Manchmal beginnt eine Zeitreise im Internet. So zumindest für viele Facebook-Nutzer aus Bad Kissingen. Vor einigen Tagen veröffentlichte Pierre de Pontalba Zeichnungen seines Urahns - Gaston Delfau de Pontalba - in dem sozialen Netzwerk. Gaston - Pierres Ur-Ur-Ur-Großonkel - besuchte Bad Kissingen in der Mitte des 19. Jahrhunderts mehrfach. Seine Bilder geben Einblick in eine längst vergangene Epoche.

Bad Kissingen: Französischer Adliger begleitet seine Mutter zur Kur und zeichnet

Gaston war ein gebildeter Mensch. "Er hat Literatur und Recht studiert, aber er war auch ein Künstler", sagt Pierre de Pontalba, nachdem die Redaktion den Kontakt nach Frankreich geknüpft hat (Gespräch übersetzt). "Von etwa 1840 bis 1860 fertigte er Zeichnungen, Gemälde, Lithografien und Bronzen an." Der Redaktion liegen Gastons Zeichnungen vor.

Frankreich: Vier Schüsse aus nächster Nähe auf die Baroness abgefeuert

Angefertigt hat er diese, während seine Mutter in Kurbehandlung war. Der Grund für die Anwesenheit der beiden in Bad Kissingen ist eine tragische Episode aus dem 19. Jahrhundert. Seine Mutter Micaela hatte einen Beziehungsstreit mit ihrem Ehemann. Dieser eskalierte am 19. Oktober 1834. Ihr Schwiegervater stürmte mit Duellpistolen bewaffnet in Micaelas Gemächer und schoss vier Mal aus nächster Nähe auf sie. Die Kugeln trafen sie in Brust und Hand, mit der sie versuchte, den Angreifer abzuwehren.

Micaela de Pontalba: Baroness brach bewusstlos zusammen

Trotz ihrer Verletzungen gelang es Micaela, aus dem Raum zu fliehen. Sie erreichte die Türe, wo sie in die Arme einer Bediensteten fiel, die die Schüsse gehört hatte. Die Magd flüchtete mit der verwundeten Micaela ins Ankleidezimmer, den bewaffneten Baron dicht auf den Fersen. Dort brach Micaela schließlich bewusstlos zusammen.

Nach seinem Anschlag kehrte der Baron zu seinem Schreibtisch zurück, um sich seinen Studien zu widmen. Am Abend schoss er sich in den Kopf.

Baroness suchte Heilung in Bad Kissingen

Micaela überlebte jedoch. "Sie musste daraufhin oft Bäder einnehmen wegen der Schmerzen von den Schusswunden", weiß Pierre de Gaston, der sich in seiner Freizeit als Familienarchivar betätigt. Dafür machte sie auch in Bad Kissingen Station. Dabei begleitete sie ihr Sohn, Gaston - Pierres Ur-Ur-Ur-Großonkel. "Sie standen sich sehr nahe", weiß Pierre aus den erhaltenen Unterlagen.

Zeichnungen aus der Vergangenheit Bad Kissingens

Untergebracht waren die beiden während einer ihrer Reisen im Jahr 1862 im ehemaligen Kurhaus, das dem Kurhaushotel (Späteres Steigenberger) weichen musste. "Notre maison" - "unser Haus" liest sich am Bildrand. Heute befindet sich dort die Brache, auf der das Kurpark-Ressort entstehen soll. Gastons Zeichnung lässt die alte Zeit wiederauferstehen.

Bekannte Gebäude auf Gastons Zeichnungen

Während Micaela kurte, stromerte Gaston durch Kissingen und die umliegende Flur. Ihn zog es zu fast allen Plätzen, die mittlerweile für die Unesco-Weltkulturerbe-Bewerbung von Bedeutung sind. Surreal wirkt sein Blick von der Ruine Botenlauben ins Tal oder seine Aussicht von der Ludwigsbrücke in die Au. Zahlreiche Gebäude, die heute unser Stadtbild von Bad Kissingen prägen, waren damals noch nicht gebaut.

De Pontalbas weiltern mindestens vier mal in Bad Kissingen

Aus den Dokumenten, die der Redaktion vorliegen, geht hervor, dass Gaston mindestens vier mal in den 1860er Jahren in der Region weilte. Seinen älteren Bruder zog es sogar gänzlich nach Bad Kissingen. Er heiratete in die Familie des Badkommissars Joseph von Parseval ein. "Gaston selbst hat nie geheiratet. Es ist auch nicht bekannt, dass er Kinder gehabt hat", sagt Pierre de Pontalba. Nach seinem Tod 1875 sei Gaston in Vergessenheit geraten.

Nachfahre möchte Bad Kissingen besuchen

"Aber die Familie hat seine Zeichnungen archiviert. Die Alben haben wir in den vergangenen Jahren entdeckt." Das Fenster in die Vergangenheit weckt bei ihm Begeisterung: "Es ist unglaublich spannend, wenn man die Zeichnungen mit den Ansichten von google-Streetview vergleicht." Eine andere Möglichkeit die Werke seines Ahnen mit der Realität abzugleichen, hatte Pierre bislang nicht. Noch nicht - er denkt über einen Besuch der Kurstadt nach.