Die Aufführung des diesjährigen Mysterienspiels "Frau Holle - weiße Weihnachten und frohe Ostern" in der evangelischen Friedenskirche in Bad Brückenau baute in mehrfacher Hinsicht die Brücken von uralten biblischen Überlieferungen und alten Märchensammlungen in unsere Zeit.
Der Schneefall in den Tagen vor der Aufführung tat das Seine dazu.
Ist doch Schnee ein Ursymbol für die Versöhnung des Menschen und das Neuwerden und Neubeginnen ohne die Last des Alten.

So ist dieses Bild des Frau- Holle-Märchens zu deuten, wenn man es nicht als eine "Kindergeschichte", sondern als eine verdichtete Lehr-Erzählung über die innerseelischen Vorgänge des Menschen betrachtet. Seit Jahrzehnten hat die moderne Märchenauslegung solche Zusammenhänge erkannt und belegt, dass sich wohl in den meisten Märchen ganz tiefe Weisheitsaussagen verstecken. Auch der europäische Märchenkongress, der Anfang Mai in Bad Brückenau stattfindet, widmet sich diesen Themen.

Um die Brücke zum christlichen Glauben zu schlagen, wurde der christliche Versöhnungsgedanke in die ganz konkrete Geschichte eines Menschen in seiner Familie hineininszeniert. Hierbei beeindruckten besonders Dominica Pastuschka als Pechmarie und Emma Ferkinghoff als Goldmarie mit ihrer kleinen Tochter, die von der sechsjährigen Elisa Herold in einer beeindruckenden, natürlichen und dadurch eminent authentischen Art gespielt wurde.

Die bewegenden Einzelszenen wurden immer wieder durch die treuen "Lebenshausbaumeister" Valentin Hirschler, Matthias Schulz und Kevin Zeis aufgelockert. Wenn sie als die Bühnenbildner die Kulissen stellten, kommentierten sie den jeweiligen Stand des ganzen Stücks mit einem, durch ihre schauspielerische Leistung wohltuenden Mutterwitz und einer bezaubernden Ehrlichkeit. Sie verstanden es, das eher ruhende, stagnierende Moment der existenziellen Betroffenheit wieder in einen positiven Fluss zu bringen, ohne den Szenen die Tiefe zu nehmen.

So konnte sich das Stück zur Kernaussage entwickeln: Die durch das Fenster des Lebenshauses blickende Frau Holle ist nicht eine andere Person, sondern ein Bild für den "Schatten" des Menschen. Das Fenster, durch das Frau Holle gesehen wird, ist in Wirklichkeit ein Spiegel für den Menschen, Ort einer tieferen Erkenntnis über sich selbst. Der Schatten, das sind seine im Laufe des Lebens abgespaltenen meist negativen Gefühle. Sie stellen sich aber nach der Begegnung mit ihnen als wesentliche, positive Kräfte heraus und ermöglichen so das Neuwerden der Persönlichkeit, was im Märchen und auch im Mysterienspiel durch den kontinuierlich fallenden Schnee Gestalt gewinnt. Der Psychologe Carl Gustav Jung hat diese bahnbrechende Entdeckung für die Entwicklung der Psychologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gemacht und damit der Psychotherapie entscheidende Impulse vermittelt.

All diese psychologischen und theologischen Wahrheiten bauten das Schlussbild auf, das bei allen Zuschauern eine tiefe positive Nachdenklichkeit erzeugte: Nachdem alle dunklen Kräfte sich im Geist der Versöhnung Christi verwandelt hatten, begegnet eine Familie in drei Generationen - Großeltern, Eltern und das kleine Kind dem Osterlicht. Dieses erleuchtet ihre Gesichter, die durch die Liebe verbunden sind, in einer ganz besonderen zarten Art. So zeigt es, dass das Licht der Auferstehung für Christen die große Chance ist, die Brücke zur Liebe wiederzufinden, die die Familien verbindet, auch wenn sie im Alltag oftmals verschüttet wird. Berührt und in einer minutenlang andauernden, nachdenklichen Stille nahmen die weit über 250 Gottesdienstbesucher das Osterlicht entgegen und trugen es hernach in ihre Häuser.