Bereits zu Beginn der Jahreshauptversammlung des evanglisch-lutherischen Diakonie-Vereins Bad Brückenau-Eckarts herrschte knisternde Spannung im Raum. Was Vorsitzender Eberhard Schelle dann auch mitzuteilen hatte, war ein Paukenschlag: Sichtlich angeschlagen berichtet Schelle über kriminelle Machenschaften seines Vorgängers sowie von zwei weiteren leitenden Angestellten.

"Kurz nachdem wir im April 2012 mit dem neuen Vorstand angetreten waren, mussten wir feststellen, dass die Jahresabrechnungen der Jahre 2008 bis 2011 noch ausstanden", leitete Schelle seine Erklärung ein. "Ich habe damals gleich bei meinem Vorgänger danach gefragt, doch lange Zeit tat sich nichts."

Zwei Angestellte wurden fristlos gekündigt

Wie Schelle weiter berichtete, waren zunächst keinerlei Belege auffindbar. Plötzlich tauchten dann aber doch die fehlenden Abrechnungen bei der Steuerkanzlei Geyer auf. Die Kanzlei informierte den Vorstand postwendend - allerdings mit dem Zusatz, dass "etwas nicht stimmt": Eine große Summe Geld fehlte.

Der Diakonie-Verein brachte die Unregelmäßigkeiten im Juli 2012 zur Anzeige. Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft Schweinfurt gegen den früheren Vorsitzenden. "Es taten sich immer größere Abgründe auf", sagte Schelle auf der Jahreshauptversammlung. Ein hoher fünfstelliger Betrag war veruntreut worden. So erklärt sich auch, dass andere Angestellte in diesen Zeiten oft auf ihre Lohnzahlungen warten mussten. Doch auch bei der Pflegedienstleiterin und einem weiteren Angestellten wurden laut Schelle "Diskrepanzen" entdeckt. Den betroffenen Personen wurde fristlos gekündigt.

Die Benotung rutschte in den Keller

Eine weitere Folge des Desasters waren die apokalyptischen Noten der Qualitätsprüfung im Jahre 2011 von 4,6 und 2012 gar 4,8 im Pflegebereich. "Wir wussten nicht mehr, wie es weitergehen sollte. Je tiefer wir gruben, desto schlimmer stellte sich die Situation der Diakonie dar", schilderte Schelle die Tortur der vergangenen Monate.

Seine Gesundheit litt und leide sehr darunter, so dass seine Vorstandskollegen und er sich nicht mehr in der Lage sehen, die Situation allein zu bewältigen. "Wir haben ohne Ende gearbeitet, aber es war ein Fass ohne Boden", sagte Schelle, dem die zunehmende Erschütterung über die Ereignisse immer deutlicher anzusehen ist. "Es ist so deprimierend zu sehen, dass das, was man seit 1996 gut aufgebaut hatte, durch ein solch kriminelles Tun zunichte gemacht wird." Schließlich bat der Vorstand das Diakonische Werk in Schweinfurt um Hilfe.

Hilfe vom Diakonischen Werk

So stellten sich auf der Jahreshauptversammlung Pfarrer Jochen Keßler-Rosa, der Vorstand der Diakonie Schweinfurt, sowie Jochen Strobel vor. Strobel, der für das übergreifende Qualitätsmanagement verantwortlich ist, übernimmt die kommissarische Leitung der Diakonie Bad Brückenau.

Wie Pfarrer Keßler-Rosa mitteilte, laufen die Ermittlungen noch, werden aber in Kürze abgeschlossen sein. Erst dann gebe es genaue Zahlen. Wichtig sei ihm, die acht Arbeitsplätze in Bad Brückenau zu erhalten und die Lohnzahlungen zu gewährleisten. Eine Entlastung des Vorstands für die Jahre 2008 bis 2011 konnte so natürlich nicht erteilt werden.

Irritation über den Vorsitzenden Eberhard Schelle

Nachdem einige Mitglieder etwas konsterniert über die Vergabe des Vorstandspostens an Eberhard Schelle waren - und diesen in seinem Amt in Frage stellten -, erläuterte Schelle die außergewöhnlichen Umstände, die zu seiner Wahl zum ersten Vorstand geführt hatten.

Während der Jahreshauptversammlung 2012 war zunächst Reinhard Wolf zum Vorstand gewählt worden. Er nahm die Wahl an, revidierte am nächsten Tag jedoch seine Entscheidung und gab das Amt aus gesundheitlichen Gründen wieder ab. Nach § 9 der Satzung wählte der Vorstand daraufhin intern einen neuen Vorsitzenden: Eberhard Schelle. Das Vorgehen wurde anschließend dem Notar ordnungsgemäß gemeldet.