regeln sie die Übergabe des Kindes selbständig. "Der perfekte Fall", sagt sie und strahlt.


Neues Konzept in Bad Kissingen

Für die Caritas ist die neu entstandene Zusammenarbeit mit dem Mehrgenerationenhaus eine große Entlastung. Das Konzept mit beiden Möglichkeiten, je nach Gefahr für das Kind, wurde von den beiden sozialen Organisationen, dem Familiengericht und dem Jugendamt, gemeinsam erarbeitet.
Trennungsfälle häufen sich seit einigen Jahren im Landkreis, da müsse man sehen, "was kann das Jugendamt machen, wo können Fachkräfte uns unterstützen", sagt Landrat Thomas Bold (CSU). Das Jugendamt habe ein schlechtes Image, sagt Siegbert Goll, der Leiter ebenjenes Amtes. Wenn das Jugendamt kommt, hat das Zwangscharakter, die Eltern Angst, ihr Kind zu verlieren. Deshalb wird oft schon vor dem Ernstfall versucht, an Caritas und MGH zu vermitteln.
Die Zusammenarbeit der verschiedenen Stellen bietet sich in Bad Kissingen besonders an, da Landratsamt, Mehrgenerationenhaus und die Caritas-Sozialstation jeweils nicht weiter als 100 Meter voneinander entfernt liegen. Eltern können sich im Streit- und Trennungsfall selbständig beim Jugendamt beraten lassen oder direkt an die Caritas und das Mehrgenerationenhaus wenden. Auch Scheidungsberatungsstellen verweisen auf die freiwillige Möglichkeit des begleiteten Umgangs.
Wenn ein Fall sich bessert, vermittelt die Caritas an das MGH. Umgekehrt kann eine Begleitung im MGH einen Fall an die Caritas übergeben, wenn sie Gefahrenpotenzial für das Kind erkennt. Das Jugendamt ist bei der neuen Kooperation stets die Schnittstelle .