Jetzt also auch das Deutsche Symphonie-Orchester (DSO) Berlin mit seinem Ehrendirigenten Kent Nagano im "Corona-Zweierpack" - also mit zwei Konzerten und einem angepassten Programm. Wer sich im Publikum umhört, hört von viel Mitleid mit den Musikern, die zwei Konzerte hintereinander bei voller Konzentration durchstehen müssen.

Bei aller Bewunderung und allem Respekt: So schlimm ist das nun wirklich nicht. Schließlich dauerten die beiden Konzerte jeweils nur eine Stunde, dazwischen lagen zwei Stunden Pause. Dafür war das Programm relativ musikerfreundlich. Wirklich schwierige Schinken waren nicht dabei.

Spannender Vergleich und unerwartete Begegnug

Auch wenn das Programm musikerfreundlich war, war es trotzdem hochinteressant, weil es einen spannenden Vergleich gestattete und eine unerwartete Begegnung ermöglichte. Zwei Tage zuvor hatten Igor Levit und Paavo Järvi mit der Bremer Kammerphilharmonie das 4. Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven gespielt, das gerne als Tor zur Romantik bezeichnet wird.

Jetzt spielten der Koreaner Seong-Jin Cho und Kent Nagano mit den DSO Beethovens 2. Klavierkonzert. Dieses B-dur-Konzert ist das erste, in dem sich Beethoven mit der Gattung befasst hat. Es hat die "2" nur deshalb bekommen, weil es 1801 bei Hoffmeister in Leipzig erschienen ist. Da war das tatsächlich als zweites entstandene C-dur-Konzert bereits bei Mollo in Wien erschienen.

Von Brahms zu Mozart

Paavo Järvi und Igor Levit hatten zwei Tage zuvor in engem Schulterschluss gezeigt, wie sehr Beethoven in seinem 4. G-Dur-Konzert von den Erwartungen der damaligen Öffentlichkeit abgerückt war, dass es durchaus ein "Fast-schon-Brahms-Konzert" geworden war. Kent Nagano und Seong-Jin Cho zeigten dagegen in aller Deutlichkeit, wo Beethoven gestartet war: mit einem "Fast-noch-Mozart-Konzert".

Die Unterschiede fielen schnell auf: Im G-Dur-Konzert hatte der später von Brahms perfektionierte Verschmelzungsprozess bereits begonnen. So kam es zu einer engen Zusammenarbeit zwischen Solist und Orchester, die aufeinander angewiesen waren. Das in die andere Seite "Hineinhören" war zu einem wesentlichen Faktor geworden, der ein ungemein geschlossenes Gesamtbild lieferte.

Fabelhafte Technik von Seong-Jin Cho

Bei dem 2. Konzert war dieses Hineinhören längst nicht in diesem Maße erforderlich. Denn am Anfang seiner Klavierkonzertkarriere waren für Beethoven Mozarts Konzerte stilbildende Vorbilder. Da ging es nicht um komplizierte Strukturen, sondern um leichte Genießbarkeit. Und die war am leichtesten zu erreichen, wenn entweder das Orchester oder der Solist spielten. Wenn sie gemeinsam spielten, hatte das Orchester nur Begleitungsfunktion. Dieses Modell führten Seong-Jin Cho und das DSO eindrucksvoll vor.

Wobei Seong-Jin Cho mit seiner fabelhaften Technik und seinem nüchternen, aber sehr farbigen Anschlag den plakativ-unterhaltsamen Aspekt seines Parts deutlich machte, ohne jedoch in die Nähe des Pathos zu geraten. Aber auch in manche akrobatischen Läufe ein Aroma von Beethovens Ärger hineinbrachte, dass er so komponieren musste.

Wer Seong-Jin Cho hörte, merkte, dass Beethoven so nicht weitermachen wollte. Andererseits verdeutlichte das Orchester, dass es auf dem Weg zu neuer Expressivität war, dass aber vom Tonfall her auch manche Wendung direkt von Mozart hätte kommen können. Eine außerordentlich spannende Sache.

Schuberts Sinfonie Nr. 3 im Programm

Die andere Überraschung war ein Werk, das im Regentenbau vermutlich noch nie gespielt worden ist. Die Aufführungspraxis beginnt bei Franz Schubert erst mit der 5. Sinfonie. Deshalb kann man das Verdienst von Kent Nagano und seinem DSO gar nicht zu hoch bewerten, dass sie die Sinfonie Nr. 3 ins Programm genommen haben. Es war hochinteressant, diese Sinfonie, die der 18-Jährige in fünf Tagen für ein Wiener Liebhaberorchester geschrieben haben soll, wirklich einmal zu hören. Danach verstand man Brahms.

Denn die Sinfonie klingt noch ein bisschen unerfahren, hat Längen, allerdings nicht die "himmlischen Längen", die Robert Schumann bei Schubert entdeckt hat. Der erste Satz mit seinem wuchtigen Einstieg ist einfach viel zu lang. Da ergeht sich der junge Mann Wiederholungen, vieles wirkt auf spektakuläre Effekte hin komponiert.

Stürmisch tobendes, aber berechenbares Finale

Der zweite Satz war nicht allzu lang und durchaus gelungen. Aber das Menuett schob schon wieder große Klangbrocken vor sich her, unterbrochen von einem volkstümlich abgebremsten Trio. Das Finale bringt die Sinfonie stürmisch tobend, aber auch höchst berechenbar zu Ende. Man möchte sich gar nicht vorstellen, wie die Sinfonie bei dem Wiener Liebhaberorchester geklungen hat.

Aber von den Berlinern hat man sie wirklich gerne gehört. Denn Kent Nagano und seine Leute schafften es in erstaunlichem Maße, Licht in die dunklen Ecken zu bringen, trotz aller Tumulte die Musik durchhörbar zu halten und mit einem famosen Rhythmusmanagement tänzerische Seiten zu entdecken, die man dort nie vermutet hätte.

Es war ein deutlicher Sieg der Ausführung über die Erzeugung. Aber Kunst muss ja auch mal scheitern dürfen - vor allem, wenn sie dann derart liebe- und rücksichtsvoll präsentiert wird. Aber sie profitierte in dem Moment auch von der Freude der Musiker, nach langer Abstinenz, aber auch langer Probenzeit in Kleingruppen endlich wieder auf einer Bühne gemeinsam musizieren und sich von ihrem Publikum feiern lassen zu können.